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Zbozné putováni v evropské kulture
- Wallfahrten in der europäischen Kultur - Pilgrimage in European
Cultur.
Pribram, Tschechien, 26. bis 30. Mai 2004
Mateusz Kapustka, Wroclaw
Die Wallfahrt mit ihren visuellen Ausprägungen bildete als ein
Kulturphänomen ein natürliches fachliches Interesse der Kunstgeschichte
fast seit den Anfängen dieser historischen Disziplin. Die in den 80-er
Jahren des 20. Jh. zum Thema Wallfahrt organisierten Ausstellungen, z.B.
die des Bayerischen Nationalmuseums in München 1984 unter dem Titel „Wallfahrt kennt keine Grenzen“ mit ihrem ertragreichen Katalog, die in
dieser Zeit erschienenen Sammelbände, wie auch die weiterführenden
Regionalforschungen, haben die grundlegenden Themen entwickelt und eine
interdisziplinäre Forschungsbasis geschaffen. Besonders nach dem
politischen Wechsel der 90-er Jahre des 20. Jh. in Mittelosteuropa konnte
das Thema neubearbeitet werden, ohne ideologische Begrenzungen, entlang
der Titelaussage des oben zitierten Ausstellungskatalogs. Die hier zu
besprechende Tagung, mit ca. 50 Referaten, wurde dementsprechend einem
breiten Themenkreis gewidmet, im Hintergrund stand aber immer die Frage,
wie man das Phänomen Wallfahrt nach so vielen Jahren der Forschung neu
definieren kann.
Die Konferenz wurde als ein gemeinsames tschechisch-deutsches Projekt in
Pribram bei dem Heiligen Berg in Tschechien u.a. durch das Zentrum für
Mediävistischen Studien der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen
Republik, der Abteilung der Geschichtshilfswissenschaften und
Archivstudien an der Karls-Universität in Prag und der Theologischen
Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin organisiert.
Das reiche Programm wurde in verschiedene Themenblöcke gegliedert. Der
erste Tag war vor allem den Reisen ins Heilige Land, nach Rom und zu
anderen fernen Zielen gewidmet, wobei neben den Motiven und dem Verlauf
der Wallfahrten auch andere Faktoren und Wallfahrtsrealien dargestellt
wurden, wie z.B. Pilgerkarten, Pilgerführer und Pilgerzeichen. Auch die
Organisation von Wallfahrten im 19.-20. Jh. wurde behandelt, diesmal
vorwiegend auf böhmische Beispiele beschränkt. Weitere Schwerpunkte im
Verlauf der Tagung waren Analysen der regionalen Wallfahrten und
Pilgerreisen u.a. in Böhmen, Österreich, Slowakei, Bayern oder Estland
wie auch die Verbindungen zwischen den Wallfahrten und dem
Reliquiensammeln. Einen wichtigen Ansatz bildeten auch die Beiträge über
Kalvarienberge in Böhmen, Polen, Schlesien und in der ehemaligen
Grafschaft Glatz. Nach der Darstellung einiger bemerkenswerter und
manchmal heute schon vergessener Wallfahrtsstätten in Böhmen, Mähren und
Schlesien wurde auch die Thematik der Wunder und der Votivgaben wie auch
der mittelalterlichen und neuzeitlichen Mirakelbücher berührt -
diskutiert wurden verschiedene Aspekte ihrer Geschichte, ihrer Quellen
und der wissenschaftlichen Systematik. Die abschließende Sektion
behandelte Beiträge zur Rolle der geistlichen Orden und Bruderschaften in
der Geschichte der Wallfahrtskultur. Das gesamte Programm der Tagung
wurde auf der Internetseite www.poutnictvi.cz veröffentlicht.
Wolfgang Brückner (Würzburg) behandelte in seinem Eröffnungsvortrag die
lange Tradition und methodische Systematik der bisherigen
Wallfahrtsforschungen. Als erstes wurde von ihm der theologische Ansatz
am Beispiel der bekannten Arbeit über die Wilsnack-Wallfahrten von
Hartmut Boockmann vorgestellt. Der Referent betonte, daß die Forschungen
zu diesem Thema nicht auf dem Niveau der reinen Quellenarbeit verbleiben
sollten, und daß hier auch die lokale Wallfahrtstopographie methodisch
miteinbezogen werden muß. Brückner erwähnte auch die wichtigen Ergebnisse
der kunsthistorischen Wallfahrtsforschung, z.B. im Bereich der Kopien,
der Kultbilder usw. Jedoch ist die Kunstgeschichte, seiner Meinung nach,
in diesem Kontext oft zu sehr in der Suche nach einer hohen
künstlerischen Qualität der Werke befangen. Die von Brückner erläuterte
Frage der Methodik führte zu dem Schluß, daß die moderne
Wallfahrtsforschung ohne solch vereinfachende Gemeingüter der bisherigen
kulturwissenschaftlichen Forschung, wie a priori als glaubwürdig
angenommene historische Prozesse, z.B. der natürliche Übergang des
Reliquienkultes von der Antike zum Christentum, auskommen muß. Nicht also
die falsch gestellten Ursprungsfragen, sondern hermeneutisch und
anthropologisch geprägte Analysen der einzelnen Formen können das Wesen
der modernen Religions- und darin Wallfahrtsforschung bilden.
Das Referat von Josef Zemlicka (Prag) widmete sich dem mittelalterlichen
Reisen in das Heilige Land. Der Autor skizzierte die drei wichtigsten
Ziele der Wallfahrer im 11. und 12. Jh. - Konstantinopel, Jerusalem und
Santiago de Compostela - wie auch die Wege dorthin. Nicht nur Fragen nach
dem religiösen Wesen dieser Expeditionen wurden hier gestellt, sondern
ebenso nach der Erweiterung des geographischen Horizonts ihrer
Teilnehmer, die nach der Rückkehr in die Heimatländer ihre Abenteuer und
Kontakte mit den fremden Völkern erzählten. Dieser Zug der „Entsakralisierung“ der Pilgerfahrten konnte auch auf amtlicher Seite
aufgezeigt werden, wie am Beispiel der für die in Jerusalem einreisenden
Pilger festgesetzten Einzugssteuer.
Zdenek Hojda (Prag) führte mit seinem leicht provokanten Vortragstitel „Wallfahrt oder Touristik?“ die oben erwähnte Frage weiter, sich nun
bereits auf das 17. Jahrhundert beziehend. In seinem Beitrag über die
Motive und Ziele der böhmischen Kavalierstouren und über die auf deren
Routen befindlichen Wallfahrtsstätten fragte er, inwiefern z.B. die
neuzeitlichen Besuche der Wallfahrtsstätten als eine bloße Besichtigung
der Sehenswürdigkeiten betrachtet werden können. Funktionierten die
während der Fahrt angekauften Devotionalien eher als eine schöne
Erinnerung an die Reise? Wieweit gingen die Tourenprogramme auf die
persönlichen Wünschen des Reisenden ein? Hojda entdeckte auch ein „zweites Gesicht“ solcher Reisen: aus den Reisetagebüchern ist nämlich zu
entnehmen, daß es manchmal den Reisenden überhaupt nicht um Frömmigkeit
ging, sondern darum sich bei den „alten Sehenswürdigkeiten“ zu zeigen,
wie auch in entsprechenden Momenten (z.B. Papstmesse oder Audienz)
sichtbar für andere zu sein. In der Diskussion nach diesem Beitrag wurde
von dem Referent betont, daß diese Reisen auch als ein fortgeschrittenes
amtliches Phänomen funktionierten, was u.a. die für die nach Loreto
reisenden Böhmen ausgestellten Reisepässe und Gesundheitszeugnisse
deutlich bezeugen.
In dem Referat von Ralf Lützelschwab (Berlin) wurde die Frage nach der
Rolle der Herrschaftslegitimation und des Frömmigkeitsexempels im Bezug
auf den Status der Reliquiensammlung behandelt. Die Geschichte des
Erwerbs der Passionsreliquien 1346 durch Kaiser Karl IV., ein Thema, das
in letzter Zeit immer mehr die Aufmerksamkeit des Faches auf sich zog,
wurde hier in Hinsicht auf die Rolle des Königs Ludwig IX. von Frankreich
betrachtet. Karl, der in Paris seine Jugend verbrachte, knüpfte mit der
Erbauung der Reliquienkapelle auf der Burg Karlstein an die
Passionsreliquien vor allem die Dornenkrone Christi) beherbergende
Sainte-Chapelle in Paris an. Die späteren Wallfahrten nach Prag, zusammen
mit der sich auf das Pariser Vorbild beziehenden kaiserlichen Einsetzung
des Festes der Heiligen Lanze 1354, sollten die Idee der „Herrschaftsreliquien“ untermauern. Die von Karl erworbenen Heiligtümer
dienten also nicht nur der privaten Frömmigkeit, sondern, wie auch die
dem Volk zu zeigenden Reichskleinodien, zugleich derjenigen „ad regem“ und „ad
regnum“.
Das Problem des für die Pilger zur Verfügung gestellten architektonischen
Raumes wurde von Jana Otmarova (München) berührt. Anhand der Analyse der
barocken Ambitusanlagen im habsburgischen Böhmen und Mähren, stellte sie
eine Systematik solcher Wallfahrtsanlagen vor, die von der Bauform her
den Kreuzgängen ähnlich sind und die Kirchen umgeben. Die entscheidendste
Frage, die um deren historische Funktion, provozierte nach dem Vortrag
eine sehr ergiebige Diskussion, wobei außer den praktischen Gründen der
Entstehung der Ambiten, wie Schutz vor Regen und Kälte, deren symbolisch-
religiöse Rolle hervorgehoben wurde. Die Diskussion über das Problem der
Fresken der Ambiten, die manchmal die Anrufungen der Loretanischen
Litanei oder Wallfahrtsstätten im habsburgischen Böhmen, Mähren und
Schlesien (z.B. Weißer Berg bei Prag) abbildeten, führten zu der
Feststellung, daß Ambiten eine Rolle bei der individuellen und der sog.
kollektiven Wallfahrt spielten.
Der Beitrag von Petr Hlavácek (Zlín) hat die Wege der Pilger aus einer
entscheidend neuen Perspektive gezeigt, übrigens eine freudevolle
Reaktion des Publikums provozierend. Das Hauptziel des Referenten war
nämlich zu zeigen, welche Rolle Schuhe bei einer Wallfahrt spielten; ihre
Qualität, Maße, Festigkeit der Sohlen usw. Die statistischen Vergleiche
der Bedingungen heutiger Schuhe zu den extremen Distanzen, welche die
mittelalterlichen Pilger zu Fuß bewältigen mußten, zeigten deutlich die
Bedeutung der technischen „Realien“ der Wallfahrtskultur, die in der
historischen Forschung oft vernachlässigt werden.
In diesem Kontext bewegte sich auch Thomas T. Müller (Heilbad
Heiligenstadt), der einen anderen wichtigen, meist übersehenen
Wallfahrtsfaktor analysierte, nämlich das Bier. Anhand der Quellen zum
Verbrauch des neben Wasser und Obstmosten populärsten mittelalterlichen
Getränkes und zu den Rechten des Biervertriebs zeigte der Referent,
wieweit solche Angaben als Hilfsmittel der Begriffsbestimmung und der
Rekonstruktion des Wallfahrtsverlaufes in den gegebenen Kultzentren
funktionieren können.
Jan Royt (Prag) fügte einen wichtigen kunsthistorischen Beitrag zu der
Thematik Wallfahrt in bezug auf den Heiligen Berg bei Pribram bei.
Ausgehend von dem Begriff „mater domus“ als eine Bezeichnung der in den
neuzeitlichen böhmischen Wallfahrtszentren oft aufbewahrten marianischen
Gnadenfiguren, u.a. Stará Boleslav (Altbunzlau), Bílá Hora (Weißer Berg
bei Prag), hat er die Ikonographie des charakteristischen Typus des
architektonischen Ambitus analysiert. Ihn interessierte dabei auch der
Typus des Altaraufsatzes, der vor allem der Zurschaustellung der öfters
zentral auf dem Tabernakel aufgesetzten Kultfigur diente. Die Symbolik
der Krone im Altar, ihre Beziehung auf die symbolische und reale Krönung
der Figur, wie auch die Ikonographie der Äste im Altar - diese Themen
dienten dem Referenten als eine systematische Grundlage der
Interpretation der Ausschmückung der Jesuitenkirche am Heiligen Berg. Die
dortige Marienfigur, die einer alten Überlieferung zufolge, von dem
ersten Prager Erzbischof Ernst von Pardubitz selbst geschnitzt worden
sein soll, wurde in der Zeit der Niederlassung der Jesuiten an diesem Ort
im 17. Jh. ein bedeutendes Kultobjekt in Böhmen. In einer interessanten
Analyse der sich an der Fassade und im Ambitus der Kirche am Heiligen
Berg befindenden Figuren zeigte Royt auch, wie außer der Habsburger- und
Ordenssymbolik (Darstellungen der Heiligen Könige und der jesuitischen
Heiligen), eine Anknüpfung an die mittelalterlichen Darstellungsschemata
erfolgte (z.B. die Figuren der Verkündigung an beiden Seiten des
Treppeneinganges, die an die Gestalten an den geschlossenen Flügeln des
mittelalterlichen Altares erinnern).
Obwohl die Konferenz als eine Fortsetzung der schon seit längerer Zeit
diffenenziert gepflegten Wallfahrtsforschung organisiert wurde, betrafen die
meisten Diskussionsfragen doch die Problematik der Grundbegriffe. Was ist
eigentlich eine Wallfahrt? Wie unterscheidet sich strukturell eine zu den
lokalen Heiligtümern ziehende Wallfahrt von den Pilgerfernreisen und von
dem Amtsbesuch? Inwieweit kann man die mit der Idee des Heiligen Krieges
und des exercitus Domini verbundenen Kreuzzüge und die Wallfahrten in
Verbindung bringen? Die von Wolfgang Brückner mehrmals gestellten Fragen
zum historischen Strukturwandel der Wallfahrten, u.a. zu den
Unterschieden zwischen der Einzelpilgerschaft und der Gemeinwallfahrt,
dominierten oft die Diskussion. Brückner betonte zudem die
Begriffsunterschiede zwischen der Pilgerschaft und den prozessionalen
Formen der Frömmigkeit, wie Pflichtprozession und Geläuf. Maja Gassowska
unterstrich dabei auch die Unklarheit der Beschreibungen solcher Formen
selbst in den mittelalterlichen Quellen (13. Jh.), wo es sogar
problematisch ist zwischen dem Handelszug und dem Kreuzzug zu
unterscheiden. Dazu kann man das schon oben erwähnte Problem der „Kommerzialisierung“ der Wallfahrten in der Neuzeit hinzufügen, das im
Rahmen der Diskussion auch von Zdenek Hojda berührt wurde.
Die von den Organisatoren als eine Fortsetzung geplante Konferenz „Wallfahrt und Reformation“ in Heilbad Heiligenstadt 2005 wird ein
profiliertes Forum bilden, wo die hier signalisierten Begriffs- und
Interpretationsfragen wahrscheinlich erneut in der Diskussion aufkommen
werden. Das Thema der zukünftigen Tagung provoziert zumindest schon jetzt
dazu, die bisherigen Denkschemata und die traditionelle Quellenlektüre
nochmals umzuwerten.
Redaktion: Livia Cárdenas

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20.07.2004
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