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„Stil und Funktion im Mittelalter”: Internationales
Kolloquium anläßlich des 60. Geburtstages von Robert Suckale, Berlin 1.
November 2003
Livia Cárdenas und Stefan Trinks
Den 60. Geburtstag von Robert Suckale beging die Technische Universität
Berlin am 1. November mit einem internationalen Kolloquium [1]. Die Bandbreite
der Vorträge, die allerdings nicht alle, wie es der Titel des Kolloquiums
versprach, im Mittelalter angesiedelt waren, spiegelte zugleich das Interessensspektrum
von Robert Suckale. In den Grußworten an den Jubilar immer wieder hervorgehoben,
wurden dessen Engagement für Projekte wie das Schinkel-Zentrum, das DFG
geförderte Forschungsvorhaben „Malerei vor Dürer: Fränkische Tafelmalerei
um Hans Pleydenwurff und Michel Wolgemut“ oder das am Geisteswissenschaftlichen
Zentrum Ostmitteleuropa in Leipzig angesiedelte interdisziplinäre Forschungsprojekt
„Kunst und Kultur Mitteleuropas zur Zeit der Jagiellonen (ca. 1450
- 1550)“ sowie das Graduiertenkolleg „Kunstwissenschaft -
Bauforschung - Denkmalpflege“, das zu gleichen Teilen an der Otto-Friedrich-Universität
Bamberg und der TU Berlin angesiedelt ist.
In einer detailreichen, bauhistorischen Analyse stellte Manfred Schuller
den 1502 begonnen, im Auftrag des spanischen Königspaares von Donato Bramante
errichteten Tempietto in S. Pietro in Montorio in Rom vor. Als dorischer
Rundtempel über der vermeintlichen Kreuzigungsstelle Petri erbaut, gehört
er zu den Inkunabeln der Architekturgeschichte. Serlio wie auch Palladio
stellten ihn in ihren Traktaten als Beispiel guter Architektur neben antike
Werke. Manfred Schullers Ausführungen stützten sich auf die Ergebnisse
eines Aufmaßes, das im Rahmen eines DFG Projektes durchgeführt wurde.
Die Untersuchungen ermöglichten, Planwechsel im Bauprozeß und spätere
Veränderungen sowie Restaurierungen zu bestimmen und dadurch völlig neue
Ergebnisse zur Baugeschichte vorzulegen, die bis dato von idealisierenden
Bauaufnahmen des 19. Jahrhunderts dominiert waren.
Paul Crossley führte aus, wie der neue Krönungs-Ordo der polnischen Könige
von 1434 sich in die sakrale Topographie der Krakauer Kathedrale einschrieb.
Er machte die Übernahme des Krönungs-Ordos deutlich sowie dessen spezifische
Umformung auf die polnische Situation. Parallelen existierten u.a. in
einer Wallfahrt am Vorabend der Krönung. Im Zentrum der Zeremonien stand
das Grab des polnischen Nationalheiligen, des Bischofs Stanislaus von
Krakau, der 1253 kanonisiert wurde. Sein, Thomas Beckett vergleichbares,
Martyrium und die dazugehörigen Heiligenlegenden, wurde zum Ausgangspunkt
einer von kirchlichen Interessen bestimmten Politik. Das in der Vierung
der Jagiellonischen Krönungskathedrale befindliche Heiligengrab erlangte
im Rahmen der Krönung des noch unmündigen Königs Wladislaw III. eine eminent
politische Bedeutung.Roland Recht konnte aus gesundheitlichen Gründen
seinen Vortrag über die Wiederentdeckung des mittelalterlichen Frankreichs
nicht persönlich halten. Das übernahm Gabi Dolff-Bonekämper, die zuvor
auch die Übersetzung des Textes besorgt hatte. Recht skizzierte die Bemühungen
Ludovic Vitets (1802-1873) und Prosper Mérimées (1803-1870) um die mittelalterliche
Bausubstanz heute widerspruchslos anerkannter, französischer Kunstdenkmäler.
Der anhand von Briefauszügen konturierte Vortrag umriß die Anfänge der
französischen, institutionalisierten Denkmalpflege, die untrennbar mit
den beiden Personen Vitet und Mérimée verbunden sind. Vitet, der auf Empfehlung
von François Guizot 1830 zum Inspecteur des Monuments historiques berufen
wurde, überließ seinen Posten 1834 dem Literaten Mérimée. Dieser erreichte
1837 die Schaffung der Commission des Monuments historiques. Mérimées
Bemerkungen über die Feinde der Denkmale - die Zeit ebenso wie die „Reparateure“
- müssen den gegenwärtigen Denkmalpflegern bisweilen bekannt vorgekommen
sein, während die Debatte um die Umnutzung von Kirchengebäuden - Mérimée
beklagte Cafés, Antiquitätenläden, Wein- und Kohlelager in den Monumenten
- heute einen umgekehrten Weg nimmt.
Mit der provokanten These, das mittelalterliche Bild habe seinen sekundären
Status nie überwunden, leitete Jeffrey Hamburger aus Harvard, seit Jahren
Suckales Mitstreiter auf dem Gebiet der Frauenklöster und instruktiver
Ikonographie-Studien, seinen Vortrag ein. „Body vs Book: The trope
of visibility in images of Christian-Jewish Polemics“ widmete sich
dem theologischen Dauerbrenner der menschlichen und göttlichen Natur Christi,
also Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit seines Bildes und damit auch dem
Verhältnis des jüdisch-alttestamentarischen „deus absconditus“
im Buch und dem in einem Körper inkarnierten „deus novus“
des neuestamentarischen Christentums. Seine wohl prägnanteste Bildformel
findet das Thema im Diptychon der Benning-Kreuzigung, wo das symbolisch
„zerrissene“ Fleisch des Gekreuzigten nach einer Stelle des
paulinischen Hebräer-Briefs mit dem zerrissenen Tempelvorhang gleichgesetzt
wird, sowie im aus der Bundeslade steigenden Christus in der Jungfrauen-Kapelle
der Burg Karlstein. Hamburger betont das Motiv der das Buch zur Seite
legenden Maria in Verkündigungen als piktoriale Erinnerung daran, daß
sich in diesem Moment die geschriebene Offenbarung erfüllt sowie als Repräsentation
des Bildstatus. In ein Bild gebracht zeigt dies Gerard David in einer
Variante seiner Maria mit Kind, wo im Hintergrund Soldaten die Heilige
Familie verfolgen, im Mittelgrund ein Esel den vorgeblichen jüdischen
Starrsinn verkörpern muß und im Vordergrund auf einem Kissen eine geöffnete
Handschrift mit der schwarz verhüllten Synagoge und dem Dekalog liegt.
Zugespitzt auf die Antithese Buch-Körper wurde im Mittelalter laut Hamburger
im Sinne anti-jüdischer Propaganda immer wieder verdeutlicht, daß nur
der inkarnierte Körper Christi, nicht das Buch gen Himmel auffährt.
Lieselotte Saurma widmete Suckale als stetem Hinterfrager von Stillagen
ihren Vortrag zu Matthias Eberler. Dieser jüdische „Zugereiste“,
dessen größter Schuldner Bischof Johann von Pfählingen war, ließ sich
als Junker vor 1500 am Rande Basels Schloß Hilterlingen errichten. Mit
diesem „Musenhof“ mit ausgedehntem Baumgarten, eiferte er
nicht dem Ritterwesen, sondern dem burgundischen „Habitus“
nach. Das „Haus zum Engel“ wurde von Ruman (Remigius, Romely)
Faesch, der seit 1503 Werkmeister des Baseler Münsters war, mit einer
Engelsfigur auf Eber-Konsole versehen und zeigte damit erstmals unübersehbar
Eberlers Wappen. Mit seinem generellen Verzicht auf Ämter präsentiere
sich Eberler laut Saurma als gelehrter Müßiggänger in frühneuzeitlicher
Humanistenart. Dies zeigt sich auch in der prachtvoll illustrierten deutschen
(!) Bibel von 1464, wo nicht nur über dem Initial mit der Erschaffung
Evas ein Zweierwappen zu finden ist, sondern auf der zweiten Seite formatfüllend
das Eber-Wappen mit Eberkopf als Zier darüber. Sein Repräsentationswollen
gipfelt schließlich in der an St. Peter angebauten Grabkapelle, die er
selbst in einer Supplik an Innozenz VIII. als „sehr aufwendiges
Werk“ lobt, wo sich zwischen sehr hohen Fenstern eine Nische mit
seinem Wappen findet. Mit seinem Schloß als eine Art frühneuzeitlichem
Musenhof, seiner Bibel-Kennerschaft, seiner Kühnheit am „Engel-Hof“
und insbesondere dem weitausgreifenden ikonographischen Programm, alles
in Auftrag gegebene mit Ebern zu überziehen zeige sich die Adels-Aspiration
eines frühneuzeitlichen Humanisten, der sich sehr wohl der feinen Balance
zwischen „richtigem“ und „falschem“ Stil bewußt
war.
Dem Verhältnis zwischen Israhel van Meckenem und Hans Holbein d.Ä. widmete
Fritz Koreny seinen Vortrag. Israhel van Meckenem ist der Kupferstecher
der Zeit vor und um 1500 mit dem größten überlieferten Kupferstichcorpus.
Lange war er neben Martin Schongauer und Albrecht Dürer der meist gerühmte
Stecher, bis Max Lehrs Zweifel an seinem Rang als Künstlerpersönlichkeit
äußerte, als er Stiche von Meckenem auf Vorlagen von Holbein zurückführte.[2]
Koreny griff erneut die Frage auf, welcher der beiden Künstler formal
wie inhaltlich ideengebend tätig war. Arbeitete Meckenem nach Vorlagen
von Holbein oder nicht, ausschlaggebend hierfür ist und bleibt die zeitliche
Einordnung der undatierten Stiche Meckenems bzw. der zugrundeliegenden
Kompositionen. Seine Hauptargumente stützte er auf die vergleichende Analyse
einer 1988 von der Albertina erworbenen, unsignierten Zeichnung des näheren
Holbein Umkreises mit den Apostelstichen Meckenems. Mit seinen Ausführungen
antwortete Koreny auf die jüngst erschienene Monographie zu Hans Holbein
d.Ä. von Katharina Krause.[3]
Abschließend sei noch auf die von Peter Schmidt und Gregor Wedekind herausgegebene
und am Abend des Kolloquiums überreichte Festgabe: „Robert Suckale.
Stil und Funktion. Ausgewählte Schriften zur Kunst des Mittelalters“
hingewiesen. Sie versammelt Aufsätze aus zweieinhalb Jahrzehnten zu Aufgabe
und Gestalt des Bildes im Mittelalter, Form und Funktion des gotischen
Kirchenbaus sowie Rhetorik und Theologie der frühen niederländischen Malerei,
die, so die Herausgeber, zusammen ein Kompendium neuer Ansätze zur Erforschung
der mittelalterlichen Kunst ergeben. [4]
Anmerkungen:
[1] Veranstaltet wurde das Kolloquium vom Graduiertenkolleg „Kunstwissenschaft - Bauforschung - Denkmalpflege“, dem Institut für Geschichte und Kunstgeschichte der Technischen Universität Berlin sowie dem dortigen Schinkel-Zentrum für Architektur, Stadtforschung und Denkmalpflege.
[2] Max Lehrs: Katalog der im germanischen Museum befindlichen deutschen Kupferstiche des XV. Jahrhunderts, Nürnberg 1887, S. 39, Kat. Nr. 204 und ausführlicher Max Lehrs: Über einige verschollene Werke Hans Holbeins des Älteren, in: Zeitschrift für christliche Kunst, Jg. 4/ 1891 Sp.
361-377.
[3] Katharina Krause: Hans Holbein der Ältere, München, Berlin 2002, S. 32ff.
[4] Peter Schmidt und Gregor Wedekind (Hg.): Robert Suckale „Stil und Funktion“. Ausgewählte Schriften zur Kunst des Mittelalters, erschienen im Deutschen Kunstverlag, Berlin, München 2003, ISBN 3422064273.
Redaktion: Godehard Janzing.

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08 Feb 04 19:54 +0100
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