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11. Tagung des Arbeitskreises deutscher
und polnischer Kunsthistoriker und Denkmalpfleger: „Visuelle Erinnerungskulturen
und Geschichtskonstruktionen in Deutschland und in Polen, Teil I: 1800-1939“
29.September - 3.Oktober 2004, Kunstgeschichtliches Seminar, Humboldt-Universität
zu Berlin.
Katja Bernhardt
Als sich der Arbeitskreis vergangenes Jahr in Warschau zu seiner 10. Tagung
traf, war die Veranstaltung überschattet von einer durch die Medien
beider Länder aufgeputschten Debatte über das vom Verband der
Vertriebenen angeregte „Zentrum gegen Vertreibungen“. Diese
Debatte hatte in anschaulicher und eindrücklicher Weise vorgeführt,
wie mit Hilfe der Medien versucht wurde, Geschichtsverständnis zu
lenken, und sie war deutlicher Ausdruck der Angst vor der visuellen Wirkungskraft
eines solchen, künstlich geschaffenen Erinnerungsortes. Mit dem diesjährigen
Tagungsthema „Visuelle Erinnerungskulturen und Geschichtskonstruktionen“
hat der Arbeitskreis das medientheoretische Problemfeld, das sich in dieser
Debatte spiegelte, zu seinem Untersuchungsgegenstand gemacht. [1]
In den Begrüßungsworten von Dethard von Winterfeld und Andrzej
Tomaszewski trat deutlich der Wunsch hervor, dem in den letzten Monaten
neuerlich angespannten deutsch-polnischen Verhältnis ein sachliches
Gespräch gegenüber zu stellen. So musste Dethard von Winterfeld
die einleitend von ihm selbst mit Blick auf die 15jährige Geschichte
des Arbeitskreises und auf den EU-Beitritt Polens gestellte Frage, ob
eine solche deutsch-polnische Arbeitsgruppe nicht inzwischen obsolet geworden
sei, mit einem nachdrücklichen „Nein“ beantworten. Dabei
hob er nicht nur die Notwendigkeit des deutsch-polnischen Fachgespräches
hervor, sondern kritisierte auch das langsame Sterben der Slawistik an
den deutschen Universitäten.
Sowohl für das geteilte Polen als auch für Deutschland war die
Einigung der Nation ein wesentlicher Zielpunkt und als Strukturmerkmal
der Epoche prägend, betonte Adam Labuda in seinem einführenden
Referat. Dies habe zu einem politischen Antagonismus geführt. Von
der Forschung, die sich bisher mit dem Modell der Nation annäherte,
seien insbesondere die trennenden Elemente herausgearbeitet worden. Untersuchungen
nach anderen Schnittebenen, z.B. nach regionalen oder konfessionellen,
ließen dahingegen ein stärker differenziertes Bild der deutsch-polnischen
Wechselbeziehungen erwarten. Darüber hinaus sei eine „gemeinsame
Sprache finden, die das Gespräch ermögliche“ [2] und auf
deren Ebene die unterschiedlichen Formen des Erinnerns, so z.B. die Vertreibungsdebatte,
als ein semantisches Feld betrachtet und in ihren Erscheinungen untersucht
werden könnten. Hierbei ermögliche gerade die Kunstgeschichte
mit ihren fachspezifischen Methoden, die spezifische Wirkkraft visueller
Darstellungen, die als bildgewordene Vergangenheit unmittelbar auf die
Beurteilung der Gegenwart und somit schließlich auf die Ausformung
der Zukunft einwirkten, näher zu untersuchen.
In seinem Abendvortrag „Geteilte Erinnerungsorte, europäische
Erinnerungsorte“ konstatierte Étienne François eine
Art „Vergangenheitsbesessenheit“ der gegenwärtigen Gesellschaft.
Dabei gerate die Rolle des Berufshistorikers zu Gunsten von Journalisten,
Zeitzeugen, Opfern usw. zunehmend in den Hintergrund. Geschichte diene
dabei als Folie für die Austragung politischer und ideologischer
Konflikte. Für diese Kommunikation ständen „Erinnerungsorte“
zur Verfügung, wobei nach Pierre Nora „Erinnerungsorte“
als Gedächtnis der Nation verstanden werden. [3] Nachdem in den letzten
Jahren für einzelne Nationen solche Erinnerungsorte „inventarisiert“
und untersucht wurden, sei es nun notwendig, das Konzept auf Europa auszudehnen.
Dabei sei man jedoch mit dem Paradox konfrontiert, dass die Nationen als
staatliches Gebilde in Europa zwar immer mehr an Bedeutung verlören,
jedoch als Erinnerungsgemeinschaft mehr den je gefragt seien. Daher müsse
man das Gedächtnis Europas als eine Art Strahlenbündel betrachten,
das durch das Prisma der Nationen gebrochen würde. Europäische
Erinnerungsorte würden aus der Sicht der verschiedenen Nationen unterschiedlich
erinnert. Es entständen „geteilte Erinnerungsorte“.
Die erste Sektion „Historie und Zeitgeschichte in der Kunst des
19. Jahrhunderts“ setzte einen zeitlichen Fokus. Der Vortrag von
Tatjana und Michael Zimmermann: „'Eine Art Nirgendwo' - Polens Ortlosigkeit
in der Phantasie des 19. Jahrhunderts“ brachte eine interessante
Ausweitung aus literaturgeschichtlicher Perspektive. Tatjana Zimmermann
beschrieb den literarischen, gedanklichen Raum in Adam Mickiewiczs Poem
„Pan Tadeusz“ (1834) als einen Ort „Nirgend“,
der bestimmt wird von einer kreisenden Zeit, in welcher Geschichte, Gegenwart
und Geist zu einem idealen Raum zusammenfließen. Diesem Blick aus
der polnischen Perspektive, wurde durch Michael Zimmermann der Blick von
Außen gegenübergestellt. Zimmermann analysierte das Theaterstück
„Ubu roi“ von Alfred Jarry (Uraufführung 1896). In der
zeitgenössischen Wahrnehmung galt Polen als „ausreichend legendär
und zerstückelt“, um als ein Ort „Nirgend“, in
gedanklicher Umkehr als „Überall“, schließlich
als „Hier“ gelten könne. Jarry nehme daher mit seiner
Satire weniger die polnischen, sondern vielmehr die eigenen französischen
Verhältnisse unter die Lupe.
Die folgenden Vorträge zur Historiendarstellung leitete Aleksandra
Idzior mit einem Vergleich der Gemälde von Piotr Michalowskis: „Samosierra“
(um 1850), Adolf Menzels „Friedrich und die Seinen in der Schlacht
von Hochkirch“ (1856) und Emanuel Leutze „Washington überquert
den Delaware“ (zwischen 1849 und 1851) ein. Die Werke seien von
der Grundidee getragen, in die Mythologisierung historischer Ereignisse
aktuelle nationale Ideale einzuarbeiten, wobei Michalowski auf den Typus
der „heldenlosen Schlacht“ zurückgreift, Leutze und Menzel
hingegen konkrete Personen als Verkörperungen nationaler Größe
in den Mittelpunkt ihrer Bilder stellten.
Die 1905/06 von sieben unterschiedlichen Verglasungsfirmen gestalteten
Fenster der Marienkirche in Liegnitz stellte Frank Martin vor. Die Darstellungen
spielten auf die lange christliche Tradition der Gegend an, wobei die
Legenden, die sich um den Tod Heinrich II. in der Schlacht bei Wahlstatt
ranken, eine herausragende Stellung einnehmen. Zugleich würden die
dynastischen Bezüge zwischen Piasten und Hohenzollern, somit der
Anspruch letzterer auf Schlesien hervorgehoben. Stilistische und thematische
Heterogenität seien dabei als künstlerisches Mittel zu verstehen,
mit Hilfe derer der Eindruck von historisch Gewachsenem erzeugt werden
sollte.
Weniger die historische Darstellung selbst als vielmehr deren Rezeption
standen im Mittelpunkt des Referates von Michal Mencfel. Die „Schlacht
bei Grunwald“ (1878) von Jan Matejko wurde im 19. und 20. Jahrhundert
zu einer „nationalen Reliquie“ stilisiert und als kanonischer
Ausdruck der Auseinandersetzung zwischen Polen und dem Deutschen Orden,
respektive zwischen polnischer und deutscher Nation begriffen.
Die zweite Sektion konzentrierte sich auf das Wirken der Brüder Edward
und Athanasius Raczynski. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bewegten diese
sich, als Vertreter der polnischen Großadels, im Spannungsfeld zwischen
polnischem nationalen Aufbegehren und Preußenverehrung. Die unterschiedlichen
Erinnerungskulturen, die beide Brüder pflegten wurden durch zwei
Referate anschaulich. Edward Raczynski habe sich mit der Kirche in Rogalin
„ein Wunschbild einer erhabenen Familientradition“ in Sinne
der Nation zu kreieren versucht, so das Fazit von Jaroslaw Jarzewicz.
Die Kirche, die dem Maison Carrée in Nîmes nachgebildet ist,
sei im Kontext polnischer, deutscher und französischer Projekte sowohl
als Familiengruft wie auch als Memorialkirche für den 1809 gefallenen
Cousin Marceli Lubomirski zu verstehen. Athanasius Raczynski, der als
Kunstmäzen und Diplomat eine enge Beziehung zu Preußen unterhielt,
verzichtet hingegen bei der Konzipierung seiner Ahnengalerie sowie bei
dem eigens für diese errichteten sakralartigen Bau auf dem Gut „Gaj
Maly“ auf patriotische Bezüge, wie Elise Grauer darlegte.
Stefan Trinks schloss diese Sektion mit einer Analyse der Titelillustration
zu der von Athanasius Raczynskis verfassten „Geschichte der neueren
deutschen Kunst“ (1836-41). In dieser Grafik positioniere sich Adolf
Menzel, der den Auftrag erhalten hatte, bisweilen gar im Widerspruch mit
den Auffassungen Raczynskis zu verschiedenen Kunstströmungen der
Zeit. Maßgeblich hierfür sei deren unterschiedliches Verhältnis
zur „Natura“ oder anders gesagt zu dem Anspruch Dürers:
„Die Kunst aus der Natur zu weisen“ gewesen.
Die beiden Vorträge der Sektion „Erinnerungsorte“ näherten
sich ihrem Thema unter historischen Gesichtspunkten. Stefan Laube untersuchte
anhand der materiellen Veränderungen, die im 19. Jahrhundert an der
Kathedrale in Gnesen und an der Schlosskirche in Wittenberg vorgenommen
wurden, wie die mit diesen Kirchen verbundenen religiösen Kulte bzw.
historischen Ereignisse zunehmend unter der Maßgabe der konkreten
politischen Situation politisiert und in nationale Erinnerungsorte umgestaltet
wurden. Der Vergleich zwischen dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig
und der Jahrhunderthalle in Breslau, den Maximilian Eiden vorstellte,
sowie die Analyse der Funktion und der Nutzung, insbesondere als Austragungsorte
der Jahrhundertfeiern 1913, mündeten in der Rekonstruktion zweier
unterschiedlicher Denkmalskonzepte, die beim Völkerschlachtdenkmal
einen völkisch-nationalen, bei der Jahrhunderthalle einen liberalen
Charakter tragen würden.
Mit der vierten Sektion „Kunstgewerbe, Fest- und Alltagskultur“
wurde der traditionelle Rahmen der Kunstgeschichte fruchtbringend überschritten.
Die Beliebtheit der sogenannten „Danziger Möbel“ im 19.
und 20. Jahrhundert könne nicht allein aus einer modischen Strömung
heraus verstanden werden, vielmehr seien sie Kristallisationspunkt eines
geteilten Erinnerungsortes. Während sich in den Möbeln aus polnischer
Sicht die Blütezeit der Stadt zur Zeit der Zugehörigkeit zum
polnischen Königreich widerspiegelte, so Piotr Korduba, galten sie
auf der deutschen Seite zunächst als Ausdruck regionaler Identität.
Am Ende des 19. Jahrhunderts avancierten sie, nunmehr mit einer deutschnationalen
Konnotation zum typischen Ausstattungsstil für öffentliche Einrichtungen.
Roger Pilachowski widmete sich der „Polnischen Nationalikonographie
zwischen historischer Legitimation und politischer Konsensstiftung auf
Medaillen, Abzeichen und Plaketten in Galizien 1914-1918“. Diese
industriell herstellbaren Gegenstände dienten einer massenwirksamen
Visualisierung politisch-nationaler Symbolik. Sie wurden im Laufe des
Ersten Weltkrieges mittels visueller Zitate und historischen Verweise
zu „patriotischen ‚Bildkondensaten'“, die zum Kampf
für einen souveränen polnischen Staat aktivieren sollten. Darüber
hinaus lenkte Konrad Vanja die Aufmerksamkeit auf ein in Vergessenheit
geratenes Genre - die Vivatbänder und Susanne Peters-Schlidgen stellte
„Kultur- und Traditionsgut polnischer Zuwanderer in der sich entwickelnden
Industriegesellschaft des Ruhrgebietes“ vor.
In der Sektion „Stadtbilder und Stadt-Bilder“ stand zunächst
die architektonische Formung des Stadtbildes von Posen im Mittelpunkt.
Das Fazit des Vortrages „Ein neues Gesicht für die wilhelminische
Stadt. Die Posener Architektur und ihre Gestalter in der Zeit der Zweiten
Republik Polen (1918-1939) von Szymon Piotr Kubiak lautete, dass es mit
Hilfe der Architektur nicht gelang im Posener Stadtbild das „Polnische“
zu manifestieren. Lediglich in der bewussten stilistischen Andersartigkeit,
der in neobarocken und neoklassizistischen Formen gehaltenen Bauten, gegenüber
dem neoromanischen wilhelminischen Schloss würde der intendierte
Bruch mit der wilhelminischen respektive deutschen Geschichte der Stadt
deutlich. Hanna Grzeszczuk-Brendel gelangte mit ihrer Untersuchung zum
Wohnungsbauwesen in Posen zwischen 1914 und 1918 zu der Erkenntnis, dass
eine einfache Dichotomie „heimisch-fremd“ und „preußisch-polnisch“
keinen ausreichenden Erklärungsrahmen für die Posener Architektur
bilde. In den folgenden Vorträgen wurden Formen und Intentionen der
medialen Vermittlung von Stadtbildern thematisiert. Birte Pusback zeigte
am Beispiel der Freien Stadt Danzig, wie deutschen Architekturbildbände
auf die Inszenierung der Historizität der Stadt abzielten. Diese
sollte in stimmungshaften und von zeitlichen Bezügen zur Gegenwart
freien Bilder eingefangen werden. Die polnische Seite bediente sich einer
anderen Bildstrategie, indem sie konkrete zeichenhafte Hinweise auf die
polnische Geschichte (Wappen usw.) als Beweis des polnischen Charakters
der Stadt nutzte. Marina Dimitrieva untersuchte in ihrem Vortrag: „Drei
Gesichter der Stadt Wilna in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert“
anhand von Bildbänden und literarischen Quellen, wie ein und dieselbe
Stadt aus dem Blickwinkel der in ihr lebenden unterschiedlichen nationalen
Gruppen, Litauer, Polen und Juden, jeweils zu verschiedenen Erinnerungsorten
herausgeformt wurde.
Es scheint nicht verwunderlich, dass die vorletzte Sektion unter der Überschrift
„Denkmäler“ die meisten Vorträge in sich vereinte.
Denkmäler können als Substrate von Geschichtskonstruktionen
begriffen werden, die durch ihre Materialität diese Geschichtsvorstellungen
der Erinnerung der jeweiligen Stadt, Nation, Bevölkerungsgruppe usw.
bewahren sollen. Neben traditionell kunstgeschichtlichen Untersuchungen
wiesen Beiträge, die den Umgang mit Denkmälern, z. B. deren
Umwidmung oder Einbeziehung in Feierlichkeiten, thematisierten neue, interessante
Wege der Auseinandersetzung. Stefan Dyroff richtete seine Untersuchung
auf das Schicksal deutscher Denkmälern in den polnischen Westprovinzen
der Zwischenkriegszeit. Er arbeitete die unterschiedlichen Formen des
Umgangs mit den Denkmälern heraus, die von Evakuierung über
spontane Denkmalsstürze bis hin zu einer gezielten Demontage, Versuchen
der Polonisierung und gar des Verkaufes an Deutschland reichten. Darüber
hinaus sei eine deutliche Differenzierung nach Denkmalskategorien erkennbar.
So konzentrierte man sich in erster Linie auf die Zerstörung von
Herrscher- und Politikerdenkmälern, während Erinnerungstafeln
für lokale Persönlichkeiten oder Kriegerdenkmäler von der
Demontage verschont blieben. Im Vortrag „Der Bismarkturm in Stettin
als Beispiel der Entstehung neuer Erinnerungsstätten im wilhelminischen
Deutschland“ verwies Rafal Makala auf die architekturhistorischen
Bezüge, die Wilhelm Kreis in seinem Projekt (1909-1915) aufgriff.
Diese seien in der Architektur der römischen Kaiserzeit oder im Theoderichgrab
in Ravenna zu suchen. Gemeinsam mit der künstlerischen Ausgestaltung
des Turmes seien sie jedoch in so allgemeinen Chiffren gehalten, dass
Geschichte hier weniger nachvollzogen, sondern eher erspürt und erahnt
werden sollte. Als künstlich erschaffener Erinnerungsort stände
der Turm in einem engen Verhältnis zur Propaganda Pommerns als „deutsches
Bollwerk gegen das Slawentum“. In den weiteren Vorträgen der
Sektion beschäftigte sich Michal Wozniak mit dem Projekt eines Denkmals
für Friedrich des Großen für die Marienburg aus Anlass
des 100jährigen Jubiläums der Einbeziehung des polnischen Königlichen
Preußens in das Königreich Preußen, Tadeusz Zuchowski
analysierte das Tannenbergdenkmal in Krakau sowie dessen Wiederaufbau
1976 und schließlich zeigte Andrzej Szczerski wie die Grablegungsfeierlichkeiten
für Paul Hindenburg und Józef Pilsudski für die Demonstration
nationaler und historischer Ansprüche instrumentalisiert wurde.
Die letzte der thematischen Sektionen stand unter der Überschrift
„Deutsche polnische Ikonographie 1919-1939“. Dass Geschichtskonstruktion
ein komplexer Prozess ist, in dem sich unterschiedlichste Ebenen miteinander
verflechten, zeigte Robert Born in seinem Vortrag: „Germanen und
Slawen. Strategien und Formen der Vermittlung bis 1939“. War das
völkische Germanenbild des wilhelminischen Zeitalters fast ausschließlich
literarisch geprägt, so traten seit Beginn des 20. Jahrhunderts Forschungsergebnisse
der modernen Archäologie hinzu. Insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg
stellte diese sich in völkische Dienste, indem sie nunmehr wissenschaftlich
die Höherwertigkeit der Germanen gegenüber den Slawen „beweisen“
und so territoriale Ansprüche zu legitimieren suchte. Für die
Verbreitung dieser „Erkenntnisse“ spielten einprägsame
und massenwirksame Darstellungen, wie Schulwandbilder oder Alben mit Sammelbildern
eine herausragende Rolle. Auch die polnischen Ansprüche auf deutsche
Gebiete argumentierten mit Bildern, wie Piotr Piotrowski mit seiner Analyse
des Buchs: „Ziemia gromadzi prochy“, das 1939 von Józef
Kisielewski [4] herausgegeben wurde, verdeutlichte. Das Buch ist mit Zeichnungen
von Sosnowski versehen, der sich für die visuelle Argumentation einer
breiten Palette an Darstellungsmöglichkeiten bedient. So stehen neben
beschaulichen Landschaftsfotos, die Ewigkeit und slawische Heimat vermitteln
sollen, Illustrationen in einem dynamischen Plakatstil oder aber grafisch
gestaltete Landkarten, die mit einer pointierten Farbensprache den territorialen
Anspruch augenscheinlich lassen werden.
Den Abschluss der umfangreichen Vortragsreihe bildete die Informationsbörse,
in der neue Forschungsprojekte und Promotionsvorhaben vorgestellt wurden.
Diese werden schon bald auf den Internetseiten des Arbeitskreises veröffentlicht.
[5] Zusätzlich gab es eine Buchpräsentation, die zugleich zwei
neue Publikationsreihen vorstellte: So feierte die Schriftenreihe des
Arbeitskreises: „Gemeinsames Kulturerbe - Wspólne Dziedzictwo“
mit der Herausgabe des Tagungsbandes der 9.Tagung des Arbeitskreises:
„Der Umgang mit dem kulturellen Erbe in Deutschland und Polen im
20. Jahrhundert“ ihren Auftakt. [6] Zum anderen wurde der erste
Band der vom Kunstgeschichtlichen Seminar der Humboldt- Universität
Berlin herausgegebenen „Humboldt-Schriften zur Kunst- und Bildgeschichte“
vorgestellt. Dieser beinhaltet die Beiträge der vor drei Jahren am
Kunstgeschichtlichen Seminar organisierten Tagung: „Die Kunsthistoriographien
in Ostmitteleuropa und der nationale Diskurs“. [7] Darüber
hinaus präsentierte Ewa Chojecka ein umfangreiches Werk, das erstmalig
einen Überblick über die Kunstgeschichte Oberschlesiens zu geben
versucht. [8] Eine Exkursion am letzten Tagungstag, die zu polnischen
Erinnerungsorten in Berlin führt, rundete die Tagung ab.
Insgesamt kann von einer sehr gelungenen Tagung gesprochenen werden. Wesentlichen
Anteil daran hat das überzeugende Tagungskonzept, wie es sich in
der Gliederung der Sektionen niederschlug. Diese zeigten unterschiedliche
Untersuchungsebenen und mögliche methodische Herangehensweise auf.
Darüber hinaus eröffnete das Tagungsthema ein ausgesprochen
weites und zumeist noch unbeackertes Feld für kunsthistorische Untersuchungen,
wobei die Ausweitung des traditionellen kunstgeschichtlichen Rahmens um
Themenfelder wie z. B. Gebrauchs- und Kleinkunst, Festkultur usw. und
die sich hierin manifestierende Verschiebung des Selbstverständnisses
der Kunstgeschichte hin zur Bildwissenschaft inspirierend und fruchtbringend
war. Insbesondere jene Beiträge, die interdisziplinäre Ansätze
verfolgten, eröffneten neue, interessante Blickwinkel. Kritisch anzumerken
ist, dass mit der Wahl des vergleichsweise breiten historischen Zeitraums,
1800-1939, sehr unterschiedliche Phasen der Geschichtskultur nebeneinander
gestellt wurden, ohne deren unterschiedliche Geschichtsbilder und Formen
der medialen Vermittlung näher zu differenzieren.
Man darf auf die Fortsetzung des Themas, die voraussichtlich in zwei Jahren
erfolgen wird, gespannt sein. Die nächste Tagung des Arbeitskreises
wird vom 30. August - 4. Oktober 2005 in Bedlewo bei Posen zum Thema „Landgüter
in den Regionen des gemeinsamen Kulturerbes von Deutschen und Polen. Entstehung,
Verfall und Bewahrung unter besonderer Berücksichtigung des 19. und
20. Jahrhundert“ stattfinden. [9]
Anmerkungen:
[1] Die Tagung wurde vom Kunstgeschichtlichen Seminar der Humboldt-Universität
unter Mitwirkung des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der
Deutschen im östlichen Europa ausgerichtet. Die Stiftung für
deutsch-polnische Zusammenarbeit, die Robert-Bosch-Stiftung, die Deutsche
Forschungsgemeinschaft sowie die Marga und Kurt Mölgaart - Stiftung
finanzierten die Tagung. Als Schirmherr bzw. -dame konnten der Minister
für Kultur der Republik Polen, Waldemar Dabrowski, und die Staatsministerin
und Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Dr. Christina
Weiss, gewonnen werden.
[2] Vgl.: Gregor Thum: Die fremde Stadt. Breslau 1945, Berlin, 2003.
[3] Vgl.: Pierre Nora [Hrsg.]: Erinnerungsorte Frankreichs, München,
2004.
[4] Józef Kisielewski, Ziemia gromadzi prochy, Poznan, 1939 [dt.
Übersetzung von 1939: Die Erde bewahrt das Vergangene].
[5] http://www.bkge.de/arbeitskreis/5970.html
[6] Andrea Langer (Hrsg.): Der Umgang mit dem kulturellen Erbe in Deutschland
und Polen im 20. Jahrhundert. Beiträge der 9. Tagung des Arbeitskreises
deutscher und polnischer Kunsthistoriker und Denkmalpfleger in Leipzig
26.-29.09.2002 [=Das gemeinsame Kulturerbe / Wspólne Dziedzictwo,
Bd.1], Warszawa, 2004.
[7] Robert Born, Alena Janatkovà, Adam Labuda (Hrsg.): Die Kunsthistoriographien
in Ostmitteleuropa und der nationale Diskurs [=Humboldt-Schriften zur
Kunst- und Bildgeschichte, Bd.1], Berlin, 2004.
[8] Ewa Chojecka, Jerzy Gorzelik, Irma Kozina, Barbara Szczypka-Gwiazda:
Sztuka Górnego Slaska, Katowice, 2004.
[9] Call for Papers erschienen bei H-ArtHist am 15. Oktober 2004: http://www.arthist.net/SearchD.html
Redaktion: Godehard Janzing

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18.10.2004
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