|
Kultur als Vehikel und als Opponent
politischer Absichten. Deutsch-tschechisch-slowakische Kulturkontakte
von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Teil
I: 19. Jahrhundert bis 1945 Tagung der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen
Historikerkommission. Prag, Archiv hlavniho mesta Prahy (Stadtarchiv Prag),
25.-29. September 2004.
Michaela Marek
„Kultur ist Reichtum an Problemen.“ Egon Friedells wohl prägnanteste
Definition von Kultur gilt besonders auch für Unternehmungen wie diese:
kulturelle Erscheinungen über Grenzen wissenschaftlich-disziplinärer
Zuständigkeiten hinweg in dem historisch-politischen Kontext zu betrachten,
in dem sie stattfanden. Weder Aspekte der Alltagskultur noch Sternstunden
der Hochkultur können, so die Ausgangsthese der hier zu referierenden
Tagung, zur Gänze verstanden werden, wenn man sie aus ihrem konkreten
historischen Rahmen isoliert. Gleiches gilt aber - und dies mag sich für
manchen Historiker noch immer provokant ausnehmen - nicht minder für
politische Entwicklungen, Positionierungen, ja auch Ereignisse.
Gerade in den nationalen, sozialen und politischen Emanzipationsprozessen
des 19. Jahrhunderts innerhalb der Habsburgermonarchie hatte das
Wechselspiel zwischen kulturellen Initiativen unterschiedlichster Art und
politischem Handeln eine konstitutive Rolle gespielt, wobei beide Stränge
keineswegs immer parallel zueinander verliefen: Abhängig von Situationen,
Gruppeninteressen u.a.m. konnten sie bis zur Deckungsgleichheit zusammen
fallen oder weit divergieren; es stellten sich Phasenverschiebungen und -
wechselnde - Vorreiter-Nachfolge-Verhältnisse ein; symbolisches Handeln auf
kulturellen Feldern kompensierte mitunter politische Abstinenz oder
konterkarierte politische Entscheidungen. Die bis zum Ersten Weltkrieg
entstandenen Muster des Wechselspiels, das sich in vielen Einzelfällen als
ein strategisches erweisen sollte, blieben prinzipiell auch unter den
Bedingungen des Nationalitätenstaates der ersten Tschechoslowakischen
Republik wirksam und setzten sich - wiewohl unter teilweise verschobenen
Vorzeichen - noch in den radikal veränderten Konstellationen fort, wie sie
das Ende des Zweiten Weltkrieges und wenig später die Durchsetzung des
kommunistischen Regimes geschaffen hatten.
Diese Voraussetzungen lassen die historischen Räume
deutsch-tschechisch-slowakischen Kontaktes als besonders geeignetes
Experimentierfeld für die Erprobung einer integrierten, Politik und Kultur übergreifenden Betrachtungsweise von Geschichte erscheinen. Vieles weist
darauf hin, dass sich in dieser Perspektive ,sicher' geglaubtes
politikgeschichtliches ,Wissen' durchaus verschieben kann. Der Versuch, den
diese Doppeltagung darstellt, steht im Zusammenhang der innerhalb der
Geschichtswissenschaft wieder auflebenden Debatte um Möglichkeiten und
Grenzen kulturgeschichtlicher Forschungsansätze.[1] Wird hier einerseits
umstandslos erklärt, dass die „permanenten Überschneidungen kultureller,
sozialer und politischer Prozesse“ als komplexe historische Realität nicht
ohne wesentliche Verluste künstlich entflochten werden können, so kreist die
Debatte andererseits immer wieder um Fragen, wie dieser Komplexität
methodisch begegnet werden kann, und damit auch um Fragen der Be- und
Abgrenzung möglicher Untersuchungsfelder, dessen, was im Rahmen des Faches
Geschichtswissenschaft als 'Kultur' Berücksichtigung finden kann und was
auszusortieren ist [2]: sei es nach 'unten', sei es zur Hochkultur hin.
Letztlich geht es dabei - wenngleich unausgesprochen - immer auch um
Grenzziehungen zu benachbarten historisch arbeitenden
Wissenschaftsdisziplinen. Begreift man aber die (in unserem Fall:
politischen) 'Wirklichkeiten', die Historiker ungeachtet ihrer disziplinären
Zuständigkeit verstehen wollen, als innerhalb je bestimmter Bedingungen
stattfindende Kommunikations- und Verständigungsprozesse, die gleichzeitig
sowohl direkt, verbal und konfrontativ als auch in vielgestaltigen anderen
Formen und dabei keineswegs linear verlaufen [3], so wird man nicht umhin
können, Kultur in einer offenen Auffassung des Begriffs als einen „Modus“
innerhalb dieses Diskurses zu betrachten - und nicht als ein „Accessoire“
der Politik. [4]
Damit aber werden jedenfalls die Grenzen der Geschichtswissenschaft - und
hier nicht nur einer wie auch immer zu definierenden Kulturgeschichte,
sondern auch der Sozial- bzw. Gesellschaftsgeschichte und der
Politikgeschichte - auf der einen Seite und der für Hochkultur zuständigen
Nachbarfächer auf der anderen durchlässig. Eben dieser Durchlässigkeit gilt
der mit der Tagung unternommene Versuch, den 'cultural turn' und diverse
weitere 'turns' der Geschichtswissenschaft auf den gemeinsamen Nenner einer
inter- und transdisziplinären Perspektive zurückzuführen. Dieser kann
zugegebenermaßen nicht (mehr) beanspruchen, als innovativ und als Königsweg
zur Lösung aller Methodenprobleme kulturgeschichtlicher Forschungen zu
gelten: Er ist der Binnendifferenzierung des Faches Geschichte hinderlich,
und vor allem ist Interdisziplinarität, weil sie allzu oft nicht eingelöst
werden kann oder gar nur als taktische Parole eingesetzt wird, in Gefahr, zu
einem hohlen Schlagwort zu verkommen. Dennoch dürfte außer Frage stehen,
dass inter- und transdisziplinäre Perspektiven, sofern man sie ernst nimmt,
das Potential haben, jedenfalls etliche der modischen ,turns' innerhalb der
Kulturgeschichte mitsamt den eigens dafür konstruierten Instrumentarien überflüssig zu machen. [5] Dies setzt freilich bei allen Beteiligten die
Bereitschaft voraus, von den disziplinär kanonisierten Erkenntniszielen -
teilweise auch den hierzu gehörigen Methoden - abzuweichen, um den Blick auf
die mit der Fragestellung vorgegebene Schnittmenge zwischen den
Fachinteressen zu konzentrieren und dies nicht allenfalls als Kürübung an
der Peripherie des jeweiligen Faches zu betrachten.
Im Falle unserer Frage nach konkreten Fallbeispielen kultureller
Erscheinungen in politischen Kontexten erschien es ratsam, den Begriff
Kultur in keiner Richtung einzugrenzen. Dies hatte zum Teil pragmatische
Gründe, sollte aber vor allem - trotz des eng gesteckten Rahmens einer
Tagung, der keine systematische Gesamtschau gestattet - helfen, im Sinne der
,New Cultural History' [6] den Blick offen zu halten für ein breites
Spektrum von Möglichkeiten und auch für konstellationsbedingte
chronologische Schwerpunktverlagerungen. Die Referate, beigetragen von
Historikern verschiedener Fachrichtungen, Kunsthistorikern, Germanisten,
Slawisten, Ethnologen und Theaterwissenschaftlern, zeigten eine Vielzahl
unterschiedlich gearteter politisch aufgeladener Berührungen zwischen den
Nationalkulturen auf. Überwiegend loteten sie aber Bereiche kulturellen
Lebens aus, die zeitweise Wellen von Politisierung unterlagen. Daher wurden
die Beiträge entsprechend diesen Bereichen gruppiert und nicht, wie es
ebenfalls denkbar gewesen wäre, nach chronologischen oder funktionalen
Kriterien.
Eingangs fächerte Peter Haslinger (München) Bedeutungsaspekte von 'Kultur'
als eines „historischen Norm- und Kampfbegriffes im deutsch-tschechischen,
tschechisch-slowakischen und slowakisch-ungarischen
Nationalisierungskontext“ auf. Er machte darauf aufmerksam, dass sich hier,
bedingt durch die ungleichen Rahmenbedingungen und Ziele, unterschiedliche
Auffassungen des Begriffs Kultur kreuzten und dieser zudem mit den
Phasenverschiebungen der historischen Entwicklungen in verschiedener
Intention eingesetzt wurde. 'Kultur' in der Bedeutung von 'Zivilisation' und
somit als „Kampfbegriff“ zu Kompensation und Überwindung empfundener
Rückständigkeit in der Selbstbeschreibung wie auch in der Konfrontation der
vier nationalen Gruppen standen in einem nie geklärten und daher
konfliktträchtigen Verhältnis verschiedene inhaltliche Besetzungen
insbesondere des Begriffs Nationalkultur gegenüber. Mit der Vorstellung
einer essenzialistisch und homogen gedachten - tschechischen - Sprachnation,
die eben darauf ihren Anspruch auf einen eigenen Platz unter den Kulturen
der Welt gründete, ließ sich etwa der vorherrschende ungarische
Kulturbegriff, der weitgehend ohne das Kriterium der Sprache auskam und
statt dessen weitaus stärker das zivilisatorische Moment der Modernisierung
betonte, nur schwer auf einer gleichen Kommunikationsebene positionieren,
zumal beide Auffassungen gleichzeitig nicht nur der In- und Exklusion
potentieller Angehöriger der jeweiligen nationalen Gemeinschaft dienten,
sondern auch der Begründung ihrer territorialen Ausdehnung. Als ein
besonders anschauliches Beispiel für die Auswirkungen dieser Konstellation über historisch-politische Umbrüche hinweg führte Haslinger die Problematik
des Tschechoslowakismus in der Slowakei nach 1918 an, wo die ,slowakische
Kultur' in Anlehnung an die tschechische von der ungarischen
Kulturauffassung abzulösen war und zugleich als eigenständiges Gebilde gegen
die tschechische abgegrenzt werden musste. Diese Inkongruenz der
Kulturbegriffe hinsichtlich ihrer Inhalte - aber auch ihrer funktionalen
Dimensionen als „Quellenbegriff“ einerseits und analytische Kategorie
andererseits, wie Martin Schulze Wessel (München) in der Diskussion
anmerkte - sollte die gesamte Tagung begleiten und letztlich kennzeichnen.
Eine erste Sektion war der Auslotung politischer Dimensionen in
verschiedenen Bereichen der Künste gewidmet: von den bildenden Künsten über
das Theater bis zum Kino. Die Fragen galten sowohl Themen und Modi der
Künste sowie ihren politisch-ikonographischen Funktionen als auch
Institutionen bzw. Interessengruppen und der politischen Tragweite ihrer
Aktivitäten. Auf ein nahezu unbearbeitetes Feld führte gleich das erste
Referat: Birgit Jooss (München) formulierte - aus dem Kontext eines
anlaufenden Forschungsprojekts - eine Fülle bislang nie gestellter Fragen in
Bezug auf die Kolonie tschechischer Kunststudenten an der Münchner Akademie
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. München als Schauplatz
einerseits eines multi- und internationalen Kunstgeschehens, andererseits,
mit wechselnden politischen Konjunkturen und Entwicklungen auf dem
Kunstmarkt, immer wieder auch als Stätte einer spezifisch 'deutschen' Kunst
bedarf selbst noch vertiefender Untersuchungen. War München für angehende
Künstler aus Böhmen anscheinend eine nahezu selbstverständliche Station in
ihrem Werdegang, so sind Informationen über Motive, Umstände und Wirkungen
dieser Horizonterweiterung über die Ausbildung an der Prager Akademie hinaus
bis heute kaum verfügbar. Lässt sich der Wunsch nach Auslandserfahrung überhaupt sinnvoll in einen Zusammenhang mit dem Prozess der nationalen
Ausdifferenzierung innerhalb der böhmischen Länder bringen? Solange nicht
hinreichend geklärt ist, inwieweit die böhmische Künstlerkolonie in München
nationale Orientierungen entwickelte und etwa die Rolle als Repräsentanz
einer - noch zu formierenden und zu verfechtenden - tschechischen
Nationalkultur annahm, bleiben auch Fragen nach dem Stellenwert Münchens als
womöglich unterschwellig politisch ausgespielte Alternative zu Wien oder
nach der Bedeutung von im Ausland erworbener Anerkennung für die Etablierung
einer nationalen Kunst im eigenen Land offen. Ebenso spekulativ ist
vorderhand auch die von Jooss zur Diskussion gestellte Relevanz der Münchner
Erfahrungen für die internationale Aufgeschlossenheit der tschechischen
Secessionsbewegung.
Dass diese keineswegs die Überwindung der nationalen Kategorie in der Kunst
bedeutete, zeigte Roman Prahl (Prag) in seinem Beitrag über die „auswärtige
Politik“ böhmischer Künstlervereine um 1900. Vertraten etliche der
modernistischen Vereine die traditionelle Auffassung von Kunst als
authentischer Äußerung nationaler Identität - wenn auch die einzelnen
Künstler in der Berufspraxis eine professionelle Haltung über die nationale
stellten und diese letztere vor allem zur Wahrung ihrer Marktinteressen ins
Feld führten -, so gewann eben dieses Selbstverständnis eine entscheidende
Bedeutung im Rahmen der staatlichen Kunstpolitik in der Habsburgermonarchie.
Die Regierung nutzte die Kunstförderung für nationalpolitische
Zugeständnisse, die auf offener politischer Bühne nicht opportun erschienen.
Umgekehrt trug die in Vereinen organisierte Künstlerschaft - wiewohl nicht
durchgehend intentional - wesentlich dazu bei, über den Bereich der Kunst
hinaus reichende nationale Ansprüche zu artikulieren und diesen durch
internationale Aktivitäten Nachdruck zu verleihen. Ein anschauliches
Beispiel hierfür bieten die dichten Kontakte des tschechischen
Künstlervereins 'Manes' nach Paris, welche die Stadt Prag energisch
unterstützte und damit zugleich für ihre eigenmächtige, der
staatsoffiziellen Außenpolitik zuwider laufende Allianzbildung
instrumentalisierte. Mit Recht machte Prahl jedoch darauf aufmerksam, dass
die auswärtige Repräsentation einer fortschrittlichen tschechischen Kunst -
wie auch der Import spektakulärer Ausstellungen, besonders aus Paris -
keineswegs in erster Linie als symbolisch praktizierte Politik gemeint war,
sondern zuallererst durch Möglichkeiten der Verständigung über künstlerische
Ziele gesteuert wurde und dazu diente, Märkte zu erschließen und 'moderner'
Kunst im eigenen - dem tendenziell konservativen Prager - Milieu Respekt zu
verschaffen.
Ein Feld, auf dem explizite Politik durch die symbolische Politik der Kunst
sekundiert wurde, beleuchtete Werner Telesko (Wien): Er nahm den „Kult“ um
Kaiser Joseph II. in Augenschein, mit dem seit den 1880er Jahren vor allem
im deutschsprachigen Nordböhmen die deutschnationale Bewegung bekräftigt und
popularisiert wurde. Die Aufstellung der zahlreichen Denkmäler, die vielfach
aus serieller Produktion stammten, wurde in den Einweihungsreden und
Festschriften stets auf ein kollektives, authentisches Bedürfnis der
jeweiligen örtlichen Bevölkerung zurückgeführt, Joseph II. als letzten
'Schutzherrn' des - nunmehr als bedroht propagierten - 'Deutschtums' in den
böhmischen Ländern zu ehren. Die Vielzahl der einander ähnlichen Denkmäler
erweckte den Anschein eines gemeinsamen politischen Willens in der
deutschböhmischen Bevölkerung und verstärkte so den Appell an das
Kaiserhaus, der sich darin artikulierte. Dieser wurde mit ikonographischen
Mitteln zusätzlich konkretisiert. So wählte man für die Denkmäler - und mehr
noch in der in diesem Zusammenhang massenhaft produzierten Druckgraphik und
panegyrischen Dichtung - vorzugsweise Attribute bzw. Episoden aus der Vita
Josephs II., die ihn als väterlich sorgenden Herrscher sowie als Garanten
von Freiheit und Wohlstand kennzeichneten.
Ein Auseinanderklaffen von Identitätskonstruktionen entlang konfessioneller
und damit verbundener politischer Linien innerhalb der deutsch sprechenden
Bevölkerung im nordwestböhmischen Grenzland um 1900 führte Kristina
Kaiserova (Usti nad Labem) vor. Insbesondere die deutschnationale
Los-von-Rom-Bewegung und die Altkatholiken definierten ihre Positionen nicht
nur inhaltlich, sondern auch mit Mitteln der Stilwahl vor allem in ihrer
literarischen und publizistischen Produktion sowie in der Kirchenarchitektur
und -kunst. Moderne und universale bzw. traditions- und gattungsgebundene
Stilmittel transportierten über den konfessionellen Rahmen hinaus reichende
Komponenten der unterschiedlichen Identifikationsangebote, und diese flossen
auch in die symbolische 'Besetzung' von Orten mit politisch-konfessionellen
'landmarks' ein. Eine zu den Denkmalssetzungen parallele, jedoch eher lokal
wirksame Persuasions- und Konkurrenzstrategie beleuchtete Zdenek Hojda
(Prag) anhand von Aussichtstürmen und Berghütten in den
deutsch-tschechischen Grenzregionen Böhmens. Vor dem Hintergrund aktueller
Forschungen über symbolische Vereinnahmungen von urbanen Örtlichkeiten (u.a.
Peter Stachel) wie auch, via Tourismus, von Landschaften (Hermann Bausinger,
Pieter M. Judson) im Rahmen insbesondere nationaler Konfliktlagen zeigte er
für die Regionen entlang der tschechisch-deutschen Sprachgrenze den
Forschungsbedarf und die möglichen methodischen Ansätze auf, darunter die
Analyse von Quellen wie Ansichtskarten, Gästebüchern von Gasthäusern oder
Kennzeichnungen von Wanderwegen, vor allem aber Untersuchungen der
Aktivitäten - und der konkurrierenden Interaktion - von touristischen
Vereinen beider Nationalitäten: Nicht nur offen provokative Anspielungen wie
Kaiser Wilhelm- und Bismarcktürme auf böhmischem Territorium verdienten
Beachtung, sondern ebenso sehr subtilere Mittel symbolischer Politik wie
Bauinitiativen und Besitz augenscheinlich neutraler Aussichtstürme und
Berghütten mitsamt ihrem visuellen Radius oder auch periodische Aktionen wie
ostentative Ausflüge in bereits andersnational vereinnahmte Gebiete.
Eine herausragende Bedeutung als Plattform, auf der sich die innerböhmische
nationale Konkurrenz kristallisiert hatte und auf die sie im Verlauf der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer wieder aus dem offiziellen
Politikbereich verwiesen wurde, kam dem Theater zu. Jitka Ludvova (Prag)
zeichnete aber die Entwicklung des deutschsprachigen Theaters in Prag von
seiner Glanzzeit als Landesinstitution bis zu Überlebenskämpfen am Ende des
19. Jahrhunderts als Geschichte eines Niedergangs der deutschsprachigen
Theaterkultur, die zwangsläufig aus der innenpolitischen Liberalisierung
nach 1860 und der dadurch möglich gewordenen Entfaltung tschechischer Kultur
resultierte. Ludvova schilderte insbesondere die Schwierigkeiten des 1882
gegründeten deutschen Theaterbauvereins, den ambitiösen Neubau - zusätzlich
zum bestehenden Theatergebäude - kostendeckend zu bespielen. Diese führte
sie auf eine stark abnehmende Bereitschaft der (um 1900 nur mehr wenige
Zehntausend Personen zählenden!) deutsch sprechenden Bevölkerungsgruppe in
Prag zurück, Flagge zu zeigen. Die Frage, wie eine derartige Initiative noch
im ausgehenden 19. Jahrhundert politische Formen der Auseinandersetzung
ersetzen konnte, blieb ebenso unberührt wie, für die Jahrzehnte zuvor,
Fragen nach sozialgeschichtlichen Aspekten des Theaterbesuchs, welche als
Teil des nationalen Differenzierungsprozesses zu sehen sind: Sie könnten die
Emanzipation des tschechischen Theaters auch als anerkanntes
gesellschaftliches Forum erhellen helfen und ebenso Hinweise etwa darauf
geben, in welchem Maße die Prager deutsch sprechende Oberschicht Fühlung mit
dem Kulturleben in der Hauptstadt Wien suchte. Aufschlussreich hätte auch
ein genauerer Blick auf die Wahrnehmungen und Wirkungen der Richard
Wagner-Inszenierungen des Prager Theaterdirektors Angelo Neumann ausfallen
können, der - worauf Ludvova hinwies - mit erfolgreichen Gastspielen
innerhalb der Habsburgermonarchie, aber auch im Deutschen Reich immerhin die
Finanzlage des Prager Neuen Deutschen Theaters zu sanieren vermochte.
Fragen solcher Art richtete Ines Koeltzsch (Berlin) an „tschechisch- und
deutschsprachige Kinowelten im Prag der Zwischenkriegszeit“ und leuchtete
damit einen Bereich aus, in dem über- und internationale Kulturproduktion
konfliktfrei konsumiert werden konnte, solange sie nicht zwischen die Räder
tagespolitischer nationaler Reibungen geriet. Im Jahr 1930 eskalierten in
der so genannten 'Tonfilmaffäre' Proteste gegen die Vorführung
deutschsprachiger und deutscher Filme in Prager Kinos - Proteste freilich,
die ohne eigentlich politischen Anlass in Gang gekommen waren und sich dann
irrational bis zu gewalttätigen Auseinandersetzungen auswuchsen. Zuvor, aber
auch bereits bald danach wieder dominierten in den überdurchschnittlich
zahlreichen Prager Kinos mit Untertiteln versehene deutsche (und
einheimische deutschsprachige) Filmproduktionen, dicht gefolgt von
englischsprachigen, während tschechische Filme nur einen Bruchteil der
Programme ausmachten. Die Filmunternehmer, überwiegend jüdisch und deutsch
sprechend bzw. zweisprachig, bildeten mitsamt dem gesamten Personal bis hin
zu den Schauspielern eine international vernetzte Gesellschaft, die eben
darauf ihren Erfolg gründete. Im Alltag des Unterhaltungs-, aber auch des
anspruchsvolleren Kinos spielten (sprach-)nationale Präferenzen keine Rolle,
so dass dieses selbstverständliche Hinnehmen der Differenz, so Koeltzsch,
für alle sozialen Schichten und Gruppen gleichermaßen zu konstatieren sei
und ebenso für alle politischen Richtungen: Protektionistische Maßnahmen zur
Förderung der einheimischen Filmwirtschaft waren so zugeschnitten, dass sie
deren Boom nicht empfindlich störten, und selbst erklärtermaßen
nationalistisch eingestellte tschechische Politiker wie das Prager
Stadtoberhaupt Karel Baxa unterstützten die Vielfalt der Sprachen, der
Inhalte und der Ideentendenzen mit Blick auf die wirtschaftlichen Vorteile,
aber auch auf das Image eines kulturell toleranten Volkes und Staates. Ein
Ende bereitete diesem Phänomen - das von der Warte der politischen
Historiographie aus überraschend erscheinen mag, nicht so freilich
angesichts der Erkenntnisse der Wirtschaftsgeschichte - erst die
nationalsozialistische Politik in der Tschechoslowakei.
An den Referaten zu Themen der Literatur, der Publizistik und der Presse
zeigten sich eindrücklich die Schwierigkeiten des Brückenschlags zwischen
den Fächern - d.h. zwischen der Politikgeschichte und den anderen
Interessenfeldern historischer Forschung -, wie ihn die Fragestellung der
Tagung einforderte. A priori gesetzte Differenzen standen schon der
Verständigung über den Begriff des Politischen bzw. dessen Konkretisierung
im gegebenen Zusammenhang im Weg: darüber etwa, ob Dialogen über innere
Sprachgrenzen hinweg per se eine politische Relevanz zukomme, auch ohne dass
Motivationen ausgeleuchtet und Wirkungen bewertet werden.
So illustrierte Milan Zemko (Bratislava) anhand statistischer Daten die
vielsprachige Presselandschaft in Pressburg (Bratislava) vor und nach dem
Ersten Weltkrieg und wies darauf hin, dass die Einbindung der Stadt in das
neue Staatsgebilde der Tschechoslowakei weder im einschlägigen Markt noch im
Leseverhalten der verschiedenen Nationalitäten angehörenden Konsumenten
unmittelbare Veränderungen nach sich gezogen hat. Er schloss aus der „Multiethnizität“ auf eine „Multikulturalität“, verzichtete aber darauf,
diese weiter reichenden Fragen zu unterwerfen: etwa nach dem wechselseitigen
Verhältnis dieser - keineswegs für Pressburg/Bratislava allein
charakteristischen - Normalität zu politischen Einstellungen, sei es bei
Entscheidungsträgern in Politik und Pressewirtschaft oder in der Bevölkerung
selbst, nach einer Differenzierung von Publikumsgruppen usw. Die Existenz
sprachlich sowie in der weltanschaulichen und politischen Ausrichtung
differenter Zeitungen im Prag der Jahre um 1918 machte Sibylle Schönborn
(Düsseldorf) zum Ausgangspunkt ihrer Reflexionen über einzelne -
exemplarisch aufgefasste - Beiträge in deren Feuilletons. Sie ging davon
aus, dass das Feuilleton prinzipiell als „geschützter Raum“ eines allein auf
kulturelle Anliegen konzentrierten, gegenüber allem Politischen autonomen
Diskurses zu verstehen sei, der sich durchaus in verschiedenen Sprachen,
gleichwohl ohne nationale (oder gar nationalpolitische) Schranken vollziehe.
Daher sei speziell das Feuilleton in der Prager Presselandschaft in der Zeit
des Ersten Weltkrieges und danach mit Foucaults Begriff der „Heterotopie“ zu
qualifizieren. In thematisch wie auch ihrer Stoßrichtung nach
verschiedenartigen Beiträgen von Alfred Lemm in dem jüdischen Wochenblatt
'Selbstwehr', Hans Liebstöckl in der Prager deutschen Tageszeitung 'Bohemia'
und Arne Novak in der tschechischen, in deutscher Sprache herausgegebenen
'Prager Presse' machte Schönborn eine übereinstimmende Tendenz zur
Beschwörung einer labyrinthisch, aber integral konstruierten Idealwelt aus,
welche man dem zeitgenössischen Zwang zur Spaltung der Identitäten entgegen
gestellt habe. Hier sei die eigentliche Kultur zu lokalisieren, nicht in
ihren nationalisierten und der Politisierung zugänglichen Bereichen. Ähnlich
argumentierte auch Marek Nekula (Regensburg), der nochmals seine Auslegung
der Zweisprachigkeit Franz Kafkas als Exempel für die zwar schwierige, doch
jedenfalls von der maßgeblichen intellektuellen Elite allen
nationalpolitischen Festlegungen zum Trotz gelebte kulturelle Einheit Prags
erläuterte. Demgegenüber zeigte Jaroslav Med (Prag) am Beispiel des im
mährischen Altreisch (Stara Rise) ansässigen, der Katholischen Moderne
verpflichteten Verlegers Josef Florian und dessen Engagements für die
Dichtung des Expressionismus, wie kultureller Austausch - oder vielmehr
wiederum: Unteilbarkeit der Kultur - (nur) in einer geographischen und
geistigen Enklave gedeihen konnte.
Zwei weitere literaturwissenschaftliche Vorträge untersuchten mit der
literarischen Produktion im deutschböhmischen und sudetendeutschen Milieu
vermeintlich bekannte Bereiche, in denen Literatur in den Dienst politischer
Propaganda gestellt wurde. Ernst Rohmer (Regensburg/Erlangen) analysierte
das als 'Monatsschrift für das geistige Leben der Sudetendeutschen' zwischen
1933 und 1938 von Hans Watzlik herausgegebene Blatt 'Der Ackermann aus
Böhmen'. Anhand von ausgewählten, überwiegend programmatischen Beiträgen aus
allen Jahrgängen - vielfach von dem Prager Universitätsprofessor für
Germanistik Herbert Cysarz - argumentierte Rohmer, dass es den Initiatoren
von Anfang an darum gegangen sei, mittels eines dem 'Boden' und dem 'Volk'
verbundenen Literaturverständnisses eine sudetendeutsche Volksgemeinschaft
in Opposition zu 'den Tschechen' zu schmieden, diese ihrer
historisch-politischen Gebundenheit zu entheben und sie als Teil des
gesamten 'Deutschtums' auszuweisen: dass also die Zeitschrift bereits bei
ihrer Gründung als ein Organ des sudetendeutschen Volkstumskampfes fungierte
und somit als ein Motor der nationalsozialistischen Ideologie im
deutschsprachigen Böhmen zu werten sei. Die Frage allerdings, ob bzw. in
welcher Weise sie mit der Sudetendeutschen Heimatfront und später der DNSAP
(Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei) verflochten war, bleibe
noch zu klären. Speziell Hans Watzliks Wandel von einem 'Heimatdichter' zu
einem deutschnationalen Schriftsteller und DNSAP-Aktivisten zeichnete Václav
Maidl (Prag) als frühe Wendung in einem langfristigen Entwicklungsprozess
nach. An Werken von Josef Rank, Georg Leopold Weisel und Karel Klostermann
illustrierte Maidl zunächst, wie in der Dichtung und Literatur der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts die Verbundenheit mit der engeren 'Heimat' gegen
die unmittelbaren Wirkungen der Modernisierungsprozesse und insbesondere
gegen die Spaltung der Nationalitäten in Böhmen aufgeboten wurde. Bei
Watzlik, der zunächst aus dieser Tradition hervorgegangen war, erkannte
Maidl die Wendung zur Inszenierung des nationalen Antagonismus, die dessen
Entwicklung zu einem einflussreichen Verfechter von 'Volkstums'Interessen
einleitete, bereits in dem frühen Grenzlandroman „O Böhmen“ von 1917.
Auf wissenschaftliche Deutungen der Geschichte tschechischer und deutscher
Literatur in Böhmen richtete unter dem Gesichtspunkt ihrer politischen
Implikationen Michael Wögerbauer (Wien) einen kritisch analysierenden Blick.
An unterschiedlichen literarhistorischen Abhandlungen, speziell zur
nationalsprachlichen Entwicklungsphase in der Zeit der Aufklärung, aus
tschechischer wie aus deutscher Feder seit dem 19. Jahrhundert bis in die
Jahre des Zweiten Weltkrieges zeigte er einerseits, wie die wechselnden
historischen Konstellationen immer wieder nationale Legitimationsstrategien
in der wissenschaftlichen Literaturgeschichtsschreibung - der
deutschböhmischen bzw. sudetendeutschen gleichermaßen wie der
tschechischen - hervorbrachten. Anderseits wurde deutlich, dass Ansätze sei
es zu einer integrierten, territorial determinierten Betrachtung der
literarischen Entwicklung in Böhmen - wie bei Arnost Kraus - oder zu einer
komparatistischen Perspektive zum Scheitern verurteilt waren, weil sie
nationalen Interessen zuwider liefen oder diese gar in Frage gestellt
hätten. Hier trat das Erkenntnispotential eines kombinierten, in diesem Fall
literatur- und politikgeschichtlichen Ansatzes nochmals besonders
anschaulich zu Tage, und es war sicher kein Zufall, dass sich gerade in
diesem Zusammenhang eine Stimme zur Verteidigung der wissenschaftlichen
Würdigung von Literatur unabhängig von äußeren Bedingtheiten erhob: Als „Kunst“ könne Literatur nur dann wahrgenommen werden, wenn man alle
außerkünstlerischen Faktoren wie historisch-politischen Kontext, Akteure und
ihre Interessen usw., die sie zum Bestandteil eines Sozialsystems
degradierten, ausblende.
An der Schnittstelle zwischen Politik und nationalkulturellen Prägungen bzw.
Interessen in der Gesellschaft waren im Programm der Tagung das Schulwesen
und die Wissenschaft als soziales Milieu angesiedelt. Zdenek Benes (Prag)
und Mirek Nemec (Freiburg) beleuchteten die Auswirkungen der liberalen
tschechoslowakischen Schulgesetzgebung auf die allgemeinbildenden und
besonders die Mittelschulen. War auf der Grundlage des Vertrages von Saint
Germain die Gleichberechtigung aller in der Tschechoslowakei gebräuchlichen
Sprachen auch im Schulwesen garantiert, so hatte jedoch die Freiheit zur
inhaltlichen Ausgestaltung des Schulunterrichts, die - im Zuge der Übernahme
des gesamten Rechtssystems aus der Monarchie - bereits 1918 festgeschrieben
worden war, vielfältiges Problem- und Konfliktpotential zur Folge. Benes
wies besonders auf die Situation in der Slowakei hin: Hier stellte
Alphabetisierung nach wie vor ein Desiderat dar, und vorhandene Schulen
mussten zugleich sprachlich 'slowakisiert' und hinsichtlich der
staatsbürgerlichen Erziehung 'tschechoslowakisiert' werden, was freilich
beides notgedrungen durch Entsendung von Lehrern aus den böhmischen Ländern
geschah. Fragen nach der faktischen Problematik dieses Umstellungsprozesses
lassen sich, so Benes, wegen Mangels an überliefertem Dokumentenmaterial
nicht mehr beantworten. Eindrücklich konnte Benes aber zeigen, dass die
großzügigen Rahmenbedingungen des Schulrechts Konfliktpotentiale nicht etwa
aufhoben, sondern von der staatlichen Ebene auf die lokale verlagerten. Dies
betraf vor allem die Regelungen zum Minderheitsschulwesen: Kämpfe habe es
vor allem in deutschsprachigen Gebieten gegeben, die in aller Regel mit dem
Wegzug jüngerer Familien endeten. Auf diese Weise habe das an sich auf
Minimierung der Nationalitätenproblematik ausgelegte Schulrecht letztlich
zur Desintegration beigetragen. Mirek Nemec bestätigte diesen Befund auf
anderem Wege: Trotz Richtlinien für den Unterricht in Geschichte und
Geographie, die auf eine Erziehung zu staatsbürgerlichem Bewusstsein
abzielten - erlassen 1928/29 als regulierender Eingriff -, ermöglichten die
dennoch weit reichenden Autonomierechte dem deutschen Schulwesen in der
Tschechoslowakei selbst die Produktion und Verwendung von Schulbüchern,
welche diesen Vorgaben unverhüllt widersprachen. Gleichzeitig aber nutzte
die tschechoslowakische Regierung eben diese Konsequenz der
Unterrichtsfreiheit in ihrer Außenpolitik gegenüber dem Deutschen Reich.
Ähnlich divergente Tendenzen konstatierte Jiri Pesek (Prag) - in einem
gemeinsam mit Alena Miskova (Prag) vorbereiteten Beitrag - auch für das
universitäre Milieu und die Gesellschaft zur Förderung der deutschen
Wissenschaft, Literatur und Kunst in Böhmen seit dem ausgehenden 19.
Jahrhundert. Anhand ausgewählter Persönlichkeiten aus den
Geisteswissenschaften zeigte er, dass die Prager deutsche Universität wie
auch die 'Gesellschaft' als ihr in die Öffentlichkeit wirkendes Pendant für
die Propagierung eines segregativen deutschnationalen Selbstverständnisses
ebenso genutzt wurden wie für Bemühungen um Selbstbehauptung auf der Basis
von Kooperation. Vor allem die Universität fand aber zumal wegen des hohen
Anteils jüdischer Professoren und Studenten keine ungeteilte Akzeptanz in
der Prager und böhmischen deutschen Bevölkerung, so dass sie für die
nationale Gruppe nicht als einheitliche Elitenplattform fungieren konnte. In
der Ersten Republik war sie nicht zuletzt dank ihrer engen personellen
Verflechtung mit dem Parlament und - ab 1926 - auch der Regierung in den
tschechoslowakischen Staat eingebunden und somit letztlich auf die
staatsoffiziellen Strukturen nationalpolitischer Auseinandersetzung
verwiesen; Gleiches galt, bedingt auch durch Subventionierung, für die
'Gesellschaft'. Die Fragwürdigkeit der nationalen Kategorie als
Integrationsfaktor und politisches Argument im Prag der Jahre um 1900
illustrierte Christopher Dowe (Tübingen) eindrucksvoll am Beispiel
studentischer Rituale in der städtischen Öffentlichkeit. Der 'Bummel' Farben
tragender deutscher Studenten wurde in Prag als Demonstration deutscher
kultureller Vorherrschaft inszeniert - und von Studenten der tschechischen
Universität mit gleichen Mitteln beantwortet: Diese imitierten in variierter
Form den 'Wichs' und konkurrierten mit den deutschen Studenten um die
symbolische 'Besetzung' des städtischen Raumes bis hin zu gewalttätigen
Ausschreitungen, ohne aber tatsächlich den Burschenschaften entsprechende
Zusammenschlüsse zu bilden. Unter den deutschen Studenten führte diese
national zugespitzte Polarisierung jedoch keineswegs dazu, dass Differenzen
auf anderen Feldern in der nationalen Identifikation aufgehoben worden
wären. Vielmehr erwiesen sich soziale und vor allem religiöse Unterschiede
als weitaus stärker wirksam, so dass innerhalb der deutsch sprechenden
Studentenschaft Konflikte um Zugehörigkeit zum 'deutschen Volkstum' -
insbesondere zwischen Juden und ultramontanen Katholiken - aufbrachen und es
auch zu gemeinsamen antiklerikalen oder antisemitischen Demonstrationen
deutscher und tschechischer Studenten kommen konnte.
Auf das Feld einer allgemein gesellschaftsgeschichtlichen Betrachtungsweise
von funktioneller Rezeption fremdnationaler Kulturelemente führten die
Referate von Roman Holec und Dagmar Kostialova (beide Bratislava), die sich
auf die Bedeutung 'deutscher Kultur' im nationalen Emanzipationsprozess der
Slowaken konzentrierten. Holec verfolgte die von den 1860er Jahren bis zum
Ersten Weltkrieg einem markanten Wandel unterworfene Relevanz kultureller
Kontakte zum nachmaligen Deutschen Reich und vor allem zu München. Die
Orientierung insbesondere an der deutschen Romantik in Literatur und Kunst
erfüllte nicht zuletzt die Funktion der Abgrenzung gegen die politisch
vorangetriebene ungarische Kulturhegemonie. Dieses Verhältnis veränderte
sich nach der Reichseinigung: Die konservativen katholischen Verfechter
slowakischer kultureller Eigenständigkeit nahmen das Deutsche Reich als
bedrohliche Übermacht wahr und sahen zumal bei Nietzsche die ehemals
gemeinsamen Ideale preisgegeben. Ihnen stand eine protestantische Fraktion
gegenüber, die an der kulturellen Verbundenheit mit dem Deutschen Reich
festhielt, damit aber in einen Konflikt mit den politischen Interessen der
'tschechisch-slowakischen Gegenseitigkeit' geriet. Dieser Gegensatz fand
sich, so Holec, zuerst in der Sozialdemokratie aufgehoben, deren
tschechischer Zweig bruchlos zwischen den 'linken Kulturen' Deutschlands und
der Slowakei vermitteln konnte. Kostialova begab sich von der Ebene der
Hochkulturen und umstrittener ethisch-weltanschaulicher Positionen in die
Alltagswelt der Weinstuben und Kaffeehäuser Pressburgs bzw. Bratislavas, wo
sich Freizeit-, Konsum- und Kommunikationsgewohnheiten als Prüfstein
nationaler Vergesellschaftungsprozesse und kultureller Identifizierungen
erwiesen: Traf sich in den Kaffeehäusern die ungarische und magyarisierte
Gesellschaft, auch um die internationale Presse zu verfolgen, so sammelten
sich in den Weinstuben die deutschsprachigen und nach 1918 verstärkt die
slowakischen Pressburger zu Vergnügen und Räsonnement. Weingenuss wurde mit
künstlerischen und literarischen Debatten - einer deutsche und slowakische
Differenz überwölbenden Boheme-Kultur - verknüpft und mit Weltoffenheit
assoziiert, um dem Ruch eines slowakischen Provinzialismus zu entgehen.
Ins reale Leben führte schließlich auch der letzte Vortrag der Tagung
zurück. Jürgen Nautz (Kassel/Wien) erläuterte die nationalpolitische
Dimension des institutionalisierten Finanzwesens und der Geldpolitik und, in
umgekehrter Sicht, deren Rolle im Verfestigungsprozess der
nationalkulturellen Identifikationen in Cisleithanien. Die Machtkämpfe um
wirtschaftspolitische Vorteile bzw. um Gleichstellung der über kulturelle
Kriterien definierten nationalen Gruppen, die nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 einsetzten und seither nicht
mehr abrissen - von Nautz besonders anschaulich gezeigt im Zusammenhang mit
der Währungsreform bei Einführung des Goldstandards -, spielten sich auch
auf symbolischer Ebene ab: im Ringen um Sprachregelungen, um Gestaltung von
Banknoten und Münzen, nicht zuletzt in national codierten Formen und Motiven
in der Architektur und Ausstattung von Bank- und Sparkassenbauten. Das
Moment der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer nationalen
Kulturgemeinschaft konnte sich in dieser Konstellation selbst in
vermeintlich 'rein ökonomischen', pragmatischen Kriterien unterliegenden
Entscheidungen als dominant erweisen, so bei der Vergabe von Krediten.
Ingesamt hat die Tagung mit ihren vielfältigen Zugängen zu dem Thema
zweifellos ein realistisches Bild sowohl der Möglichkeiten und Hemmnisse
transdisziplinärer kulturgeschichtlicher Forschung als auch speziell der
Forschung zum Zusammenleben der Deutschen, Tschechen und Slowaken
wiedergegeben. Als bezeichnend für den Stand der Reflexion kann sicher
gewertet werden, dass das Programm allenfalls punktuell dem Sog der
innertschechoslowakischen (-böhmischen, -slowakischen) Perspektive entzogen
werden konnte. Entsprechendes ist für die Dominanz der nationalen Kategorie
in der Definition von Kultur wie auch Politik und des Verzichts auf
Binnendifferenzierungen - etwa nach den Vorgaben von Jiri Koralka [7] - zu
konstatieren. Des weiteren ist aus den allgemeinen Tendenzen der Forschung
erklärlich, dass von den in der Themenstellung der Tagung nachgefragten
Optionen für Kultur in ihrem Wechselspiel mit Politik weitaus überwiegend
die 'Vehikelfunktion' Interesse fand, während gegenläufige Bewegungen nahezu
ausgeblendet blieben. Für das Gespräch über Fächergrenzen hinweg und die
grundlegende Problematik der Verständigung über Begriffe ist hierbei
charakteristisch, dass beispielsweise ein Ignorieren des politischen
Kontextes je nach Perspektive auch als eine Art passiver Resistenz gedeutet
werden kann. Wurde der reichlich bemessene Spielraum für Diskussion durchweg
rege genutzt, so berührte diese nur sporadisch das zentrale Problem, wie die
Bruchstellen zwischen den fachspezifischen Begriffs- und
Methodeninstrumentarien sowie nicht zuletzt auch Erkenntnisinteressen überbrückt werden könnten. Eben deshalb aber - nicht etwa: dennoch - kann
die Tagung als anregender Beitrag zur Debatte verbucht werden. Und zudem
haben eine Reihe der Referate unmittelbar gezeigt, dass selbst Leistungen
der Hochkultur auch in ihrer Funktion als symbolische Form politischer
Willensbekundung - und umgekehrt 'dekorative Accessoires' der
Gesellschaftsgeschichte wie Kunst und Literatur als konstitutive
Bestandteile des Sozialen und Politischen - wahrgenommen werden können, ohne
dass Zuständigkeitsbereiche und Selbstverständnis der beteiligten Fächer
grundlegend revidiert werden müssten. Den zweiten Teil der Tagung kann man
auch im Hinblick darauf gespannt erwarten.
Anmerkungen
[1] Im März 2005 wird die Tagung in Hamburg mit einem der Zeit von 1938/39
bis zur Gegenwart gewidmeten Programm fortgeführt.
[2] Vgl. Hübinger, Gangolf: Die „Rückkehr“ der Kulturgeschichte. In:
Cornelißen, Christoph (Hg.): Geschichtswissenschaften. Eine Einführung.
Frankfurt/M. 2000, 162-177, hier 173. - Siehe zur Problematik der Abgrenzung
auch: Mergel, Thomas: Überlegungen zu einer Kulturgeschichte der Politik.
In: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002) 574-606, hier bes. 585f.
[3] Dazu vgl. Mergels „Umrisse einer Kulturgeschichte der Politik“: Ebenda,
bes. 588f.
[4] Nochmals: Ebenda 587 (Politik als „kommunikativer Modus“ nach Luhmann)
und 586.
[5] Vgl. Roeck, Bernd: Visual turn? Kulturgeschichte und die Bilder. In:
Geschichte und Gesellschaft 29 (2003) 294-315, der von einer begrenzten
Kenntnis des Faches Kunstgeschichte aus die „Notwendigkeit, eine adäquate
Quellenkritik [für Kunstwerke im Kontext historischer Fragestellungen] zu
formulieren“ (S. 313), zu erkennen meint. Dagegen sei als ein Beispiel
erfolgreicher interdisziplinärer Kulturgeschichte, die ohne 'turns'
auskommt, auf den 'Spezialforschungsbereich Moderne' an der Universität Graz
hingewiesen.
[6] Zum Verständnis von Kultur als Geflecht instabiler, von Trägerschichten
und -gruppen abhängiger, veränderlicher und mitunter widerspruchsvoller
Phänomene: Chartier, Roger: New Cultural History. In: Eibach,
Joachim/Lottes, Günther (Hgg.): Kompass der Geschichtswissenschaft. Ein
Handbuch. Göttingen 2002, 193-205.
[7] Vgl. Koralka, Jiri: Fünf Tendenzen einer modernen nationalen Entwicklung
in Böhmen. In: Österreichische Osthefte 22 (1980) 199-213. - Ders.:
Tschechen im Habsburgerreich und in Europa 1815-1914. Sozialgeschichtliche
Zusammenhänge der neuzeitlichen Nationsbildung und der Nationalitätenfrage
in den böhmischen Ländern. Wien, München 1991 (Schriftenreihe des österreichischen Ost- und Südosteuropa-Instituts 18). - Ders.:
Nationsbildung und nationale Identität der Deutschen, Österreicher,
Tschechen und Slowaken um die Mitte des 19. Jahrhunderts. In: Hoensch, Jörg
K./Lemberg, Hans (Hgg.): Begegnung und Konflikt. Schlaglichter auf das
Verhältnis von Tschechen, Slowaken und Deutschen 1815-1989. Essen 2001
(Veröffentlichungen der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen
Historikerkommission 12), 39-54.
Redaktion: Livia Cárdenas

Copyright for all reviews © 2004 by H-ArtHist (H-NET) and the author, all
rights reserved. Works may be copied for non-profit educational use if proper
credit is given to the author and the list. For other permission please contact hah-redaktion@h-net.msu.edu.
03.01.2005
|
 |