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Inszenierungen der Küste 17. - 18. Februar 2005 im Warburg-Haus, Hamburg
Tagungsbericht für H-ArtHist von den VeranstalterInnen
Norbert Fischer, Susan Müller-Wusterwitz, Brigitta Schmidt-Lauber
Das interdisziplinäre Symposium „Inszenierungen der Küste“ versammelte
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher natur- und
geisteswissenschaftlicher Disziplinen, um die durch verschiedene Akteure
konstruierten Bilder und Vorstellungen der Nordseeküste im Sinne
symbolischer, mentaler und materieller Repräsentationen zu diskutieren [1].
Die Vorträge des ersten Tagungsblocks widmeten sich übergeordneten Fragen
zur Konstruktion der Küste. Der Biologe Hansjörg Küster (Hannover)
skizzierte in seinem einführenden Vortrag über „Die Entwicklung der
Küstenlandschaft an der Nordsee“ die naturkundlichen Voraussetzungen für die
Ausbildung der Küstenlinie. Die Küstenlinie in der Deutschen Bucht wird
durch die Punkte festgelegt, an denen eiszeitliche Gesteinsablagerungen der
Geest bis an das Meer vorstoßen: in den nordwestlichen Niederlanden, im
südwestlichen Jütland und an der Altenwalder Geest bei Cuxhaven. Küsterschilderte die von den Abbruchkanten der Geest ausgehende Bildung von
Nehrungen, Barriereinseln und Sandbänken (Platen), deren Form von der Stärke
des Gezeitenhubs bestimmt wird. Anhand von Wattflächen und Salzwiesen, die
sich hinter den sandigen Nehrungen bildeten und eingedeicht zu fruchtbaren
Marschen wurden, beschrieb Küster das Erscheinungsbild der Küstenlandschaft
als Ergebnis des jahrhundertlangen Zusammenwirkens von Mensch und Natur.
Der naturkundlichen Perspektive schloss sich der Vortrag des Germanisten
Ludwig Fischer (Hamburg) zum Thema „Naturlandschaft, Kulturlandschaft - Zur
Macht einer sozialen Konstruktion am Beispiel Nordseeküste“ an. Fischer
zeigte auf, dass das jeweilige wissenschaftliche, touristische oder
künstlerische Verständnis von „Landschaft“ in höchstem Maße ein soziales
Konstrukt und Ergebnis der Definitionsmacht einzelner Akteure bzw. Gruppen
ist. Somit bleibt auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit Landschaft
unaufhebbar eingebunden in die nicht nur „symbolischen“ Kämpfe, die es -
offen oder verdeckt - um die Durchsetzung der „Realkategorie Landschaft“
gegeben hat. Beispielhaft veranschaulichte Fischer die Konstitution von „Landschaft“ an den politischen Konflikten und sozialen Auseinandersetzungen
um Naturschutzgebiete.
Die Frage, wie spezifische Bilder der Küste geschaffen und touristisch
vermittelt werden, bildete das Vortragsthema des Geographen Jürgen Hasse
(Hannover). Er untersuchte die Nordseeküste als „Die touristische
Konstruktion einer ’besseren Welt‘. Zur kultursoziologischen und
sozialpsychologischen Codierung einer Landschaft“. Auf Basis der Analyse
gedruckter Werbeträger stellte Hasse die sich hier entfaltenden „Erlebnisschablonen“ vor, wobei die Verknüpfung zwischen Texten und Bildern
eine besondere Rolle spielten. Als eines der Instrumente der Werbung stellte
er erotisch konnotierte weibliche Figuren in einem lokalen Setting vor, die
suggerieren, dass die Küste mehr verspreche als nur Meer und Strand.
Tourismus wird auf diese Weise zur „Industrie der Imagination“, wobei die
einzelnen Seebäder auf differenzierende „Alleinstellungs-Merkmale“ achten.
Diesem Zweck dient beispielsweise die Darstellung von Naturlandschaft und
Regionalkultur sowie des Sport- und Freizeitpotenzials in den Werbeträgern.
Im zweiten Tagungsblock stellten Referenten Fallbeispiele zu Projektionen,
Imaginationen und Repräsentationen der Küste vor. Die Historikerin Marie
Luisa Allemeyer (Göttingen) referierte unter dem Titel „.dass man dem
grausam Toben des Meeres nicht etwa kann Widerstand thun mit Gewalt´. Eine
Diskussion um Deiche und Dünen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts“.
Sie fokussierte den historischen Diskurs über die Wirksamkeit der „künstlichen“ und kostenträchtigen Deiche und die Frage, ob die „natürlichen“ Dünen Deiche ersetzen können. Anhand eines frühneuzeitlichen
Beispiels von der Halbinsel Eiderstedt zeigte Allemeyer, dass dem
technologisch avancierten, nicht zuletzt der Landgewinnung dienenden
Deichbau programmatisch der konservative Küstenschutz durch Dünen
gegenübergestellt wurde. Anhand der Analyse dieser Auseinandersetzung wurden
mentalitätshistorische („künstliche Technik“ vs. „gottgegebene Natur“) und
politische (Obrigkeit vs. Untertanen) Gegensätze und Konfliktlinien
sichtbar.
Kontroverse Zuschreibungen und Verständnisse der Küste bildeten auch das
Thema des Historikers Manfred Jakubowski-Tiessen (Göttingen). Am Beispiel
heutiger Gegensätze zwischen Naturschutz und Küstenschutz zeigte er in
seinem Vortrag „Buten und binnen. Grenzerfahrungen und Grenzziehungen in der
Küstengesellschaft“ Diskrepanzen in der Wahrnehmung der Natur auf. Verweisen
die Verfechter des „Nationalparks Wattenmeer“ auf eine ursprünglich
amphibische Landschaft als Leitbild einer noch nicht gezähmten Natur in der
Zeit vor dem Deichbau, so wird von anderer Seite - etwa den Marschenbauern -
die (vermeintliche) technische Notwendigkeit der Deiche für den Küstenschutz
akzentuiert. Beide Gruppen bedienen sich in ihrer Argumentation der
Mythenbildung. Anknüpfend an den vorangegangenen Vortrag verdeutlichte
Jakubowski-Tiessen, dass sich diese Gegensätze bereits in der Frühen Neuzeit
herausgebildet hatten. In den aktuellen politischen Diskussionen um den „Nationalpark Wattenmeer“ würden demnach langfristige Mentalitäten sichtbar
und wirksam.
Otto S. Knottnerus (Zuidbroek) betrachtete die Küste unter dem Aspekt der
zunehmenden Grenzauflösung und Entmythologisierung („Eine gefahrvolle
Existenz: Zur inhärenten Ambivalenz der mittelalterlich-frühneuzeitlichen
Gesellschaft“). Dabei thematisierte der niederländische Soziologe und
Historiker den bis in die Frühe Neuzeit als gefahrvoll erlebten Umgang mit
dem Meer, der sich allegorisch in den Darstellungen der Meerungeheuer
niederschlug. Das Misstrauen der abendländischen Kultur gegenüber dem „wilden“ Meer habe relativ abgeschlossene Küstengesellschaften hervorgebracht. Knottnerus beschrieb das Leben an der Küste als „betwixt and
between“, voller Gefahren und Widersprüche einerseits, mit vielfältigen, vor
allem im Verlauf der Frühen Neuzeit zunehmend genutzten Chancen für
Wirtschaft und Handel andererseits. Die Säkularisierung und
Entmythologisierung der Nordseeküste vollzog sich regional unterschiedlich,
wie Knottnerus im Vergleich zwischen den norddeutschen und
nordniederländischen Küstenregionen zeigte.
Der zweite Tagungstag begann mit zwei kunsthistorischen Referaten , die sich
mit niederländischen Landschaftsbildern des 17. Jahrhunderts als Quellen zur
zeitgenössischen Wahrnehmung und Deutung von Küstenlandschaften befassten.
Tanja Michalsky (Frankfurt/M.) setzte sich in ihrem Vortrag „Sandige Wege.
Zur Imagination niederländischer Dünenlandschaften“ mit dem Verhältnis von
Landschaftsmalerei und Kartographie im 17. Jahrhundert auseinander. Sie
verknüpfte die Entwicklung der Landschaftsmalerei als Repräsentationsform
nationaler Inhalte mit Kartenwerken, deren Aufgabe nicht auf topographische
und geographische Darstellung bestimmter Landstriche beschränkt war, sondern
die auch deren Geschichte bildhaft vergegenwärtigten und verständlich
machten. Dünenlandschaften wie die Jan van Goyens bildeten eine
komplementäre Ergänzung der durch die weitverbreiteten kartographischen
Bilder vermittelten Vorstellung der Niederlande: Die Gemälde boten eine
natürlich wirkende ästhetische Erfahrung des Landes, das durch Karten
formelhaft beschrieben war. Darüber hinaus zeigte Michalsky, daß die Maler
künstlerische Verfahren entwickelten, mit denen sie - oft ohne direkten
Realitätsbezug - authentisch wirkende Darstellungen schufen, in denen die
Alltagserfahrung zu einem Landschaftserlebnis gesteigert wurde.
Die Kunsthistorikerin Susan Müller-Wusterwitz (Hamburg) befasste sich in
ihrem Beitrag „Felsige Küsten als Projektionen der Fremde in holländischen
Landschaftsbildern des 17. Jahrhunderts“ zunächst mit Repräsentationen der
holländischen Küste als Ideallandschaft. Der Strand, durch Genreszenen
thematisch erweitert, wurde zur Bühne einer horizontal gegliederten
Gesellschaft, die in Frieden, Freiheit und innerer Einheit zu existieren
schien. Bedrohliche Themen wie Sturm und Schiffskatastrophen wurden nicht am
Strand gezeigt, sondern stets vor felsenbewehrten Küsten dargestellt. Die
Vorstellung von der bedrohlichen und zugleich reizvollen Fremde, so
Müller-Wusterwitz, wurde nicht zuletzt durch Illustrationen der um 1600
populären Reisebeschreibungen geprägt, deren Phantasielandschaften häufig
durch Schilderungen von Felsen als nicht-holländisch gekennzeichnet waren.
Die Genres „Strandbild“ und „Sturm und Schiffbruch vor felsiger Küste“, die
in der Forschung bislang getrennt verhandelt werden, bilden zwei Seiten
einer Medaille, die das Selbstbild der jungen niederländischen Republik
formte.
Der letzte Themenblock des Symposiums widmete sich Fragen der
Inszenierungen von Seebädern und ihrer inhärenten kulturellen Ökonomie. Zu
Beginn dieser Sektion analysierte der Historiker Martin Rheinheimer
(Esbjerg) auf der Grundlage einer empirischen Auswertung historischer
Ansichtskarten den „Mythos der Seebäder. Visualisierung und Vermarktung der
nordfriesischen Inseln als Seebäder (1880-1970)“. Neben Sylt, Amrum, Föhr
und den Halligen griff er zum Vergleich auf die Insel Helgoland zurück.
Mithilfe einer statistischen Analyse von Postkarten, die in einem bestimmten
Zeitraum über das Internetportal Ebay erhältlich waren, zeigte Rheinheimer,
in welchem Ausmaß und mit welchen visuellen Mitteln sich die Seebäder im
Zeichen zunehmender Konkurrenz der Postkarte als Mittel zur
Selbstdarstellung bedienten. Bildliche Topoi der Postkarten waren sowohl
Naturdarstellungen als auch kulturelle Artefakte (z.B. Infrastruktur bzw.
Architektur). Einzelne Seebäder inszenierten einen regelrechten „Mythos“ des
eigenen Ortes, indem sie lokale Kleidertraditionen durch Fotomontagen zu
einem unverwechselbaren Merkmal ihrer selbst deklarierten.
Das Thema des Sozial- und Kulturhistorikers Norbert Fischer (Hamburg) war: „Das Meer und der Tod: Gedächtnislandschaften an der Nordseeküste“. Die
historischen Erfahrungen der Katastrophe (Sturmfluten, Schiffbrüche) haben
an der Küste zu einer besonderen Nähe zu Tod und Trauer geführt. Diese zeigt
sich in landschaftlichen Artefakten wie den Memorials für die „Auf See
Gebliebenen“, Sturmflut-Memorials, Namenlosen-Gedenkstätten u.a. Die öffentlich gestaltete Form der Trauer wurde zur küstenspezifischen „Vergegenwärtigung“ der Vergangenheit. Fischer analysierte sie als Ausdruck
eines reflexiven Umgangs mit der eigenen Vergangenheit, der sich unter
zunehmenden Einflüssen der städtisch-bürgerlichen Kultur, ihrer
Historisierungstendenzen und ihres „Gedächtniskultes“ seit Mitte des 19.
Jahrhunderts - im Zeitalter des Seebäderwesens - entfaltet hat.
Das konkrete Werden einer solchen Repräsentation der Küste stand im
Mittelpunkt der Ausführungen der Volkskundlerin Brigitta Schmidt-Lauber
(Hamburg), die mit ihrem Vortrag „Maritime Denkmals(er)findung. Ein
Küstenort inszeniert sich“ zugleich die Perspektive auf die Gegenwart
lenkte. Am Beispiel des niedersächsischen Küstenortes Carolinensiel, der im
Mai 2005 seine 275-Jahrfeier beging und zu diesem Anlass eine Skulptur
einweihte, illustrierte sie den Entstehungsprozess dieser materiellen und
symbolischen Selbstinszenierung als Ergebnis von Entscheidungen und sozialen
Aushandlungen konkreter Akteure. Schmidt-Lauber zeigte auf, wie und
ausgehend von welchen (heterogenen) Interessen sich der Ort eine sichtbare
lokale Identität schaffte. Im Ergebnis präsentierte sie die
Denkmals(er)findung als „zeitgenössische Form lokaler Selbstvergewisserung,
als reflexive Selbstinszenierung, die als Identitäts-Marketing nach außen
gewendet wird und nach innen wirkt“.
Franklin Kopitzsch (Hamburg) fasste den Ertrag der Tagung zusammen, indem er
auf die Bedeutung des interdisziplinären Austauschs verwies sowie die
konstruktive und anregende Atmosphäre des Dialogs zwischen
Küstenforscherinnen und -forschern verschiedener Fächer hervorhob. Der
Sozialhistoriker betonte die Notwendigkeit, Text- und Bildquellen
gleichermaßen zu nutzen, und forderte, die Wechselbeziehungen zwischen den
teils sehr unterschiedlich strukturierten Einzelterritorien an der Nordsee
stärker als bisher herauszuarbeiten. Zugleich verwies er in seinem
Forschungsausblick auf die frühen Reisebeschreibungen der Seebäder als noch
weitgehend ungenutzte Quelle für weiterreichende interdisziplinäre
Forschungen.
Der Tagungsband ist unter dem Titel „Inszenierungen der Küste“ für Herbst
2006 geplant.
Anmerkung:
[1] Die Tagung fand im Rahmen des von der Isa Lohmann-Siems Stiftung Hamburg
geförderten Forschungsprojekts „Inszenierungen der Küste“ statt.
Redaktion: Livia Cárdenas / Jan von Brevern
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