Das Cranach’sche Kunigundenretabel in der St. Katharinenkirche, Zwickau
Mit Einführung der Reformation in Zwickau als altkirchlicher Kultgegenstand nutzlos geworden, nicht aber als wertlos angesehen, wurde das 1518 von der Cranach-Werkstatt fertiggestellte und ursprünglich in der Stadt- und Hauptpfarrkirche St. Marien errichtete Bildwerk (seine Mitteltafel zeigt die selten prominent dargestellte Fußwaschungsperikope) in der Folge mehrfach umgesetzt. Die erste Translozierung im Jahr 1530 diente offenkundig seinem Schutz als Kunstwerk. Der zweite Ortswechsel 1534 bewirkte die Wiedereinsetzung als Altarschmuck. Die Rehabilitierung erforderte allerdings den – wenn so will – Konfessionswechsel des Retabels. Am heutigen Ort, dem Hauptaltar der unlängst umfassend restaurierten evangelisch-lutherischen St. Katharinenkirche (der ‚unteren‘ oder ‚kleinen‘ Zwickauer Pfarre), repräsentieren die Gemälde seit nunmehr über 480 Jahren den ‚neuen Glauben‘. Sie tun dies – vermeintlich – so selbstverständlich, dass ihre (Vor-)Geschichte heute kaum mehr hinterfragt wird.
Damit ist die Aufgabenstellung des Werkstattgesprächs benannt: Fragen nach den altgläubigen Auftraggebern (Kaland-Bruderschaft), den wettinischen Stiftern (Friedrich III. der Weise und dessen Bruder, Herzog Johann), den ursprünglichen Aufstellungs- und Liturgiekontexten in St. Marien, den Gründen für die ‚Sicherungsverwahrung‘ im (damals bereits verwaisten) Zwickauer Franziskanerkloster (1530-1534) und schließlich den Umständen der Wiedererrichtung in St. Katharinen (1534) soll ebenso nachgegangen werden wie den möglicherweise konfessionsbedingt wechselnden theologischen Codierungen des Retabels und seines Programms. Aber auch die nach 1534 mehrfach modifizierte Montage und Rahmung der Gemälde ist in Hinsicht auf die jeweils veränderten Perzeptionsbedingungen zu untersuchen (Barockisierung um 1660, Gotisierung in den 1870er-Jahren, Entgotisierung 1928/29). Im Blick auf die derzeit laufende Restaurierung der Gemälde (im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen) haben Fragen nach der materiellen Rekonstruktion und Befundinterpretation des Cranach’schen Altarwerks eine besondere Relevanz (ist dies möglicherweise ein Mixtum compositum verschiedener Relikte; und wenn ja, warum und wann wurde es zusammengefügt?). In diesem Zusammenhang spielen auch neue technologische Erkenntnisse zu Unterzeichnungen, zur Holzbeschaffenheit und zu den Pigmenten eine wichtige Rolle.
Die Tagung führt ein im November 2013 veranstaltetes Kolloquium fort (siehe http://arthist.net/archive/6125).
Mit Abschluss der Restaurierung und Indienststellung einer neuen Beleuchtungsanlage soll 2017 eine ausführliche Publikation vorgelegt werden, die die Referate beider Veranstaltungen dokumentieren wird. Eine Vorpublikation in der Form eines Zwischenberichts ist für 2016 geplant (jeweils hg. von Thomas Pöpper). Die Erforschung, Konservierung, Beleuchtung und Dokumentation des Retabels wird von der Sparkasse Zwickau gemeinsam mit der Ostdeutschen Sparkassenstiftung gefördert, die Tagung von der Westsächsischen Hochschule Zwickau, der ev.-luth. Nicolai-Kirchgemeinde und dem Förderverein St. Katharinenkirche Zwickau e.V. unterstützt.
Die wissenschaftliche Konzeption und Projektträgerschaft liegt in Händen von Professor Dr. Thomas Pöpper (Angewandte Kunst Schneeberg, Westsächsische Hochschule Zwickau).
Vorläufiges PROGRAMM
(die Vortragstitel stellen Themenangaben bzw. gekürzte Arbeitstitel dar)
9.00 - 10.00 Uhr / St. Katharinenkirche (Katharinenstraße)
Möglichkeit der Besichtigung des Retabels
(u. a. mit Dipl.-Rest. May Schoder, Dresden)
10.00 - 12.00 Uhr / Pfarramt (Außenstelle Katharinenstraße 27)
N.N. (Vertreter der Landeskirche, der Kirchgemeinde und des Fördervereins)
Grußworte
Prof. Dr. Thomas Pöpper (FH Zwickau)
Einführung und Stand der Forschung. Zehn Thesen
Dipl.-Rest. Dr. Arndt Kiesewetter, Dipl.-Rest. Christine Kelm (Landesamt für Denkmalpflege Dresden)
Zur Befundsuche. Überlegungen zur Objektgeschichte
Prof. Dr. Gunnar Heydenreich (Technische Hochschule Köln)
Zu den Ergebnissen der IRR- und RF-Analysen
Thomas Pöpper: Diskussionsleitung
12.30 - 16.00 Uhr
PD Dr. Susanne Wegmann (Halle/Freiburg i. Br.):
Einführung in die Nachmittagssektion und Moderation
Daniel Görres, MA (Cranach Digital Archive, Düsseldorf):
Zu den Vorlagen für das Bildprogramm
Dr. Karin Kolb (Klassik-Stiftung Weimar):
Statement zur Darstellung der Stifter und der Fußwaschung
Susanne Kimmig-Völkner, MA (Dresden/Berlin):
Zur Umcodierung des Bildprogramms
Anja Ottilie Ilg, MA (Univ. Trier):
Zur kunstwissenschaftlichen Beurteilung des Retabels
Prof. Dr. Ingo Sandner (Dresden):
Zur Frage der Händescheidung
Thomas Pöpper: Fazit und Ausblick
Als Diskutanten nehmen u. a. teil:
Steffi Haupt (Denkmalpflege Zwickau), Antonia Krüger, MA (Schlossbergmuseum Chemnitz), Dr. Petra Lewey (Kunstsammlungen Zwickau), Jürgen M. Pietsch (Spröda), Dipl.-Rest. Sieglinde Prehn (Kunstsammlungen Zwickau), Matteo Rebeggiani (Kulturamt Zwickau), Dipl.-Rest. May Schoder (Ausführende Restauratorin, Dresden) und Prof. Dr. Dr. Andreas Tacke (Univ. Trier).
Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung wird gebeten:
Kontakt: Professor Dr. Thomas Pöpper
Postanschrift: Westsächsische Hochschule Zwickau, Angewandte Kunst Schneeberg, Goethestraße 1, 08289 Schneeberg i. Erzgeb.
Internet: www.fh-zwickau.de/aks
E-Mail: thomas.poepperfh-zwickau.de
Telefon: 03772/3507-0 (Dekanat/Büro)
Quellennachweis:
CONF: Das Cranach’sche Kunigundenretabel (Zwickau, 16 Oct 15). In: ArtHist.net, 17.09.2015. Letzter Zugriff 04.04.2026. <https://arthist.net/archive/11021>.