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Wieviele Michelangelo-Zeichnungen besaß Tommaso de' Cavalieri?
Sickel, Lothar
- deutsche Fassung unten -
[In the light of the current controversy about the size of Michelangelo’s surviving graphic oeuvre, we have decided to publish a short notice that casts new light on some of the archival evidence that has recently surfaced. The Editors]
How many Michelangelo drawings did Tommaso de' Cavalieri own ? By Lothar Sickel
To the recently published volume on Michelangelo by Frank Zöllner, Christof Thoenes and Thomas Pöpper I contributed a short essay concerning the collection of drawings in the possession ofTommaso de' Cavalieri (ca. 1515 - 1587). In this I summarise an important point from my forthcoming article in volume 37 of the Römisches Jahrbuch der Bibliotheca Hertziana which focuses on Tommaso's heretofor unknown sale of more than 230 drawings to the roman nobleman Giovan Giorgio Cesarini in 1580, which I discovered by finding the sale's inventory. My interpretation of the sale's inventory was led by the assumption that Tommaso sold the major part of his collection to Cesarini because his eldest son Mario had died in January 1580, shortly before the sale. Since Tommaso sold only four drawings by Michelangelo to Cesarini, I supposed that he kept only a few more drawings by Michelangelo. This assumption has to be reconsidered in the light of documents which, although published, so far have received no attention by Michelangelo scholars - and by myself. I only became aware of these documents while I was editing my article for the Römisches Jahrbuch.
The documents refer to two albums of drawings which remained in the possession of the Cavalieri family after the sale of the majority of drawings to Cesarini in 1580. The first document, which Wazbinski published already in 1994, is a letter written by cardinal Francesco Maria Del Monte in May 1604. It states that cardinal Odoardo Farnese acquired a volume of drawings by Raphael and Michelangelo from the estate of Tommaso's son Emilio de' Cavalieri, who had died in March 1603. The second note dates from 1615 and is mentioned by Kirkendale. It refers to an album with some drawings - "certi disegni" - of Michelangelo which then was kept by Tommaso's great-grandson Gaspare de' Cavalieri. Both notes render no detailed information about the quantity of the drawings kept in the two volumes. Their content is likewise only vaguely indicated. However, it is very likely that they came from the inheritance of Tommaso de' Cavalieri which still lacks any documentation. The two volumes probably existed already in 1580.
This means that although Cesarini acquired a large part of Tommaso's collection of drawings, an unspecific number of drawings remained in the possession of the Cavalieri. Among these drawings must have been some of the famous presentation drawings - for instance the "Punishment of Tityus" (Windsor Castle) - once kept in the Farnese collection. It is an important discovery that apparently they were acquired only in 1603 by Odoardo Farnese. The full size of the Cavalieri collection needs to be reconsidered. For this the sale's inventory of 1580 remains a key document, because it is the only document with detailed information about the structure of the collection. My forthcoming article in the Römisches Jahrbuch will consider these aspects and includes the publication of all relevant documents. The sale's inventory of 1580 remains a most important document for the difficult reconstruction of the early provenance of Michelangelo's drawings. The demand for a critical scrutiny of Michelangelo's drawings not only persists, but becomes even more diserable. The quoted documents are very helpful to refine our knowledge about the size and the provenance of the Cavalieri collection.
The author is Research Scholar at the Bibliotheca Hertziana - Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Rome.
editor: Rainer Donandt
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[Angesichts der aktuellen Kontroverse über den Umfang von Michelangelos überliefertem zeichnerischem Werk haben wir uns entschlossen, einen Beitrag in der Rubrik Forum zu publizieren, der die dabei jüngst in den Fokus gerückte Quellenbasis neu bewertet. Die Redaktion]
Wieviele Michelangelo-Zeichnungen besaß Tommaso de' Cavalieri ? Von Lothar Sickel
Der kürzlich erschienene Michelangelo-Band von Frank Zöllner, Christof Thoenes und Thomas Pöpper enthält einen von mir verfaßten Beitrag über die Zeichungssammlung des Tommaso de' Cavalieri (ca. 1515 - 1587). Im Zentrum dieses kurzen Textes, der einige Ergebnisse einer ausführlicheren Veröffentlichung in Band 37 des Römischen Jahrbuchs der Bibliotheca Hertziana vorab mitteilt, steht der bislang unbekannte Verkauf eines Konvoluts von über 230 Zeichnungen an den römischen Adligen Giovan Giorgio Cesarini im Jahr 1580, der durch ein von mir aufgefundenes Verkaufsinventar erstmals dokumentiert werden konnte. Meine Interpretation des Dokuments war von der Annahme geleitet, daß Tommaso de' Cavalieri nach dem Tod seines ältesten Sohnes Mario im Januar 1580 den Großteil seiner Sammlung veräußert habe. Da Tommaso dabei nur vier Zeichnungen Michelangelos an Cesarini abgab, vermutete ich, daß er auch nur wenig mehr als jene vier Zeichnungen besessen habe. Diese Annahme ist zu relativieren. Den Anlaß geben Materialien, die, obgleich publiziert, von der Michelangelo-Forschung - und auch von mir - bis zum Zeitpunkt der Drucklegung des Michelangelo-Buches nicht beachtet worden waren. Erst im Verlauf der Bearbeitung des Beitrags für das Römische Jahrbuch wurden diese Archivalien von mir bemerkt.
Es handelt sich um Hinweise auf zwei Sammelbände mit Zeichnungen, die nach dem Verkauf des großen Konvoluts an Cesarini im Besitz der Cavalieri verblieben waren. Der erste Hinweis findet sich in einem von Wazbinski schon 1994 publizierten Brief des Kardinals Francesco Maria Del Monte vom Mai 1604. Darin wird erwähnt, der Kardinal Odoardo Farnese habe einen Band mit Zeichnungen von Raphael und Michelangelo aus dem Nachlaß von Tommasos Sohn Emilio de' Cavalieri erworben. Emilio war im März 1603 verstorben. Der zweite bei Kirkendale erwähnte Hinweis datiert aus dem Jahr 1615 und besagt, daß sich damals noch ein Band mit einigen Zeichnungen - "certi disegni" - Michelangelos im Besitz von Tommasos Urenkel Gaspare de' Cavalieri befand. Die beiden Dokumente geben keine Auskunft über den Umfang der einzelnen Bände. Auch der Inhalt wird nur vage benannt. Es ist gleichwohl anzunehmen, daß die beiden Konvolute aus dem bislang undokumentierten Nachlaß Tommasos stammten. Vermutlich waren sie schon 1580 vorhanden.
Der Verkauf an Cesarini betraf demnach nur einen - allerdings umfangreichen - Teil der Sammlung Cavalieri, in der, nach Ausweis der genannten Dokumente, weitere Zeichnungen Michelangelos zurück blieben. Dazu dürften Geschenkzeichnungen wie die "Bestrafung des Tityos" (Windsor Castle) gehört haben, von denen bekannt ist, daß sie einst im Besitz der Farnese waren. Daß sie offenbar erst 1603 durch Odoardo Farnese erworben wurden, ist eine wichtige neue Erkenntnis. Den Umfang und die Struktur der Sammlung Cavalieri gilt es daher genauer zu bestimmen. Die bevorstehende Publikation aller genannten Dokumente im Römischen Jahrbuch wird der veränderten Sachlage Rechnung tragen, wobei das Verkaufsinventar von 1580 immer noch eine Schlüsselrolle einnimmt, da nur aus diesem Dokument das Spektrum der Zeichnungen im Besitz Tommasos ersichtlich wird. Es ist ein überaus wichtiges Element in der schwierigen Rekonstruktion der frühen Provenienz der Zeichnungen Michelangelos. Das Erfordernis einer erneuten kritischen Sichtung der Zeichnungen Michelangelos bleibt bestehen. Dazu gibt es nun sogar weiteren Anlaß. Die jetzt neu in das Blickfeld der Forschung gerückten Dokumente führen zu einer deutlichen Präzisierung unserer Kenntnis über den Bestand und den Verbleib der Sammlung Cavalieri.
Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bibliotheca Hertziana - Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Rom.
Redaktion: Rainer Donandt
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