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„Schrumpfende Städte / shrinking cities“
KW Institute for Contemorary Art, Auguststr. 69, 10117 Berlin
4. September bis 7. November 2004
Christian Forster
Während die Metropolen in den ärmeren Regionen der Welt dank eines stetigen Zustroms von
Landflüchtigen immer noch wachsen und wachsen, sind viele Städte in den klassischen
Industrienationen vom gegenteiligen Trend betroffen: Schrumpfung. Der Begriff bezieht sich auf ein
demografisches Phänomen, nämlich den merklichen Rückgang der Einwohnerzahl, und bezeichnet eine
städtebauliche Situation. Eine schrumpfende Stadt behält ihre flächenmäßige Ausdehnung bei, aber
die Dichte tatsächlich genutzter Bebauung hat abgenommen; Leerstand, Verfall und Brachflächen sind
ihre Kennzeichen. Ihre gewachsenen Strukturen sind überflüssig geworden.
Die Ausstellung „Schrumpfende Städte/shrinking cities“ der Kulturstiftung des Bundes in der
Berliner Galerie „KunstWerke“ illustriert die architektonische Gestalt von vier betroffenen
Städten: Detroit, Manchester, Leipzig und Ivanovo. Der Blick geht dabei auch in die Vororte
Detroits, nach Liverpool, Halle, Wolfen und Juscha. Die Beispiele sind so gewählt, dass sich an
ihnen die verschiedenen Ursachen von Stadtschrumpfung zeigen lassen. In Detroit ist es eine
anfangs rassistisch motivierte Suburbanisierung, die Abwanderung der weißen Bevölkerung und der
Produktionsstätten in die Vororte. Automobile werden in Amerikas „rustbelt“ nach wie vor gebaut,
nur eben jetzt an peripheren Standorten. In Manchester, auch in Leipzig und Ivanovo, ist es die
Deindustrialisierung, die aber im Geburtsland der Massenproduktion schon nach dem Zweiten
Weltkrieg einsetzte, während sie in Sachsen und in der Sowjetunion an das Ende des sozialistischen
Staates gekoppelt war. 1989/90 haben etwa 16000 Einwohner Leipzig in Richtung Westen verlassen.
Mittlerweile ist die Abwanderungsquote zurückgegangen, doch Geburtenrückgang und Suburbanisierung
haben dazu geführt, dass heute mehr als ein Viertel aller Leipziger Wohnungen leersteht, seien es
Altbauten aus der Gründerzeit oder Plattenbauten in der Großsiedlung Grünau. Ivanovo, 350 km östlich von Moskau, hat, trotz der gemeinsamen sozialistischen Vergangenheit, andere Probleme. Die
Abwanderung nach Moskau wurde durch den Migrationszuwachs vom Land, aus den unwirtlicheren
Regionen Russlands und ehemaligen Sowjetrepubliken weitgehend kompensiert. Aber 82 % der
Bevölkerung leben unter dem Existenzminimum, und das benachbarte Juscha, wie Ivanovo
monostrukturell von Textilindustrie geprägt, hat die höchste Arbeitslosenquote Russlands,
offiziell 39 %.
Die Ausstellung, die auf fünf Stockwerke verteilt ist, bietet eingangs Statistiken und Tafeln zur
historischen Entwicklung und überlässt jedem der vier Stadtporträts eine Etage. Gezeigt wird, wie
die Zurückbleibenden mit ihrer veränderten urbanen Umwelt umgehen. Um ihre Lage einschätzen zu
können, soll der Besucher, so scheint das methodische Konzept der Ausstellung zu lauten, vor allem
die ästhetische Dimension ihres Alltags erfahren. Obwohl die Medien der Dokumentation - Foto, Film
und Tonbandaufnahmen - gegenüber Gemälden oder Objekten überwiegen, sind es fast ausnahmslos
bildende Künstler, Fotografen und Architekten, die diesen Zugang herzustellen versuchen. Die
Stärke der Schau liegt in ihrem Hinweisen auf oft überraschende, dann aber konsequent erscheinende
Details, die das Leben in einer Schrumpfstadt auszeichnen. Aus Detroit zieht es die Bewohner in
die Vorstädte? Also werden auch die Toten nachgeholt. Gebäude stehen leer? Sie werden von „scrappers“ nach Altmetall durchsucht, von Jugendlichen oder Versicherungsbetrügern in Brand
gesteckt, vorzugsweise in der so genannten „Devil's Night“ am Vorabend von Halloween, oder in
Kunstobjekte verwandelt wie in der Heidelberg Street.
Aus Manchester wurde das „migrant office“ geholt, ein temporäres Büro für Künstler, die in ein für
den Abriss vorgesehenes Hochhaus ziehen können, man hört Telefoninterviews mit Angestellten von
Call Centern und lernt, die Zeichen zu lesen, die das Leben in einer auf Abbruch wartenden
Wohnsiedlung in Liverpool regeln. Gegenstände des Alltags, hergestellt aus Zivilisationsmüll,
lassen die schwierigen Lebensbedingungen im postsowjetischen Ivanovo nur erahnen. Die Menschen
müssen, um zu überleben, Kartoffeln anbauen, und dafür nutzen sie auch die innerstädtischen
Freiflächen - eine zynische Umdeutung des Bildes von den blühenden Landschaften drängt sich auf.
Die ostdeutsche Abteilung zeigt Plattenbauabrisse in Wolfen-Nord, einen Comic, der die ökonomischen Hintergründe solcher „Rückbau“-Maßnahmen erläutert, und den Pressespiegel zu den
Vorgängen rund um ein Jugendzentrum in Leipzig-Grünau, das von Rechtsradikalen annektiert wurde.
Ein Gemälde von Konrad Knebel aus dem Jahr 1981, in dem nüchterne Plattenbauscheiben hinter
Berliner Altbaugerippen aufragen, führt in die Vorwende-Zeit zurück und erinnert an die
ideologisch motivierte Denkmalvernichtung in der DDR, gegen die neben Knebel nur wenige
protestierten. Leider wird dieser historische Vorlauf der Schrumpfung in Ostdeutschland nicht
weiter thematisiert ebenso wenig wie die Folgen, die daraus für den heutigen Denkmalschutz
resultieren.
Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der fast alle Exponate abbildet, sie
aber nicht nummernweise erläutert, sondern in den Kontext essayistischer Betrachtungen zu den
soziologischen, wirtschaftlichen und ästhetischen Besonderheiten der schrumpfenden Stadt stellt.
Alle Daten des empirischen Teils sind hier nachzulesen. Man vermisst allerdings einen historischen
Ansatz, der aufzeigt, dass es entleerte Siedlungen auch in der Vergangenheit gegeben hat, etwa
Römerstädte in der Zeit der Völkerwanderung, Wüstungen des Spätmittelalters, Konstantinopel im 15.
Jahrhundert. Ein Beitrag immerhin widmet sich den Ruinenfantasien Piranesis und Hubert Roberts und
schlägt den Bogen zu dem amerikanischen Land Art-Künstler Robert Stephenson. Versuche zu einer
Ikonographie der schrumpfenden Stadt wurden ferner im Bereich Schallplattencover und Kino gemacht,
doch ist die Auswahl manchmal willkürlich; was hat die berühmte Explosion am Ende von Antonionis „Zabriskie Point“ mit Schrumpfstädten zu tun? Vor allem fehlt die jüngste Vergangenheit der
betroffenen Städte und mit ihr ein Maßstab für den Verlust, den die Bewohner empfinden müssen. Und
die Perspektive? Teil 2 von „Schrumpfende Städte“ mit dem Untertitel „Handlungskonzepte“ wird 2005
in Leipzig zu sehen sein. Schon heute verweisen die Ausstellungsmacher, bemüht, den entmutigenden
Fakten etwas Positives gegenüber zu stellen, auf das kreative Potenzial der Schrumpfstädte, vor
allem im Bereich Musikkultur mit Detroit und Manchester als einschlägig bekannten Zeugen. Leider
bewirkte bisher nur in wenigen Fällen die Existenz einer innovativen Jugendsubkultur mehr als
einen Imagewandel, gab sie den Anstoß zur Re-Urbanisierung von Straßenzügen und Stadtvierteln,
holte sie die Stadtsanierung zurück und vergrößerte die Einwohnerschaft. Manchester-Hulme und
Leipzig-Connewitz sind hier Ausnahmen auf weiter Flur.
Der Katalog „Schrumpfende Städte, Bd. 1: Internationale Untersuchung“, hg. von Philipp Oswalt
erschien bei Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2004, 735 S., ISBN 3775714812, zum Preis von 22 Euro (in
der Ausstellung) bzw. 32 Euro (im Buchhandel).
Das Veranstaltungsprogramm ist unter www.shrinkingcities.com zu finden.
Redaktion: Rainer Donandt

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