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Palazzo Chigi Saracini (22 Jan - 15 Jun 05 Siena)
Invito a Palazzo Chigi Saracini [Siena] – Le stanze e i tesori della
collezione und die angeschlossene Ausstellung:
Oltre la Scuola Senese – Dipinti del Seicento e del Settecento nella
collezione Chigi Saracini. 22.Januar - 15.Juni 2005. Eintritt: 9 Euro, ermäßigt 5,50 Euro.
Anläßlich der Öffnung der Räumlichkeiten ist ein Führer erschienen:
Invito a palazzo Chigi Saracini – Le stanze e i tesori delle
collezione. Milano : Silvana 2005, ISBN 88-8215-855-1, 144 S., 11,50 Euro und ein Katalog zur Sonderausstellung:
Oltre la Scuola Senese – Dipinti del Seicento e del Settecento nella
collezione Chigi Saracini. S.P.E.S. : Firenze 2005, ISBN
88-7242-311-2, 227 S., 48 Euro.
Ulf Sölter
Am 22. Januar 2005 öffnete der Palazzo Chigi Saracini in Siena, heute Sitz der über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Accademia Musicale
Chigiana, seine Türen der Öffentlichkeit. Erstmals können einige Privaträume im Piano nobile des gotischen Baus, der auf halben Weg zwischen Campo und Duomo gelegen ist, ohne Voranmeldung eingesehen werden. Der Besuch lohnt sich, da in den Sälen ein Teil einer der
bedeutendsten Privatsammlungen Italiens präsentiert wird. Im
Erdgeschoß ist überdies die Sonderausstellung Oltre la Scuola Senese –
Dipinti del Seicento e del Settecento nella collezione Chigi Saracini
zu sehen, die an die frühere Ausstellungsreihe Collezione
Chigi-Saracini anknüpft, in der schon seit Mitte der achtziger Jahre
Teilbereiche des Bestands vorgestellt und untersucht wurden [1]. Die
Ausstellung soll die Vielfältigkeit der Sammlung auch abseits des
umfangreichen Bestands an Werken von Sieneser Künstlern demonstrieren.
Dem Besucher wird demgemäß eine Auswahl an Sammlungshighlights quer
durch alle Bildgattungen präsentiert. Durch beide Bereiche wird
geführt und man muß in gut 90 Minuten alles gesehen haben. Die Zeit
reicht freilich nicht aus, so daß von so manchem Exponat in den 18
Räumen und dem Sonderausstellungsbereich nur ein vager Eindruck bleibt.
Im 13. Jahrhundert wurde der Palazzo Chigi Saracini von der adligen
Sieneser Familie Marescotti erbaut. Zu Beginn des 16.Jahrhunderts
erwarb die Familie Piccolomini del Mandolo den Bau und sie ließen ihn
dem „gusto rinascimentale“ entsprechend abändern. Als Marcantonio
Saracini und dessen Bruder Bernardino, die bereits einen Grundstock
der Sammlung zusammengetragen hatten, den Palazzo Chigi Saracini um
1770 kauften, veranlaßten sie erneut große Umbaumaßnahmen, die zum
einen der Erweiterung des Gebäudes dienten, zum anderen sollte der
mittelalterliche Charakter der Architektur wieder hervorgehoben
werden, da es dem Zeitgeschmack entsprach und mit den neogotischen
Bauformen an die kulturelle Blütezeit Sienas erinnert wurde [2].
Galgano Saracini beauftragte Ende des 18. Jahrhunderts Antonio
Casteletti und Tommaso Paccagnini mit der Ausmalung der Säle des Piano
nobile mit glorifizierenden Darstellungen der Familie. Auch im 19. und
20. Jahrhundert wurden wiederholt Veränderungen am Gebäudeäußeren und –inneren vorgenommen. Die Modifikationen wurden stets gemäß dem
Zeitgeschmack, aber auch abhängig von dem intendierten Nutzen des
Gebäudes ausgeführt.
Das Arrangement und die Auswahl der Objekte, so wie sie heute dem
Besucher präsentiert werden, entspricht bis auf die Sala Pergolesi
weitgehend dem Geschmack des letzten Familienmitglieds, dem Conte
Guido Chigi Saracini (1880-1965), der auch die Musikakademie gründete
(Ausst.führer, S. 8). Der öffentliche Zutritt zur Sammlung wurde indes
schon vor rund zweihundert Jahren durch die Sammlerpersönlichkeit
Galgano Saracini möglich gemacht, der dem interessierten Publikum im
August des Jahres 1806 die Tore zu seinem „vago, e superbo Museo“, so
die Bezeichnung der Ausstellungsräume in dem einige Jahre später
erschienenen Vademekum, öffnete [3]. Mit Hilfe einer Datenbank, in der
mehr als 11.000 Exponate aus der Sammlung Chigi Saracini erfaßt
wurden, konnte jedoch schon vor einigen Jahren deutlich gemacht
werden, daß sich die heutige Aufstellung erheblich von der damaligen
unterscheidet [4]. Galgano sprach mit seiner Sammlung neben
Kunstliebhabern vor allem auch die Studenten des Istituto di Belle
Arti in Siena an, die in den Räumen des Palazzos die Kunstwerke
ausgiebig studieren und kopieren konnten [5]. Als Präsident der
Kunstakademie war er den angehenden Künstlern besonders verbunden.
Die Sammlung ist in ihrem Bestand sehr vielfältig. Größte Bedeutung
jedoch beanspruchen vor allem die Werke aus der Sieneser Malerschule,
die Galgano Saracini aus sienesischen Kirchen und Palästen erwarb.
Darunter Gemälde von Domenico Beccafumi (1484-1551) (auch ein Bozzetto
aus Terrakotta: San Gerolamo penitente), Andrea del Brescianino
(1485?-1525), Rutilio di Lorenzo Manetti (1571-1639), Bernardino Mei
(um 1615-1676) und einer Vielzahl von Bildern unbekannter Sieneser
Künstler. Darüber hinaus werden in den Sälen neben weiteren Tafeln,
Statuetten, Flachreliefs, etruskischen und römischen Antiken,
Majolika, Elfenbeinarbeiten und andere Preziosen gezeigt. Man
bescheinigte der Sammlung bislang einen „carattere ecleticco
dipendente alla cultura enciclopedica di matrice illuminista del suo
proprietario“ [6], obschon der qualitative Sammelschwerpunkt auf den
Werken der Sieneser Malerschule liegt. Galgano Saracini öffnete, wie
ein aufgeklärter Herrscher, den Sienesen sein „Museum“, war aber auch
darauf bedacht, sich selbst und seiner Familie mit der Sammlung und
dem Palazzo einen Platz in der Stadtgeschichte zu sichern.
Die Gestaltung und Innenausstattung der ersten Ausstellungsräume auf
dem Rundgang durch den Palazzo, deren Namen sich von den gezeigten
Künstlern ableiten, sind verschiedenen historistischen Stilen
verpflichtet, die den Raumeindruck bestimmen: Der Salotto Botticelli
(das Tondo ‚La Madonna col bambino e angeli‘ wird dem Umfeld Botticellis
zugeschrieben) und der Salotto Strozzi (die Bilder ‚Ritratto di
gentiluomo‘ und ‚San Francesco in preghiera‘ hängen zur Zeit in der
Sonderausstellung) sind weitestgehend neobarock, der Salotto
Brescianino neogotisch und die Camera della Regina klassizistisch (mit
einem neoägyptischen Sekretär nach einem Entwurf von Agostino
Fantastici). In den Sälen im zweiten Teil der Ausstellung, die die
Namen italienischer Komponisten tragen, treten die Einzelobjekte auf
Grund der neutraleren Raumgestaltung wieder mehr in den Vordergrund.
Gegenstand der Sonderausstellung im Erdgeschoß des Palazzos sind
Bilder aus dem 17. und 18. Jahrhundert von nichtsienesischen Künstlern
aus dem In- und Ausland. Die Auswahl der über hundert gezeigten Werke,
die zum Teil eigens für die Ausstellung restauriert wurden, soll
erneut die Vielfältigkeit und die Bedeutung der Sammlung demonstrieren
(Ausst.Kat., S.11). So wurden sowohl Bilder aus den Sälen als auch aus
den Depots versammelt, die in Gruppen nach Bildgattungen geordnet
sind. Ungeachtet der Verschiedenartigkeit der Exponate sind zwei
bild-thematische Schwerpunkte in der Ausstellung auszumachen. Zum
einen ist die Schlachtendarstellung, zu Wasser und auf dem Lande, mit
mehreren Bildern vertreten. Auf Grund neuer Erkenntnisse durch die
vorgenommene Reinigung der Bilder und angesichts stilistischer Übereinstimmungen gelangen einige neue Zu- und Umschreibungen. Zum
anderen bilden Landschaften und Veduten neben der Sektion Stilleben
einen weiteren Mittelpunkt der Ausstellung. Zwei spiegelbildliche
Scheiben des toskanischen Steins „pietra paesina“, die
aneinandergelegt nicht nur den Malgrund, sondern mir ihren natürlichen
Strukturen gleich drei Bilder (Ausst.Kat., Nr. 15a, 15b, 16)
maßgeblich mitgestalten, gehören zu den auffälligsten Arbeiten. Zu den
populärsten Werken der Ausstellung gehören Bernardo Strozzis Bildnis ‚Ritratto virile‘ und die Tafel ‚San Franceso in preghiera‘ (Ausst.Kat.,
Nr. 30, 33) und Salvator Rosas Bildnisse ‚Uomo d’arme di profilo‘ und ‚Autoritratto in veste di guerriero‘ (Ausst.Kat., Nr. 31,32). Zu der
letztgenannten Arbeit gelang die Klärung der Frage nach der Provenienz
(Ausst.Kat., S. 75f.).
Konzeptuell wird die Ausstellung durch den Grundsatz der
Veranschaulichung der Vielfältigkeit der Sammlung getragen. Ob die
Schlachtenbilder oder die Landschaften und Veduten auch im
Gesamtbestand der Sammlung einen Schwerpunkt ausmachen bleibt unklar.
Offenkundig wurden publikumswirksame Arbeiten ausgewählt, die durch
Technik, Sujet und auch Bekanntheitsgrad des Künstlers einen
Ausstellungserfolg garantieren sollen. Der beschriebene
Erkenntnisgewinn basiert nicht auf einer Eingrenzung des
Sammlungsbestandes unter einer entwickelten Fragestellung, sondern
ergab sich vielmehr im Anschluß an die Auswahl. Ein Verdienst ist die
Erschließung vieler Arbeiten, die im Rahmen der Ausstellung erstmals
gezeigt werden. Um so unverständlicher ist die Entscheidung, daß man
auch die Sonderausstellung nur geführt besuchen kann.
Der erschienene Führer durch die Ausstellungsräume präsentiert keine
neuen Forschungsergebnisse, sondern listet summarisch die Exponate
auf, angelehnt an das vor fast zweihundert Jahren erschienene Äquivalent, aus dem leider allzu oft und langatmig zitiert wird.
Unerwähnt bleiben die vielen, oft mit einer Widmung an den Gründer der
Musikakademie versehenen Fotos bekannter Musiker in den Sälen des
Palazzos, obschon gerade diese den Sälen die Atmosphäre eines privaten
Raums verleihen. Das Klavier im Salotto Sano di Pietro, das ehemals
Franz Liszt gehörte und das die Aura des bekannten Künstlers
anschaulich verkörpert, wurde dokumentiert (Ausst.führer, S. 52),
wenngleich der umfangreiche Bestand der ebenso zur Sammlung zählenden
Musikinstrumente, so nicht zu erahnen ist.
In Ausstellungen und Publikationen wurden die Sammlung oder Teilbereiche
derselben wissenschaftlich erschlossen. Wenig Beachtung fand der
Palazzo Chigi Saracini bislang in Hinblick auf seine Nutzung als
Ausstellungsarchitektur und seine dadurch bedingten baulichen
Veränderungen. Heute, wie schon vor zweihundert Jahren, als Galgano
der Öffentlichkeit den Zugang in seine Privaträume ermöglichte, ist
die Rede von einem Museum. Privater Raum wird (zeitweise) zu einem öffentlichen Ort des Diskurses und des Studiums. Der Palazzo Chigi
Saracini als öffentlicher Ausstellungsraum zu Beginn des 19.
Jahrhunderts bedarf nach wie vor einer entwicklungsgeschichtlichen
Positionierung.
Anmerkungen:
[1] In den Jahren 1986 bis 1992 sind folgende Kataloge in der Reihe
Collezione Chigi-Saracini erschienen: Bd. 1: Sassetta e i pittori
toscani tra XIII e XV secolo, Firenze 1986; Bd. 2: Bernardino Mei e la
pittura barocca a Siena, Firenze 1987; Bd. 3: Da Sodoma a Marco Pino –
Pittori a Siena nella prima metà del Cinquecento, Firenze 1988 & Da
Sodoma a Marco Pino – Addenda, Siena 1991; Bd. 4: La scultura :
Bozzetti in terracotta, piccoli marmi e altre sculture dal XIV al XX
secolo, 2 Bde., Siena 1989; Bd. 5: Maioliche italiane, Firenze 1992.
[2] Ausstellungskatalog Mantua: La collezione Chigi Saracini di Siena,
Florenz 2000, S. 21.
[3] Relazione in compendio delle cose più notabili nel Palazzo e
Galleria Saracini di Siena, Siena 1819, S. 15f.
[4] In der 1996 angelegten Datenbank wurde die ursprüngliche
Aufstellung der Exponate, sofern sie bekannt war, dokumentiert. Schon
in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts wurden mehrere hundert,
seit 1925 mehr als tausend Ausstellungsstücke umgestellt. Miriam Fileti
Mazza / Giovanna Gaeta Bertelà: Un progetto di
classificazione. La Banca dati della collezione Chigi Saracini,
Firenze 1996, S. 71.
[5] Relazione 1819, S. 16.
[6] Aust.Kat. Mantua 2000, S. 22f.
Redaktion:
Philipp Zitzlsperger

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03.01.2005
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