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Sektionsberichte zum XXVIII. Deutschen Kunsthistorikertag, Bonn, 16.-20.
April 2005 „Kunstgeschichte der Moderne - Moderne Kunstgeschichte: Von Fall zu Fall“
Florian Blaschke
Panel A: Kunstgeschichte der Moderne - Moderne Kunstgeschichte: Standpunkte
Den Auftakt der Sektion bildete ein Vortrag von Michael Wetzel (Bonn) zum
Thema „Performanz und Diskurs: Auf der Suche nach dem künstlerischen
Augenblick“; er stand unter einem Motto, das sich das berühmte
Wittgenstein-Zitat „Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen“
zu eigen machte: „Wovon man nur schweigen kann, das muss man zeigen“. Ziel
der Ausführungen sollte sein, die Begriffe ‚Performanz‘ und ‚Diskurs‘ im
historischen Kontext zu beleuchten. Zwei Begriffe also, die im Laufe der
Zeit einem dauernden Wandel unterzogen gewesen sind. Zu Anfang griff Wetzel
die berühmte Skulptur des Laokoon auf, eines der bekanntesten Werke der
Kunstgeschichte. Ihr wurde der zugrundeliegende Text des Vergil, damit der
bildnerischen Momentaufnahme die zeitliche Folge des Textes
gegenübergestellt. Laut Lessing lasse sich der höchste Moment der Agonie in
einem Kunstwerk gar nicht darstellen, sondern lediglich der Moment kurz
davor, da das Kunstwerk ansonsten ins Lächerliche zu kippen drohe. Dem
gegenüber stehe die Dichtung mit ihrer Möglichkeit, alle Augenblicke zu
erfassen.
Auf den konkreten Moment der Agonie, im Text wie im Kunstwerk, wurde nicht
näher eingegangen. Stattdessen vollzog Wetzel einen Zeitsprung in die
Romantik, die seiner Meinung nach den Wandel verdeutliche, welchem Kunst
und Literatur unterzogen seien, da hier die Vormacht der Dichtung ins
Kippen gerate. In der Romantik werde die Augenblicksstruktur des
Kunstwerkes aufgelöst, Künstler und Dichter fänden endlich zusammen. Nach
einem erneuten Zeitsprung gelangte Wetzel zu Marcel Duchamp und seinem
Spiel mit der Sprache und schließlich zu Marcel Broodthaers, welcher
vielfältigste sprachliche Verweise genutzt habe.
Der Literatur- und Medienwissenschaftler hat in seinem Vortrag einen sehr
theoretischen Zugang gewählt. Ausgehend von seinen Definitionen von
Performanz und Diskurs hangelte er sich an bekannten Beispielen der
Kunstgeschichte entlang, um Begriffe wie ‚Zeitlichkeit‘, ‚Momentaufnahme‘
oder ‚Bewegung‘ zu erörtern. Auf der Strecke sind dabei jedoch die
konkreten Belege geblieben; auch ein Verweilen bei einzelnen Werken oder
Thesen gab es nicht. Die zwar nicht mehr ganz neue, aber doch
gewinnbringende Frage nach dem Wechselverhältnis von Kunst und Literatur
wurde damit im Grunde nur gestreift.
Welche Methoden kann die Kunstgeschichte erarbeiten, um sich dem Kunstwerk,
insbesondere dem der Moderne, zu nähern? Diese These bildete die Grundlage
für den Vortrag von Michael Kausch (München): „Struktur, Ethik und
Methode - Kritische Anmerkungen zu Kunst und Kunstgeschichte der Moderne“.
Er eröffnete ihn mit der Aussage, dass die traditionelle Kunstgeschichte im
Hinblick auf die moderne Kunst „stumpf bzw. sogar inadäquat“ sei. Zumindest
aber - und dies kann als Arbeitsauftrag verstanden werden - sei sie äußerst „modifikationsbedürftig“. Ausgehend von seinem Befund, die Kunst des 20.
Jahrhunderts bewege sich zwischen den Extremen eines autonomistischen
Formalismus einerseits und eines transzendierenden Konzeptualismus
andererseits, konstatierte Kausch, das Kunstwerk zerfalle in seiner
Struktur. Er setzte dies gleich mit einer fortschreitenden ‚Inhaltsleere‘
der Kunst, dem gegenüber der Inhalt und die Komplexität doch gerade
Bedingungen des Kunstwerks seien. Ausgehend von diesen Erörterungen stellte
Kausch die Frage, welche Rolle Kunst und Künstler überhaupt noch spielen
könnten, wenn eine Kommunikation aufgrund der konstatierten Inhaltsleere
schlicht nicht mehr möglich sei - ein Problem, dass nicht nur ein reales,
sonder vor allem ein „ethisches“ sei. Ethische Momente, so Kausch, seien an
der Bildung des Ästhetischen immer beteiligt, bei Nietzsche fänden wir die
Kunst sogar als Religionsersatz. Der Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert
bedeute jedoch auch Änderungen dieses Verhältnisses; Simmel beschreibe die
Tragödie der Kultur, die er darin sehe, dass die entfremdete Kultur den
Einzelnen, das Individuum überfordere.
Im Verlauf des Vortrages folgten einige Anmerkungen zur Wechselwirkung von
Kunst und Propaganda mit ihrer ganz eigenen Ethik und zu dem Gegensatzpaar „Real“ - „Abstrakt“. Ausgehend von der Aussage, dass die Struktur des
Kunstwerks zerfalle, wagte er eine These, die (wohl nicht nur in der
anschließenden Diskussion) auf einiges Unverständnis stieß: Die Kunst ziehe
sich in einen ethikfreien Raum zurück und liefere aus diesem heraus
schädliche und negative Inhalte (die in diesem Zusammenhang wohl nur als „unethisch“ verstanden werden können). Diese aber hätten die Macht,
gesellschaftliche Werte zu untergraben, wofür als Beispiel in einem
Atemzuge die Kunst des Nationalsozialismus und die Werke De Koonings und
Francis Bacons angeführt wurden. Letzterer gefährde die Moral und die
gesellschaftlichen Werte dadurch, dass er in seinen Werken den Menschen auf
das Körperliche reduziere und dadurch a-human sei. Kausch forderte
abschließend, das Kunstwerk als Wertstruktur zu behandeln, um ihm gerecht
werden zu können, eine Aufgabe, der sich die Kunstgeschichte nicht
verschließen dürfe, wenn sie nicht noch irrelevanter werden wolle, als sie
ohnehin schon sei. Die Wertung der Kunstwerke, die auch in der
anschließenden, scharfen Diskussion vom Referenten in keiner Weise
relativiert wurde, offenbarte eine Sicht auf die Geschichte der Kunst, von
denen der Rezensent hofft, dass sie einmalig bleiben wird.
„Das Neue Bild, wie Deleuze sagt (obwohl es alt ist), ist fließend, evasiv,
unbeständig: Es ist kein Bild, nicht einmal ein Zwischen-Bild, wie Bellour
sagt, oder ein Gegen-Bild, wie ein Utopist sagen würde. Dieses Medium ist
kein Medium, sondern die Negation des Mediums, oder, wenn man so will, ein
Immedium, mit Couchots Ausdruck, den Deleuze als Hommage aufgreift. Die
faszinierenden frühen Videos von Steve McQueen liefern uns geisterhafte
Paradigmen dieser Immediumnität. Mit ihren politischen oder sexuellen
Fragestellungen erzeugen sie die letzten Kreaturen unserer postmodernen
(posthumanen?) Zeiten: Geister. Und sogar noch schlimmer: Geister von
Geistern, wie Derrida einst beteuert hat.“
Dies ist ein Zitat aus dem hochgelobten Vortrag „Strategies of the New
Image: Medium and Immedium“ von Régis Michel (Paris), das in aller Kürze,
aber doch repräsentativ vorführt, in welcher Weise der Referent der Frage
nachgegangen ist, wie Steve McQueen seine frühen Videoarbeiten gestaltet
hat und was sie zeigen. So finden wir in seinem Werk beispielsweise das
Video zweier schwarzer, nackter Männer, die sich gegenüber stehen, einander
wie Raubtiere umkreisen, dann anlächeln, dann eine Art Ringkampf beginnen.
Zeigen die verlangsamten Aufnahmen eine sportliche Übung oder sehen wir ein
pornografisches Video vor uns? Diese Frage wollte Régis Michel nicht
beantworten; stattdessen ist er dem Unwohlsein nachgegangen, das sich bei
vielen Betrachtern einstellt, da sie die sexuelle Aufladung der Bilder oder
die nackte Präsentation des schwarzen Körpers nicht einordnen können. Steve
McQueens Videos erweisen sich vor allem als uneindeutig, da sie dem Körper
keine klare Zuschreibung geben, weder als Akt noch als Sportler noch als
erotisches Objekt.
Panel B: Sogenannte Neue Medien
Den ersten Vortrag des Panels übernahm Ursula Frohne (Bremen) mit „Mapping
the Studio - Bruce Naumans Videoinszenierungen des Künstlerateliers
zwischen Langeweile und Zufall“. Bruce Naumann hat mit „Mapping the Studio
I (Fat Chance - John Cage)“ ein Werk geschaffen, das Frohne als „Ergebnis
einer banalen Alltagssituation“ versteht. Nauman hat mit Infrarot-Kameras
sein von Mäusen bevölkertes Atelier aufgenommen, in welchem sich nachts
seine Katze auf Jagd begibt. Diese Aufnahmen wurden später mit Ton auf
sieben Screens in einem dunklen Raum projiziert. Frohne geht nun der Frage
nach, was der Betrachter eigentlich sieht. Im Mittelpunkt steht dabei der
Horizont des Betrachters, der mit bestimmten Erwartungen in eine
Kunstausstellung geht, der hier aber die ereignislose Abfolge von Bildern
zu sehen bekommt, in welchen sich einige Mäuse im Atelier eines Künstlers
tummeln. Nauman schafft eine Art leere Projektionsfläche, eine ‚Bühnensituation zweiter Ordnung‘ (Luhmann). Er versetzt den Betrachter
nicht in die Situation des Beobachters, sondern macht ihn durch den Einsatz
von Überwachungskameras und die Wirkung des Materials zum Subjekt der
Beobachtung. Zugleich negiert er durch sein Fernbleiben jegliche Erwartung,
die der Betrachter an den Künstler als Akteur haben könnte. Nauman
reflektiert jedoch nicht ausschließlich sich selbst oder sein
künstlerisches Schaffen. Er stellt gleichzeitig die Frage, „ob mit der
zunehmenden Technisierung des Studios durch die neuen Medien und der
entsprechend gewachsenen Interaktionserwartung des Publikums Künstler und ‚Originalität‘ aus dem Atelier verschwunden sind“. Das Geniale, das dem
Künstlerischen zueigen ist, wird ersetzt durch das Phantombild des
Künstlers, der sich verweigert.
Der Begriff der „Net Art“ (ein Begriff, der die Internationalität des
Mediums Internet referenziert, in dem Englisch als Standardsprache gelten
kann) lässt sich, wie die meisten Kategorisierungen, kaum in einem Vortrag,
geschweige denn in einem Satz erklären. So versuchte Gottfried Kerscher
(Lausanne) dies auch gar nicht erst, sondern zeigte anhand ausgewählter
Beispiele, welche Entwicklungen es in diesem Bereich in den letzten Jahren
gegeben hat. Kerscher definierte „Net Art“ dabei als Kunst, die das
Internet als Medium nutzt, als Kunst, die selbstreferenziell, global und
multimedial ist. Vor allem aber ist sie eines: Immer und überall verfügbar,
wo Zugang zum Internet besteht. Das Internet selbst hat sich jedoch seit
seiner Entwicklung ebenfalls verändert. Der Open-Source-Gedanke der
Anfangsjahre ist einer Art ‚Grundstücksverwaltung‘ gewichen, in der die
einzelnen Parzellen nicht mehr frei zugänglich sind, sondern verkauft,
vermietet, vermarktet werden können. Es könne also keine Rede mehr davon
sein, dass das Internet mit Freiheit gleichzusetzen ist. Außerdem werde die
noch verbliebene Freiheit zunehmend eingeschränkt durch massive
Sicherheitsprobleme - eine Thematik, der sich das Künstlerduo „Jodi“
angenommen hat: Ihre Arbeiten gaukeln dem Betrachter vor, ein fehlerhaftes
Programm oder einen Computervirus vor sich auf dem Rechner zu haben. Das
Werk greift den Betrachter also da an, wo er als „User“ am empfindlichsten
ist.
Dem gegenüber steht die Schweizer Gruppe „etoy“, deren Kunst sich nicht auf
den einzelnen User, sondern auf das System bezieht. Etoy bezeichnen sich
selbst als „Cyber Terroristen“, die auf die Themen Ökonomie und Wirtschaft
abzielen. So versuchten sie beispielsweise Ende der 90er Jahre, als sie von
dem Spielwarenhersteller „eToys“ auf Herausgabe ihrer Domain www.etoy.com
verklagt wurden, diese gerichtlich und finanziell in die Knie zu zwingen
(was als „Toy War“ in die Wirtschaftsgeschichte einging). Sie gründeten
dazu eine Internetplattform, deren Ziel die wirtschaftliche Vernichtung des
Konzerns war, indem sie durch eine Fülle kleinerer Aktionen den Server des
Unternehmens überbeschäftigten. Zudem wurde durch das gezielte Streuen von
Negativnachrichten Stimmung gegen eToys gemacht, was insgesamt einen
70-prozentigen Marktverlust der Aktien zur Folge hatte. Schließlich musste
eToys, nachdem Sie zuvor den Aktivisten noch 500.000 Dollar für die Domain
angeboten hatten, vollständig aufgeben. Diese Form der „Net Art“ zeigt nach
Meinung Kerschers, wie die modernen Medien bereits als künstlerisches
Mittel genutzt werden und welche Rolle dabei die Vernetzung einzelner Künstler untereinander spielt. Die meisten Werke sind hierbei vor allem
konzeptueller Art, sie reflektieren weniger einen ästhetischen Anspruch als
das Medium selbst.
Der Vortrag von Ulrike Gehring (Trier) zum Thema „Das ephemere Bild.
Monochrome Bilder am Übergang zum digitalen Zeitalter““ beschäftigte sich
mit monochromen Bildwerken seit den 1950er Jahren, ausgehend von Werken wie
Robert Rauschenbergs „weißen Bildern“ oder Arbeiten Nam June Paiks. Trotz
eines Bogens, der von diesen Arbeiten zu den in der Folge behandelten
Arbeiten der sogenannten „Light & Space-Künstler“ wie James Turrell oder
Douglas Wheeler geschlagen werden kann, zeigt sich hier ein Unterschied im
Umgang mit dem Medium des Bildträgers selbst, dem Rahmen, der Leinwand.
Letztere Arbeiten verzichten auf einen solchen Träger mit einer
Radikalität, die nur noch im Geiste an ihre Vorgänger anknüpft. Das „Bild“
ist hier das Licht selbst, der Rahmen wird vom Raum geschaffen; auch das
Bild ist schließlich nur noch Raum. Der Vortrag untersuchte die Frage, was
im Kopf des Betrachters geschieht, der sich durch die Wechselwirkung von
Raum und Licht wieder ein zweidimensionales Bild erschafft, sei es aus
Gewohnheit oder aus einem illusionistischen Effekt heraus. Die behandelten
Arbeiten, wie etwa auch die Werke von Tobias Rehberg oder Markus Huemer,
wagen nach Ansicht der Referentin den Versuch, durch ein architektonisches
Experiment die eigene Bildhaftigkeit zu überwinden. Daraus ergebe sich die
theoretische Frage, wie mit Bildern zu verfahren sei, die über keinerlei
physischen Bildträger mehr verfügen - eine Frage, die weder in ihrer ganzen
Konsequenz zu Ende gedacht noch abschließend beantwortet werden konnte.
Jedoch bildete der Vortrag mit seinen so unterschiedlichen Beispielen eine
anregende Grundlage für weitere Überlegungen zum Komplex „Bild und
Funktion“, gerade in Zeiten multimedialer Kunst und ihrer spezifischen
Wirkung und Ausstellung.
Panel C Das Werk im Kontext historischer Konstellationen
Der Vortrag von Peter Schneemann (Bern) widmete sich der „Lehrbarkeit“ der
Moderne und dem Versuch, Schülern ein „visuelles Vokabular“ zu vermitteln
(„Paradigmen der Lehre. Die Suche nach einem Vokabular der Abstraktion“).
Als Grundproblem interessierte ihn dabei der Begriff des „Einflusses“, wie
auch das Problem des künstlerischen Erbes und die Suche nach einem
Grundvokabular, mit dem sich Ideen vermitteln lassen - eine Frage, die Theo
van Doesburg seinerzeit schlicht mit dem Satz „Kunst ist nicht lehrbar“
abgetan hatte. Im Zentrum des Vortrages standen die Theorien von Adolf
Hölzel, der sich nicht nur als Künstler, sondern auch als Professor an der
Stuttgarter Kunstakademie einen Namen gemacht hat. Seine Lehre der
bildnerischen Mittel und seine Farbtheorie wurden von seinen Schülern Itten
und Schlemmer, die später ans Weimarer Bauhaus berufen wurden, in den
Unterricht getragen und gelten bis heute als bahnbrechend. Als weiteren
wichtigen Lehrer untersuchte Schneemann Hans Hofmann, der mit der Präsenz
eines charismatischen Individuums nicht nur vermittelte, wie zu malen sei,
sondern auch, wie man als Künstler leben sollte. Im Ganzen betrachtet, war
Schneemanns Vortrag eine neue historische Sicht auf eine Lehrrichtung der
Moderne. Nach Ansicht des Rezensenten wäre es hier sehr schön gewesen,
gerade vor dem Hintergrund des Tagungsthemas mehr Bezugspunkte zur Frage
einer „zeitgemäßen“ Kunstgeschichte zu erhalten.
1929 fand im Züricher Kunsthaus die Ausstellung „Neue Optik“ statt, eine
Schau, die mit 150 Werken von 40 Künstlern einen enormen Bogen geschlagen
hat. Von Brancusi über Magritte, von Delaunay bis Moholy-Nagy reichte das
Spektrum, vor allem aber bot die „Neue Optik“ ein Rahmenprogramm mit
Beiträgen wie Essays von Franz Roh in der Neuen Züricher Zeitung oder einem
gemeinsamer Auftritt von Arp und Schwitters in der Ausstellung. Den
Vorbereitungsarbeiten dieses Projekts ging Iris Bruderer-Oswald (Basel) in
ihrem Vortrag „Eine Ausstellung als Visualisierungsmodell der Moderne. ‚Neue Optik‘ 1929“ nach, den praktischen wie den konzeptionellen. In Zürich
fand sich das, was sie mit einer „klug durchdachten Teamarbeit“
bezeichnete: „Hans Arp trifft in Paris die Auswahl der französischen
Künstler, Kurt Schwitters und Alexander Dorner sind für die deutschen, El
Lissitzky für die russischen Werke zuständig.“ Zum ersten Mal vereinte eine
Ausstellung so verschiedene Formen zeitgenössischer Kunst. Ausgangspunkt
der Neuen Optik waren die beiden Kunsthistoriker Siegfried Giedion und
Carola Giedion-Welcker, die zu den Verfechtern einer neuen Wahrnehmung
gehörten. Die Ausstellung von 1929 stellte somit das Beispiel einer neuen
Interpretation von Gegenwartskunst dar, die sich der Gesamtheit
verpflichtet sieht und „für das 20. Jahrhundert richtungsweisende
Wahrnehmungsmodi festlegt“. Der Vortrag konnte sich auf bisher
unveröffentlichtes Material stützen und einen Einblick in die Gedanken der
Verantwortlichen bieten, der bisher so nicht möglich gewesen ist, und man
darf gespannt auf weitere Ergebnisse der Forschung sein.
Was ist das Werk? In welchem Kontext entsteht es und in welchem Kontext
sehen wir es heute, im Museum, in zeitlicher Entfernung zu seinem Ursprung?
Diese Frage beschäftigte Alexandra Käss in ihrem Referat zu „Werkkonstruktionen und Rekonstruktionen. Moholy-Nagys ‚Licht-Raum-Modulator‘“. Eine Antwort versuchte sie anhand von Moholy-Nagys „Licht-Raum-Modulator“ von 1930 zu finden. Ursprünglich gebaut als „Lichtrequisit einer elektrischen Bühne“ und ganz im Zeichen des neuen,
technisch-utopischen Theaters, wird es heute eher als „kinetische Skulptur“
betrachtet. Dieser Auffassungswandel ist jedoch auch einer konkreten
Veränderung des Objektes geschuldet. Das ursprüngliche Objekt war ein
dunkler Kasten mit einer runden Öffnung auf Augenhöhe. Darin befand sich
ein buntes Lichtspiel, erzeugt durch Glühbirnen und einen Motor. Bei dem
Werk, wie es heute im Busch-Reisinger-Museum der Harvard-University zu
sehen ist, fehlt hingegen der Kasten, und dem Besucher stellt sich ein frei
stehendes, metallenes Objekt dar, das beweglich und beleuchtet ist. Diesem
Unterschied von „originaler“ Arbeit und heutiger Inszenierung ging
Alexandra Käss genauer nach. Sie sah in der Veränderung nicht allein das
Ergebnis „museologischer oder gar kunsthistorischer Fahrlässigkeit“, da
schon Moholy-Nagy „dem Licht-Raum-Modulator absichtlich eine inhärente
Uneindeutigkeit“ mitgegeben habe; vielmehr lasse sich anhand des Beispiels
die Auflösung eines alteingesessenen Werkbegriffs nachvollziehen, die zur
Folge habe, dass auch das Medium der Arbeit selbst nicht mehr klar umrissen
werden könne. Das Objekt Moholy-Nagys biete den Prototyp eines Werkes, „das
sich der klassischen kunsthistorischen Befragung nach einer klar
definierten Einordnung bezüglich Gattungsbegriff, Funktion,
ikonographischer Bestimmtheit oder seiner Stellung innerhalb des
zeitgenössischen Kunstkontextes sperrt“. Bedauerlicherweise verzichtete der
Vortrag der Kürze halber darauf, einzelne Etappen des historischen Wandels
genauer unter die Lupe zu nehmen oder die wichtigsten Akteure oder dieses
Umwandlungsprozesses zu benennen.
Panel D „Kunst“? „Werk“? in Moderne und Gegenwart
„Archizoom“ und „Superstudio“ gehören zu Vertretern einer modernen
Architektur, für die das „Architektonische“ weniger in seiner gebauten Form
besteht als vielmehr in den Plänen und Entwürfen, die die Utopien in ihrer
reinsten Form liefern sollen und ausdrücklich nicht für die Realisierung
bestimmt sind. Mit dem Utopischen ist nicht der Vorgriff auf eine wie auch
immer geartete Zukunft gemeint, sondern die Ironisierung derselben in einer
unmöglichen Welt. Diesem Problem ging Marie Theres-Stauffer (Zürich) in
ihrem Beitrag „Expansive Architekturen: Utopische Projekte von Archizoom
und Superstudio (1969-1972)“ nach, und zwar anhand der Arbeiten „Il
momumento continuo“ und „No-Stop city“, die einer Realisierung dadurch
entgegenliefen, dass sie sich in einer unendlichen Struktur ausbreiteten: „Beide Architekturgruppen bezeichnen ihre Beiträge als Theorien. Damit wird
das überkommene Artikulationsmedium der Architekturtheorie, der Text,
emphatisch in den Bereich des Bildlichen erweitert.“ In beiden Fällen zeigt
sich eine deutliche Öffnung der „Architektur“ in den Bereich der bildenden
Kunst; Pop Art, Land und Minimal Art werden ebenso adaptiert, wie die
Gruppen aktuelle geisteswissenschaftliche Strömungen aufgreifen. Zu den
zeichnerischen Ausführungen kommen bei beiden Künstlergruppen ausführliche
Manifeste hinzu, die gleichwertig neben den Entwürfen stehen. In ihren
reduzierten Strukturen tendieren beide Projekte zu einer Auflösung der
baulichen Form, die das eigentliche „Objekt“ zerstören soll. Sie
de-konstruieren sich im Sinne Derridas („Dekonstruktion meint dabei [...]
eine Rekonstruktion der manifesten und latenten Bedeutungsaspekte. Es geht
also darum, die Relationen dieser Projekte nachzuvollziehen, um so ihre
Mehrdeutigkeit umfassend zu interpretieren“). Trotz der Kürze des Vortrags
wurde deutlich, wie sehr beide Gruppen auf je verschiedene Weise von Utopie
Gebrauch machen und wie stark sie sich in einigen Punkten von der
klassischen Architektur abgrenzen.
Corinna Criticos (München) organisiert Führungen in der Pinakothek der
Moderne und betrachtet dabei mit besonderem Interesse die oft
ausgesprochenen Schilder wie „Anfassen verboten“, „Priére de toucher“ u.a..
Derlei Aufforderungen an den Betrachter sind jedoch mehr als nur ein
Verbot. Die Vortragende ging in ihrem Beitrag „Explaining 20th Century Art
to the Public“ der Frage nach, ob gerade hierin der Schlüssel zum
Missverständnis zwischen Kunst und Betrachter liegen könnte. Um die
Eigenart zeitgenössischer Kunst, auch deren zahlreiche Rückgriffe auf ältere Kunstformen zu zeigen, müsse sich die Kunstvermittlung nicht nur
intensiver mit der genauen Beschreibung und Analyse des Materials von
Kunstwerken (beispielsweise in Beuys‘ Arbeiten aus Fett) beschäftigen,
sondern auch klären, welche Bedeutung der sinnlichen Erfahrung durch den
Betrachter dabei zukomme. Hierbei spiele das Anfassen-Dürfen eine ebenso
große Rolle wie das Berührungsverbot. Diskussionsstoff bot daher vor allem
die Frage, inwiefern Kunstwerke dem Publikum auch zum Anfassen und
Ausprobieren zur Verfügung gestellt werden sollten, selbst wenn Kunstwerke
vom Urheber explizit dafür ausgewiesen wurden; denn aus konservatorischen
Gründen bleiben selbst diese meist unter Verschluss. Die Referentin listete
eine Reihe von offenen Fragepunkten auf, die noch zu klären wären, etwa, ob
die Museen in der Pflicht wären, neue Wege der Erfahrung von Kunst zu
beschreiten, oder ob Künstler selber verstärkt Kunst schaffen müssten, die
auf andere Weise erfahrbar wird.
Der Bild-Atlas „Global Icons“ ist ein Projekt, das die Geister scheidet. Er
stellt sich als Internet-Plattform dar, die die „Ikonen“ unserer
gegenwärtigen Welt zusammentragen soll und unternimmt dabei den Versuch,
Kontexte zwischen verschiedenen Bildern aufzuzeigen. So zumindest stellten
die Berliner Mitarbeiter Jacob Birken und Frank-Thorsten Moll ihren
Digitalen Bild-Atlas der Kulturen vor („Globale Ikonen und die Inszenierung
kultureller Identität in den Medien“. Bei Global Icons soll der Benutzer in
die Lage versetzt werden, die Kontexte eines jeden Bildes nachzuvollziehen,
indem er den Links von einem „Ikon“ zum anderen folgt. Eine Besonderheit
des Projektes (das zur Zeit noch nicht online ist) ist dabei seine offene
Basis: Es ist jedem angemeldeten User möglich, Bilder und Kontexte
einzustellen, zu verändern und Kommentare zu schreiben. Besonders deutlich
wurde daher in der nachfolgenden Diskussion die Sorge geäußert, wie ein
solches Projekt sich kontrollieren lasse. Diese Angst vor unqualifizierter
und unkontrollierter „Einmischung“ ist nicht unberechtigt, angesichts eines
zunehmenden Erfolgs von Open-Source-Projekten wie zum Beispiel „Wikipedia“
scheinen sie jedoch unbegründet, ist es doch gerade die Offenheit und die
daraus erwachsende „Community“, die eine Regulierung der Inhalte selber
vornimmt. Eine andere, nicht weniger berechtigte Frage war jedoch die Frage
nach der Qualität der „Kontextualisierung“. Unter welchen
Schlüsselbegriffen oder nach welchem Konzept wird diese vorgenommen? Kann
es sinnvoll sein, eine Reihe von „ikonischen“ Bildern z. B. anhand ihrer
Färbung durchzuarbeiten? Ist subjektives Empfinden ein
Kontextualisierungsmerkmal? Das Projekt beansprucht offensichtlich, mehr zu
sein als eine kunsthistorische Bilddatenbank und rekurriert durch seinen
Titel nicht zufällig auf Aby Warburgs Projekt eines „Bilderatlas
Mnemosyne“, um in dessen Fortentwicklung ein „globales Bildgedächtnis“ zu
ermitteln. Trotz dieses eindeutig modischen Beigeschmacks könnte „Global
Icons“ aber immerhin als Versuch verstanden werden, dem Phänomen des
Transports von Bildern und Bildmotiven in Zeiten des Internet und der
Medienvielfalt neu nachzugehen.
Insgesamt wiesen die Vorträge der Sektion zur modernen Kunst, unabhängig
von ihrer teils hohen inhaltliche Qualität, einen Mangel an Bezug zum
Leitmotiv des Kunsthistorikertages auf, das darin bestand, Kunstgeschichte
als gesellschaftliche Herausforderung und Ausdruck von Zeitgenossenschaft
zu befragen. Einzig Herr Kausch stellte sich (leider mit ungenügendem
Ergebnis) dieser Aufgabe. Auch dem zur Verfügung gestellten Zeitkontingent
von 20 Minuten pro Vortrag war nicht jeder der Vortragenden gewachsen. Es
wäre durchaus eine Überlegung wert, für künftige Kunsthistorikertage die
Zahl der Gäste pro Sektion zu reduzieren - oder den Kongress zeitlich
auszudehnen. Gerade die Diskussionen, insbesondere um den zuletzt
vorgestellten Bildatlas, haben gezeigt, dass das ausgiebige Gespräch über
Kunst und Kunstgeschichte zu den wichtigsten und fruchtbarsten Aufgaben
zählt.
Redaktion: Matthias Bruhn

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09.04.2005
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