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Stil als Bedeutung. Künstlerische
Konzepte in Architektur und den Bildkünsten im Rheinland und den
Nachbargebieten (1450-1650). 2. Sigurd Greven-Kolloquium zur Renaissanceforschung
19. und 20. November 2004. Universität zu Köln.
Heiko Laß
Erklärtes Ziel des Kolloquiums war eine Verbindung der beiden ältesten
Methoden des Faches Kunstgeschichte herzustellen: Ikonographie und Stilanalyse.
Dabei sollte die Verknüpfung der Herleitung und Interpretation von
Motiven und Stoffen mit den formalen Eigenheiten eines Werkes oder Oeuvres
fruchtbar gemacht werden. Um eine Stilgeschichte im Sinne des 19. Jahrhunderts
mit einer kontinuierlichen Entwicklung, die in Epochen eingeteilt wird,
ging es jedoch nicht! Im Zentrum stand die inhaltliche Interpretation
formaler und genuin künstlerischer Phänomene. Die Organisatoren
des Kolloquiums (Norbert Nußbaum, Köln - Stephan Hoppe, Köln
- Matthias Müller, Greifswald) wollten unter Stil mehr als Formalismus
verstanden wissen. Die Form war ihnen eine absichtsvolle Schöpfung,
wobei sie davon ausgingen, daß keine Form ohne Absicht und Bedeutung
entstehe (Norbert Nußbaum, Köln: Begrüßung). Konzept
und Inhalt gehören zusammen und sind als Einheit zu betrachten.
Der Begriff Stil wurde bewußt weit gefaßt als Bestandteil
einesübergeordneten Konzepts oder Ausfluß kultureller Voraussetzungen,
und zwar sowohl formal als auch konzeptionell. Immer wieder führte
die Vielfalt der historischen Stilbegriffe mit ihren regionalen Eigenarten
zu semantischen Mißverständnissen, zumal auf diesem international
besuchten Kolloquium. Definition und Anwendung variieren bekanntermaßen
zwischen Ländern und Regionen, Fächern und Gattungen.
Einige Beiträge fragten danach, wie Stile konstruiert, wie sie definiert
werden, wobei aber hauptsächlich die Architektur im Vordergrund stand
(Stephan Hoppe, Köln: Stilbegriffe. Eine Einführung in ihre
allgemeinen und kunstspezifischen Verwendungen seit der Antike - Dirk
van de Vijver, Löwen: The Crisis of Stylistic Categories in the Historiography
of Late 18th and Early 19th-Century Architecture). Letztlich ging es um
die Frage, ob die Definitionskriterien objektiv gesetzt werden können.
Was wird als relevant angesehen, was wird weggelassen. Und dies bezieht
sich sowohl auf den Personalstil als auch auf Stillagen (Hoppe). Oft läge
dem Stilbegriff ein Entwicklungs- und Einheitsgedanke im Sinne von richtig
und rein zugrunde. Dies sei ein historisches Konstrukt. Als Arbeitskonstrukt
unterscheidet Hoppe zwei Arten von Stil. Der eine ist operativ zu verstehen
und wird von ihm als unwillkürlich bezeichnet. Mit seiner Hilfe könne
etwa eine Datierung oder Zuschreibung vorgenommen werden. Den anderen
nennt er willkürlich. Es handelt sich in diesem Fall um eine Form,
die situationsbedingt codiert wird und Form und Bedeutung miteinander
verbindet. Vor allem sei an Repräsentation und Mode zu denken. In
der Diskussion war man sich jedoch einig, daß es im allgemeinen
aber zu einer Verschränkung kommen dürfte. Bezug auf das Modell
wurde kaum genommen, doch näherten sich die meisten Beiträge
der von Hoppe als willkürlich bezeichneten Variante an. Wie wenig
ein Stilbegriff ohne Erläuterung und Einordnung in einen historisch-
geographischen Raum aussagen kann, verdeutlichte Dirk van de Vijver.
Ulrich Fürst führte aus, daß im 16. Jahrhundert vermehrt
Architekturtrakte stilbildend wirkten, und zwar nicht nur in bezug auf
die Form, sondern auch in bezug auf die Bedeutung (Ulrich Fürst,
München: Die Kategorie der Bedeutung in den deutschsprachigen Architekturtraktaten
der frühen Neuzeit). Dies sei jedoch nicht nur durch Textwerke geschehen,
sondern auch durch Tafel- und Bildbände. Beide waren gleichrangig
auch theoriebildend. Die Differenzierung und Angemessenheit habe sich
dabei besonders gut mittels der Säulenordnungen ausdrücken lassen.
In vielen Fallbeispielen suchten die Referenten, Bedeutung und Gestalt
zu verbinden und Begriffe wie ‚Stilpluralisums‘, ‚Handschrift‘
oder ‚Stilwahl‘ zu konkretisieren. Dabei herrschte Einigkeit,
daß die unterschiedlichen Stile ‚Gotik‘ und ‚Renaissance‘
im 15. und 16. Jahrhundert lange Zeit weder in einer zeitlichen, noch
in einer qualitativen oder kategorischen Abfolge standen.
Dies offenbart sich etwa am Werk des Jan Gossaert, der sich ‚spätgotischer‘
Formen ebenso bediente wie der der ‚Renaissance‘ (Ariane Mensger,
Heidelberg: Jan Gossaert und der niederländische Stilpluralismus
zu Beginn des 16. Jahrhunderts - eine Annäherung). Dabei kann in
seinem Werk weder eine chronologische Reihenfolge im Sinne einer Entwicklung,
noch eine unterschiedliche Wertigkeit der Stile festgestellt werden. Vielmehr
zeichnet sich sein Werk durch eine synchrone Verwendung der Stile aus,
die ihren Wert bzw. ihre Bedeutung je nach der Situation erhalten. Sie
können sogar am selben Werk auftreten. Eine Verknüpfung mit
‚gotischen‘ Formen etwa als „Niederer Stil“ und
mit Formen der ‚Renaissance‘ als „Hoher Stil“
sind spätere Konstrukte. Vielmehr galt die ‚Gotik‘ als
modern und innovativ, die Formen der ‚Renaissance‘ bzw. Antike
galten hingegen als alt. (Mensger; Krista de Jonge, Löwen: „Stil“
und „Manier“ in der niederländischen Architektur der
frühen Neuzeit (1450- 1600). Zeitgenössische Quellen und kunsthistorische
Tradition). So wurde in den Niederlanden ein eigener Stil mit einer eigenen
Tradition entwickelt. Die aktuelle ‚Gotik‘ (Flamboyant) hatte
jedoch gegenüber dem antiken Stil den Nachteil, daß sie sich
nicht vereinfachen und reduzieren ließ. Dennoch muß bis weit
in das 16. Jahrhundert hinein eine Gleichzeitigkeit und eine Gleichwertigkeit
von modern (Gotik) und antik (italienische Renaissance) gesehen werden
(de Jonge).
Das Erkennen der eigenen Geschichte und auch das Annehmen fremder Projektionen
war das Thema einer weiteren Gruppe von Beiträgen. In diesen Kontext
gehörte auch das Abgrenzen von anderen. Letztlich ging es um das
Auflösen der Einheitlichkeit der Stilbegriffe anhand der Bedeutung
der Form. Das naturalistische Astwerk etwa kann verschiedene Bedeutungen
erhalten (Hanns Hubach, Zürich: Johann von Dalberg und die „Konstruktion“
der antiken Künste im Kreis der Heidelberger Frühhumanisten).
Es wird auf die Urhütte bezogen, aber auch auf die germanisch-deutschen
Traditionen wie das antike Bild Germaniens als Wald. Auch Bezüge
zum Gralstempel seien möglich, wie es Hubach für den Frauenzimmerbau
des Heidelberger Schlosses glaubhaft machen konnte. Im Kreis der Heidelberger
und Wormser Humanisten um 1500 sei von einer nationalen Lesart auszugehen.
Stile konnten durchaus als Nationalstile verstanden werden, wobei verschiedene
Nationen den selben Stil für sich reklamieren konnten wie etwa die
Deutschen und die Franzosen die ‚Gotik‘ im späten 15.
und frühen 16. Jahrhundert. Dies zeige sich etwa in Italien sowohl
an einzelnen Formen wie Spitzbögen, Rippen oder Astwerk, aber auch
an Bautypen wie der Hallenkirche. Dies äußere sich etwa an
der Kathedrale von Pienza oder der Sta. Maria dell‘ Anima in Rom.
Dabei wurde nicht starr an einem bestimmten System festgehalten, sondern
durchaus eine Anpassung an regionale Gepflogenheiten vorgenommen wie etwa
der Verzicht auf Rippen oder das Ersetzen von Spitz- durch Rundbögen
(Hubertus Günther, Zürich: Gotik in der römischen Hochrenaissance).
Daraus folgte für die Diskussionsrunde, daß unsere heutige
Kategorisierung in Stilen nicht unbedingt der zeitgenössischen folgen
muß. Man baute modern oder deutsch, nicht aber ‚gotisch‘.
Deutschland stellte sich mit seiner Architektur als modern dar. Es habe
sich im Gegensatz zu Italien auf der Höhe der Entwicklung gesehen.
Nördlich der Alpen habe es kein kulturelles Tief mit einem anschließenden
Neuaufstieg gegeben.
Auch die auffallende Häufung von Walddarstellungen in der Malerei
Süddeutschlands und Österreichs um 1500 („Donaustil“)
bezieht sich auf antike Autoren, die Germanien als Wald charakterisiert
hätten. Gerade die häufige Darstellung von Flechten in der Malerei,
die die antiken Autoren nannten, läßt diesen Schluß zu
(Edgar Bierende, Bern: Der „Donaustil“ - eine Antwort deutscher
Humanisten und Künstler auf die zeitgleiche italienische und burgundische
Kultur?).
In einen ähnlichen Zusammenhang können auch Cranachs antikische
Aktdarstellung gestellt werden. Hier mangelt es an pastoralen Hintergrundslandschaften,
die Bewegungsabläufe der Figuren sind gebrochen, eine Interaktion
mit den nordisch-deutschen Landschaften fehlt. Es handelt sich um einen
betonten „Antirealismus“ (Matthias Müller, Greifswald:
Von der allegorischen Historia zur Historisierung eines ‚germanischen
Mythos‘. Die Bedeutung eines italienischen Bildkonzepts für
Cranachs Schlafende Quellnymphe). Doch lassen Cranachs Aktdarstellungen
eindeutig die Diskussionen Italiens erkennen. Die klassische Ruhelage
wird aber zum verkrampft-spannungsgeladenen Körper umgewandelt. Diese
deutsche Alternative zur italienischen Auffassung sei inhaltlich begründet:
An die Stelle der Verführbarkeit des Augensinns trete die Warnung
vor der Sünde. Zugleich werde mit der Unfähigkeit der Interaktion
der Figur mit dem Bildraum auch eine negative Beeinflussung des Betrachters
ausgeschlossen. Der Akt begebe sich seiner Materialität (Müller).
Hinzu käme im konkreten Fallbeispiel der Bezug zu einer lokalen Sage.
Ein anderer Aspekt des Kolloquiums betraf Form und Status. So habe Kaiser
Maximilian I. um 1500 offenbar einen Stil, der auf Alter und Tradition
des Kaisertums verwies, bevorzugt. Zumindest lassen das die Darstellungen
im „Weisskunig“ vermuten (Wolfgang Lippmann, Bonn: Der Kaiserstil
- Architekturstil als Zeichensprache in der deutschen Renaissance). Stilistisch
sind diese Elemente dabei nicht eindeutig zuzuordnen, sie entsprechen
jedoch formal weder der ‚Gotik‘, noch der ‚Renaissance‘.
Ein derartiges „Mittelalterrevival“ (Lippmann) kann im deutschen
Südwesten auch anderwärts festgestellt werden.
Dieser äußerte sich auch in der Architektur. In Wellenburg
bei Augsburg ließ sich Maximilian I. zusammen mit Matthäus
Lang von Wellenburg ein Schloß (1507-20) erbauen, das zum einen
Stammsitz Langs, zum anderen Jagdschloß des Kaisers werden sollte.
Und während Maximilian I. traditionelle Raumaufteilungsschemata bevorzugte,
entschied sich Lang für ein modernes Korridorschema (Nicole Riegel,
Bonn/Würzburg: „romerstein“ und „wellisch kindell“
- Fragen der Stilwahl in der Bautätigkeit Kardinals Matthäus
Lang von Wellenburg). Der Außenbau offenbarte keine moderne Formgebung,
sondern hob mit einem ‚gotischen‘ Chor der Schloßkapelle
traditionelle Elemente hervor.
Besonders deutlich stellt sich das Phänomen von Status und gewählter
Form in der Provinz Utrecht dar. Nachdem der Adel seine Stammsitze anfänglich
in den Formen der ‚italienischen Renaissance‘ bzw. des ‚niederländischen
Klassizismus‘ gebaut hatte, ging er später dazu über,
sich traditioneller, mittelalterlicher Formen zu bedienen. Anlaß
war das Bemühen, sich baulich vom aufstrebenden Bürgertum, etwa
Amsterdams und dessen Villenbauten, optisch abzusetzen. Doch auch dieser
Wandel des Adels wurde von einigen Bürgern nachvollzogen, die sich
ebenfalls formal- wehrhafter Bauformen bedienten, ohne daß das Objekt
den Status eines derartigen Baus gehabt hätte (Konrad Ottenheym,
Utrecht: Turm und Portico. Die Architektur des Utrechter Adels im 17.
Jahrhundert).
Weitere Beispiele verdeutlichten, daß die Bedeutung einer Form nur
vor dem konkreten kulturellen Hintergrund bestimmt werden kann. So versuchte
die freie Reichsstadt Köln sich mittels antiker Formen an der Rathauslaube
zu legitimieren und ihre Ansprüche, die sie auf die Antike zurückführte,
auch bildlich darzustellen (Isabelle Kirgus, München: Die Kölner
Rathauslaube und die stilistische Antikenrezeption). Wie schnell sich
die Bedeutung einer Form ändern konnte, wurde an einem mitteldeutschen
Beispiel vorgeführt. Hier war die modernere Form stets positiv konnotiert,
so daß etwa dem Welschen Giebel um 1500 eine andere Bedeutung beigemessen
wurde als 1550 (Heiner Borggrefe: Form versus Inhalt und die Grenzen der
Stilkritik, dargelegt an Motiven Cranachs und des Schlosses Mansfeld).
So gesehen konnte Hermann Hipp die Frage stellen, ob die ‚Nachgotik‘
‚gotisch‘ sei und sie letztendlich verneinen (Hermann Hipp:
Nicht Stil und ohne Stil - die „Nachgotik“ der Architektur
um 1600). Es lebten nur wenige Einzelmerkmale fort, von denen auch nicht
immer alle Verwendung finden mußten. Moderne Elemente waren immer
enthalten. Die Zeitgenossen redeten von „kirchisch“. Auch
im Profanbau blieben ‚gotische‘ Strukturen erhalten wie Wendeltreppen,
aber keine ‚gotischen‘ Einzelfomen, die ja als „kirchisch“
galten. Ein Anachronismus sei hier nicht zu sehen, sondern eine bruchlose
Entwicklung, die von der systematischen Idee der Baugattungen ausgehe
und keine Wiederherstellung der Antike anstrebte, die im italienischen
Sinne nördlich der Alpen mangels Antike auch gar nicht erfolgen konnte.
Das Geschichtsverständnis des italienischen Humanismus fehlte in
Deutschland, das in jener Zeit auch kein Mittelalter kannte, sondern sich
vielmehr in einer ungebrochenen Tradition sah. Diese hatte in der Gegenwart
den vorläufigen Gipfel der Entwicklung erreicht. Außer in Bayern
und Österreich war dieses kräftige Eigenbewußtsein stark
ausgeprägt. Die ‚Nachgotik‘ ist nach Hipp kein Stil,
vielmehr äußerten sich hier Habitus und Lebensstil.
Was für die Stillagen festgestellt wurde, kann ähnlich auch
am Personalstil eines Künstler festgemacht werden. Am Beispiel von
Robert Campin erläuterte Christiane Kruse (Christiane Kruse, Konstanz/Trier:
„Realismus“. Kunstgeschichtliche Stilkategorie und Angebot
zur immersiven Bildrezeption), daß eine posthume Verknüpfung
von Stil und Bedeutung in bezug auf einen Künstler und seine Schaffensqualität
aufgrund eines Geschmacksmodells nicht zulässig sein kann. Zudem
müssen Konzept und Ausführung nicht unbedingt von der selben
Person stammen.
Andererseits kann unter Umständen eine bewußte Bezugnahme auf
den Personalstil eines Künstlers erfolgen, um mit der Form zugleich
Inhalte zu transportieren (Mensger; Wolfgang Brückle, Bern: Postmoderne
um 1600). So kann etwa gegen Ende des 16. Jahrhunderts eine verstärkte
und immer offensivere Bezugnahme auf van Eyck in den Niederlanden konstatiert
werden (Brückle). Und Ende des 16. Jahrhundert kopiert Hendrick Goltzius
verschiedene Personalstile, je nachdem, welches Thema er darstellt. Mit
dieser Vorgehensweise wird Goltzius zu einem Vollender der Kunst, der
die vorangehende Entwicklung in seinem Werk zusammenfaßt. Ursächlich
hierfür ist das Problem, daß die Fülle der Abbildungen
bzw. das Wissen um die Menge der qualitätvollsten Werke dazu führt,
daß ein bestimmter Künstler nicht mehr ausschließlich
monumentalisiert werden kann. Es wird immer unmöglicher, in einer
Person und einem Personalstil die Summe aller Entwicklungen zu erkennen.
Mit Goltzius versuchen die Niederländer nun, die Italiener und deren
Michelangelo zu übertrumpfen (Brückle). Dabei sind verschiedene
Handschriften möglich, die kontextabhängig eine bestimmte Bedeutung
erhalten oder auch bedeutungslos sind.
Welche Ergebnisse hat das Kolloquium erbracht? Sicher nicht eine neue
Definition von Stil oder ein Wiederaufleben der alten Stilgeschichte.
Dies war und konnte nicht das Ziel der Veranstaltung sein. Hier wurden
keine Ergebnisse, sondern Arbeitsberichte präsentiert. Es ging um
Forschungsansätze und Grundlagenversicherung. Stil und Bedeutung
wurden auf dem Kolloquium als genuin kunsthistorische Forschungsansätze
gegen die traditionelle Stilgeschichte behauptet und die Ergiebigkeit
des Ansatzes an Fallbeispielen vorgeführt. Eine Generalisierung der
Ergebnisse wurde von allen Referenten ausgeschlossen, da sie immer aus
dem Kontext abgleitet waren.
Gerade in der Abschlußdiskussion stellte sich heraus, daß
im allgemeinen Verständnis Stil offenbar als das Ergebnis einer formalen
Statistik verstanden wird. Dies erscheint nun jedoch in zweierlei Hinsicht
als falsch: Zum einen werden zur Stildefinition gerade nicht alle zeitgenössischen
Werke herangezogen, sondern nur die qualitätsvollen, deren Qualität
sich wiederum an der möglichst reinen Umsetzung des Stils orientiert.
Nur so konnten ‚Gotik‘ und ‚Renaissance‘ nördlich
der Alpen im 15. und 16. Jahrhundert klar geschieden und in eine chronologische
Abfolge gestellt werden. Zweitens kann das, was sich formal gleicht, nicht
immer als stilistisch zusammengehörig betrachtet werden. Dies entspricht
nicht den historischen Gegebenheiten und äußert sich etwa im
Oeuvre verschiedener Künstler.
Es erscheint ferner offensichtlich, daß eine mediale Verbreitung
von Kunstwerken im 16. Jahrhundert das Bewußtsein für den eigenen
und den fremden Stil, also den Vergleich und die Selbstpositionierung,
gefördert hat, wenn nicht sogar erst ermöglicht. Wie funktionierte
der Dialog? Es wurden verschiedene Sprachen verwendet, je nach Adressatenkreis,
Ort und Anlaß. Stil ist nicht Ausdruck einer universalen Geisteshaltung
und nicht nur das formale Phänomen einer Epoche oder eines Künstlers.
Ohnehin fallen Personalstil und Epochenstil nicht zusammen und müssen
voneinander unterschieden werden. Und Stil ist auch mehr als nur Ornament
(an der Architektur), sondern auch eine Darstellungsform, etwa von Figuren
(in der Malerei). Stilbezeichnungen haben nur dann einen Sinn und können
auch nur dann mit Bedeutung gelesen werden, wenn neben dem temporären
Raum auch der geographische und der soziale Raum betrachtet wird, in dem
das Kunstwerk entstanden ist.
Abschließend sei vermerkt, das Norbert Nußbaum zum Ende der
Tagung ankündigen konnte, daß die Kolloquiumsbeiträge
publizierte werden. So liegt auch bereits der Berichtsband des ersten
Kolloquiums vor (Nußbaum, Norbert, Claudia Euskirchen und Stephan
Hoppe (Hg.): Wege zur Renaissance. Beobachtungen zu den Anfängen
neuzeitlicher Kunstauffassung im Rheinland und den Nachbargebieten um
1500. Köln 2003).
Redaktion: Livia Cárdena

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07.12.2004
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