Horst Bredekamp: Die Fenster der Monade. Gottfried Wilhelm Leibniz‘ Theater
der Natur und Kunst. Acta humaniora Schriften zur Kunstwissenschaft und
Philosophie. Berlin: Akademie Verlag, 2004. ISBN 3-05-003719-9; 288 S., 99 Abb.,
Geb. 44,80 EUR.
Isabella Woldt
Das Buch von Horst Bredekamp über Gottfried Wilhelm Leibniz versteht sich als
Fortsetzung eines umfassend angelegten Vorhabens: der Weiterentwicklung des um
1900 entwickelten Konzepts der Kunstgeschichte als historischer
Bildwissenschaft anhand herausragender Gestalten des siebzehnten Jahrhunderts
(S. 7). Zu diesem Zweck untersuchte Bredekamp bereits am Beispiel von
frühneuzeitlichen Kunstkammern und von Thomas Hobbes‘ Bildstrategien im „Leviathan“ die Rolle der sinnlichen Anschauung und der Versinnbildlichung
abstrakter Ideen für die Entwicklung der Wissenschaften [1].
Die nun vorliegende Schrift verfolgt diese Aufgabe in der Auseinandersetzung
mit Leibniz und dessen akademischem Projekt einer Kunst- und Naturalienkammer
als „Theater der Natur und Kunst“. Sie präsentiert das Ergebnis einer vor
nahezu zehn Jahren begonnenen Erschließung dieses in der Leibniz-Literatur
bislang kaum beachteten Projektes.
Entstanden ist dementsprechend weniger eine an die bisherige
fachwissenschaftlich-philosophische Diskussion anschließende Untersuchung als
vielmehr eine Arbeit in interdisziplinärer Perspektive: „Der kunsthistorische
Zugang zu einem Denker, der selbst unter Philosophen bisweilen als Arkanum
gehandelt wird, versteht sich nicht von selbst. Er gründet im Vertrauen
darauf, daß Bilder und die von ihnen ausgelösten Reflexionen philosophische
Dimensionen bergen können, die schwer zu entschlüsseln sind, wenn sie nicht
aus der Sphäre der Bilder selbst und der ihnen eigenen Geschichte entwickelt
werden. Auch für Leibniz, diese Annahme liegt dem vorliegenden Buch zu Grunde,
bieten Bilder eine semantische Schwerkraft, die das Denken auf eigenwillige
Weise ermöglicht und konditioniert.“ (S. 7). Mittels vergleichender Bild- und
Ideenanalyse und deren historischer Kontextualisierung unternimmt die Studie
also den Versuch, einen Zusammenhang zu finden zwischen Leibniz‘
philosophischem, auf mathematische und logische Konstruktionen gestützten
Denken einerseits und seinen langjährigen Bemühungen, ein auf sinnliches
Schauen konzentriertes Konzept einer Akademie und Ausstellungskammer sowie
einen Bilderatlas zu realisieren, andererseits. Bredekamp geht es um den Bau
einer Brücke zwischen logischer Kalkulation und sinnlicher Betrachtung, womit
er sich gegen die vorherrschende Meinung wendet, in Leibniz‘ Philosophie
dominiere das Spekulative.
Anregungen in diese Richtung fand er dazu nicht nur bei Edmund Husserl, dessen
gegen Leibniz selbst erhobenen Einwand: „Aber Monaden haben Fenster“ er dem
Buch als Motto voranstellt, sondern auch in einem Essay William S. Heckschers,
in dem dieser eine Verbindung zwischen Warburgs Analyse der psychophysischen
Energien wandernder Bilder und Leibniz‘ Theorie der „petites perceptions“
herstellt. Schließlich waren auch Dietrich Mahnkes Überlegungen zum „Doppelwesen“ des historischen Leibniz und seinem Versuch einer Vermittlung
zwischen Empirie und Kalkül richtungweisend (S. 12). Allerdings stehen diese
Denker nur wie Merkzeichen in der wissenschaftlichen Landschaft. Bredekamp
kehrt zu ihnen im Laufe seiner Ausführungen nicht mehr zurück, wodurch der
Hintergrund seiner Überlegungen unscharf bleibt.
Bredekamp diskutiert in seiner Studie in erster Linie nicht Leibniz‘
bekanntere Schriften wie die zur Monadologie oder die „Theodizee“, in denen
die Fundamente seiner Philosophie und namentlich die Idee der Monade,
verstanden als etwas primäres, „(...) als fensterloses ‚Atom der Natur‘“ (S.
111) in der Weltstruktur, dargelegt sind. Die Argumentation stützt sich
vielmehr auf bislang weniger beachtete Texte wie die „Drôle de Pensée“, um zu
belegen, daß es keinen Widerspruch zwischen Leibniz‘ spekulativer
Begriffserkenntnis und seinem auf sinnliche Betrachtung ausgerichteten Konzept
des „Theaters der Natur und Kunst“ gibt. Einleitend stellt Bredekamp zwei symbolisch-metaphorische Bilder aus Leibniz‘
Schriften vor, die ihm als Leitfaden seiner Untersuchung dienen. Am Anfang
steht die kleine Zeichnung eines Strumpfbandknotens am Rande eines
unpublizierten Manuskripts von um 1685. Diese beziehe sich
erkenntnistheoretisch auf das Problem des Übergangs von empirisch ‚undeutlicher‘ zu begrifflich ‚deutlicher‘ und klarer Erkenntnis. Sie stehe
zugleich jedoch auch im Zusammenhang von „Leibniz‘ Bestimmung der Falte, deren
Geltung er von der Beschaffenheit des kosmischen Raumes als in sich gefalteter
Sphäre bis hin zur Theorie allen Lebens ausdehnt.“ (S. 14). Zum Vergleich
zieht Bredekamp die gesteigerte Bedeutung des Faltenwurfs von Stoffen in den
Bildkünsten heran - so bei Bernini oder in Leonardo da Vincis 1651 in Paris
publiziertem Malereitraktat. Diese bildhaften Relationen belegen nach
Bredekamp Leibniz‘ Affinität zu den bildenden Künsten und zur Anschaulichkeit.
Zum anderen stützt sich Bredekamp auf Leibniz‘ frühe Zeichnung eines „Leib-Seele-Pentagramms“, eines komplexen geometrischen Schemas zum
erkenntistheoretischen Zusammenhang von Geist und Körper, in dem sich die für
das rechte Verständnis seiner Epistemologie so entscheidende Durchlässigkeit
der Monade für äußere Einflüsse bereits ankündige; hier fallen die Strahlen
der sinnlichen Wahrnehmung in das Innere des Pentagramms, wo sie ins Zentrum
der ‚sphaera intellectus‘ treffen. Dabei erzeugen sie keine kausale Bewegung
des Denkvermögens, um letztlich zu einem Begriff zu führen, sondern regen es
lediglich an, eigenständig wirksam zu werden. Bredekamp sieht hier einen
Zusammenhang mit Leibniz‘ „petites perceptions“, die als unbewußte sinnliche
Reize - aus der sinnlichen Aktivität des Körpers der Monade geschöpft - wirken.
Das führt ihn zu der Meinung: „Die Monadologie suchte (...) die mechanistische
Banalität zu vertreiben, daß sich äußere Einflüsse in die tabula rasa der
Seele einschreiben und diese deterministisch bestimmen. (...) Seine [Leibniz‘,
I.W.] Abschottung der Monade bezog ihre Radikalität vor allem aus der
selbstkritischen Abwendung von der eigenen Mechanistik“ (S. 19).
An solchen bildhaften Beispielen konstatiert Bredekamp das epistemologische
Fundament für Leibniz‘ unermüdliche Beschäftigung mit dem Konzept des „Theaters der Natur und Kunst“.
Dieses Konzept selbst wird im zweiten Teil des Buches ausführlich vorgestellt.
Es handelt sich um den ambitionierten Entwurf eines universalen, alle Bereiche
der Künste und Wissenschaften einbeziehenden Ensembles von Schausammlungen undBildungseinrichtungen, in seinem utopischen Kern eigentlich um ein
gesellschaftliches Bildungskonzept. In einem um 1671 verfaßten „Grundriß“ hat
es Leibniz als Entwurf einer deutschen Akademie der Wissenschaften und der
Künste formuliert. Mit „Theater“ ist in diesem Zusammenhang ein Ort und Mittel
zur Intensivierung und Schulung der sinnlichen Anschauung des Menschen
gemeint. Bredekamp erkennt darin die Tradition von Giulio Camillos „L‘Idea del
Theatro“ (1552) und seiner mnemotechnischen Veranschaulichung des Wissens
sowie von Samuel Quicchebergs „Theatrum amplissimum“ (1565) als „Modell des
Museums als bewegliches Labor des Wissens“. Aber auch die anatomischen
Theater, wo man das Sezieren des Körpers vorführte, sollen Leibniz inspiriert
haben. Von großer Bedeutung war der Aspekt der Beweglichkeit und anschaulichen
Funktionalität der Exponate. Durchaus auch im Sinne einer theatralischen
Inszenierung wollte Leibniz dem Publikum nicht nur Exponate aus Natur und
Kunst vorführen, sondern auch aus der Forschung und Technik, z.B. Experimente,
Automaten und Maschinen. Ziel dieser Inszenierung war es, das Denkvermögen der
Betrachter durch unmittelbare Wahrnehmungen anzuregen.
Mit Leibniz‘ vergleichsweise wenig bekannter Schrift „Drôle de Pensée“ von
1675 (im Anhang im französischen Original und in einer eigenen Neuübertragung
unter dem Titel: „Gedankenscherz, eine neue Art von REPRÄSENTATIONEN
betreffend <oder vielmehr: Spielpalast>“, S. 200-206 und 234-246) präsentiert
Bredekamp den Schlüsseltext für dieses Ideal eines „modellhaften Mikrokosmos“,
in dem die „Erfassung aller Objekte und Relationen als intuitiver Akt“ (S.192)
geübt werden kann. In dieser euphorischen und lustvoll assoziativen
Schilderung legt er unterschiedliche Aspekte der sinnlichen Anregung an
Beispielen von Licht- und Schatten-Spielen, Modellen, Automaten und
Spielpalästen dar. Dabei wird besonders deutlich, daß für Leibniz das Spiel
eine privilegierte Form des unbewußten Lernens war, und daß die Aufgabe der
Exponate im „Theater“ in der lustvollen und unwillkürlichen Einwirkung auf das
Denkvermögen des Menschen lag.
Vor dem Hintergrund der Idee des „Theaters der Natur und Kunst“ und der zuvor
hergestellten bildwissenschaftlichen Relationen liefert Bredekamp in den
mittleren Kapiteln seines Buches eine Analyse des Anschauungsverständnisses
bei Leibniz. Den analytischen, auf mathematischer Kalkulation beruhenden Teil
von Leibniz‘ Philosophie, der für die Mehrheit seiner Rezipienten grundlegend
wurde, bezeichnet Bredekamp als einen Weg, als eine Methode, die in die
gottähnliche Intuition, also in die Metaphysik mündet. Die intuitive
Anschauung, die nicht aus logischen Vorgängen fortschreitender Erkenntnis von
Zahlen resultiert, sondern im Begreifen und Urteilen über die Welt, ohne ein
vernünftiges Grundprinzip des Urteils zu nennen, sich äußert, stellt in
Bredekamps Lesart daneben jedoch eine unabdingbare Bedingung der
Wirklichkeitserkenntnis dar. Das menschliche Anschauungsvermögen führt er bei
Leibniz auf die göttliche intuitive Anschauung zurück, die das Grundprinzip
der Konstruktion der Welt bildet, nämlich die Unendlichkeit auf einen Blick
erfassen zu können. Leibniz bringt die göttliche intuitive Anschauung und
damit eine metaphysische Wendung in seine Philosophie ein, weil er das, was er
mit dem Zahlensystem entwickelt und bewiesen hat, nämlich die Unendlichkeit
der Zahlenreihen und des Universums, die sowohl die abstrakten Vorgänge der
Mathematik als auch das Verständnis der Naturelemente, die sich unendlich
teilen können, betrifft, nicht anders als metaphysisch erklären kann. Während
er auf der Basis seiner „Characteristica universalis“ für die mathematischen
Kalkulationen sinnliche, anschaubare Repräsentationen in Form von Zeichen
brauchte und fand, konnte er für die Unendlichkeit keinen „Repräsentanten“ finden.
Leibniz‘ Zeichensystem basiert - so Bredekamp - nicht auf der Ähnlichkeit
zwischen dem Zeichen und dem Gegenstand, sondern auf der Analogie struktureller Beziehungen und Relationsmöglichkeiten zwischen Dingen und Ideen
(S. 90, 94). Die Zeichen sind sinnliche Repräsentationen, und erst aus der
Erfassung der ganzen Reihe erschließt sich eine Einheit und damit die
Erkenntnis des Gegenstandes. Man könnte hinzufügen, daß dieses auch als
Entsprechung der Verhältnisse bzw. der Verknüpfungsregeln zwischen den
Repräsentationen verstanden werden kann, und daß die Zeichen
Gesetzeszusammenhänge repräsentieren, die nichts Vorgegebenes oder im Sinne
der Ästhetik nichts Anschaubares (Cassirer) abbilden. [2]
Die Anschauung, womit Bredekamp die Betrachtung der sinnlich anschaulichen
Formen und Phänomene meint, bildet den Leitfaden seines Buches. Leibniz‘
„Theater der Natur und Kunst“ sollte eine Anschauungsstätte für Phänomene der
Natur und für Gegenstände der Wissenschaften, aber auch der Künste sein. Diese
sollten dem Besucher präsentiert werden und, wie Bredekamp durchgängig betont,
dessen Denkvermögen durch Betrachtung sinnlich anschaulicher Formen und
Phänomene „stimulieren“ und damit den Prozeß der Erkenntnis fördern.
Eines ist allerdings bezeichnend: Wenn Leibniz sich über die Realität der
Phänomene in folgender Weise äußert: „Das überzeugendste Zeichen für die
Realität der Phänomene aber, das für sich schon ausreicht, besteht in der
Möglichkeit, zukünftige Phänomene aus den vergangenen und gegenwärtigen mit
Erfolg vorauszusetzen“ [3], dann geht es ihm auch hier um Reihenbildung in
analoger Weise wie in einer mathematischen Kalkulation. Die Phänomene müssen
untereinander übereinstimmen. Karl-Norbert Ihmig meint hierzu: Damit sie (die
Phänomene) als reell begriffen werden können, müssen die Phänomene einer „Reihe“ zugehören und wechselseitige Beziehungen im Sinne einer
Gesetzmäßigkeit aufweisen [4]. Genau an dieser Stelle könnte man Leibniz‘
„Theater der Natur und Kunst“ einordnen. Auch die Gegenstände, die Leibniz dem
Publikum präsentieren wollte, bildeten eine „Reihe“. Ein Gegenstand für sich
kann keine Gesetzmäßigkeit aufweisen. Es bedarf dazu mehrerer Elemente, einer
Pluralität. Das „Theater der Natur und Kunst“ kann also nicht nur als eine
bloße Anregung für das menschliche Denkvermögen interpretiert werden, sondern
auch als eine mögliche Form der Veranschaulichung von Leibniz‘ Idee
begrifflicher Erkenntnis durch Zahlenreihen anhand von Phänomenen. Das würde
bedeuten, daß das System der Phänomene oder verschiedener Gegenstände in der
Welt als eine Repräsentation des Systems mathematischer Gesetze, die die
menschliche Erkenntnis konstituieren, betrachtet werden könnte. Schon der
Aufbau des „Theaters“ ist kalkuliert und damit rational erkennbar. Damit wäre
das „Theater“ als ein analytisches System zu sehen. Leibniz hat nun zwar die
Notwendigkeit der sinnlichen Repräsentation abstrakter Gedanken gesehen (und
das haben seine Nachfolger, wie zum Beispiel Cassirer, durchaus erkannt), aber
er betont ebenso die intuitive Anschauung, die bei ihm den sinnlichen Reiz
impliziert, und dem folgen die Ausführungen von Bredekamp.
Aus seiner sinnlichen Wirkungskraft selbst vermag jedes Objekt die Anschauung
des Menschen anzuregen. Im „Theater der Natur und Kunst“ sollte als Spiegelung
göttlicher Intuition die Fähigkeit des Menschen zur intuitiven Wahrnehmung und
zum daraus resultierenden richtigen Urteil, was insbesondere im künstlerischen
Anschauungsprozeß erfolgt, geübt werden. Dies hebt Bredekamp als eine der
größten Leistungen der Leibnizschen Erkenntnistheorie vor.
In den Kapiteln VII bis X legt der Autor nochmals die praktischen Tätigkeiten
von Leibniz dar. Dabei geht es ihm darum, konkrete Belege für die Bedeutung
des sinnlichen Schauens zu erbringen. Leibniz‘ Interesse für die Geschichte
der Erde und seine geometrischen Zeichnungen von Kegelschnitten, die Bredekamp
mit dem Schattenschnitt von Matteo Zaccolini vergleicht, führten zur
Begründung einer mathematischen Bestimmung der Erdgeschichte. Dabei betont der
Autor, daß eine mathematische Zeichnung nicht der Ausdruck einer Idee sei,
sondern ein konstitutiver Teil der Idee selbst. Die Zeichnung sei im
allgemeinen, so Bredekamp, der geschriebenen Form, die sich in der
Diskursivität entfaltet, überlegen, denn sie impliziere die Parallelität von
Zeit und Raum in der Anschauung. Die Bedeutung der Zeichnung fließt in
Leibniz‘ Schrift über die Prinzenerziehung (1685/86) ein. Darin spricht
Leibniz der Übung von sinnlicher Betrachtung eine erzieherische Rolle zu.
Dieser Kontext wird dann bei den Versuchen, ein „Theater der Natur und Kunst“ am Dresdner Hof einzurichten, wieder aufgenommen.
Im Kapitel VIII versammelt schließlich Bredekamp alle Informationen über
praktische Tätigkeiten von Leibniz, bei denen die Rolle der Zeichnung und des
Entwurfs eine ausschlaggebende Rolle gespielt hat. Diese Interessen von
Leibniz sollen auf dessen Kontakt zu Claude Perrault in Paris während des
Louvre-Umbaus zurückgehen. Danach befaßte sich Leibniz mit den Entwürfen für
die Wolfenbütteler Bibliothek, die Wiener Karlskirche und die Wiener
Hofbibliothek und lieferte ikonographische Entwürfe für Medaillen und Zeremonien.
All diese Bemühungen hängen zugleich mit dem Konzept eines Bilderatlas als
einer lebendigen Bibliothek zusammen. Leibniz stellte sich eine
Universalenzyklopädie aus Büchern vor, die Bilder von Naturgegenständen und
Objekten der Wissenschaften enthalten sollten. Dieses Konzept veranschaulicht
Leibniz‘ Überzeugung, daß Bilder schneller und „schöner“ Inhalte vermitteln
können, weil sie eine besondere Effizienz in Bezug auf das Lernen besitzen.
Bredekamp sieht Leibniz‘ Konzept des „Atlas Universalis“ als ein Konzept
gesellschaftlicher Erneuerung, vergleichbar mit der Idee eines Sonnenstaates
von Tommaso Campanella, die auch in bildhafter Form überliefert ist.
Daran anknüpfend, faßt der Autor im letzten Kapitel alle praktischen
Anstrengungen von Leibniz zusammen, um die Bedeutung der Anschauung für die
Bildung, Ausbildung und schlußendlich für die menschliche Erkenntnis im „Theater der Natur und Kunst“ herauszustellen. Leibniz hat an mehreren Orten
agiert, in Berlin, Dresden, Wien und in St. Petersburg. Gerade im Ausland, am
Zarenhof, hat er wohl am meisten Gehör gefunden. Die 1721 gegründete und 1730
erweiterte neue Kunstkammer des Zaren Peter I. kann nach Ansicht des Autors
als ein deutliches posthumes Echo von Leibniz‘ Konzept des „Theaters der Natur
und Kunst“ gesehen werden.
Trotz Leibniz‘ Differenzierung der ausgewählten Gegenstände in Objekte der
Natur, Wissenschaft und Kunst drängt sich zum Schluß die Frage nach den
Auswahlkriterien der Exponate des „Theaters“ auf. Bredekamp erwähnt Leibniz‘
Hinweise auf „Abnormitäten“ oder Kuriositäten, die gesammelt und archiviert
werden sollten zum Zweck der Aufklärung und der Bekämpfung des Aberglaubens.
Aber das hätte wiederum die Bestimmung einer Norm erfordert. Da Leibniz wohl
keine systematischen Auswahlkriterien benennt, ist es nur konsequent, daß
Bredekamp in seinem Buch zentrale Begriffe der Wahrnehmungstheorie, welche auf
Kategorien der Auswahl hinführen würden (wie etwa das Schöne, der Geschmack
oder ein Werturteil), meidet.
Und dennoch, wenn Bredekamp in der Schlußbetrachtung nochmals auf die Monade
eingeht, die einen Körper besitzt, durch dessen Sinnestätigkeit sie „reflexiv
stimuliert“ wird, und wenn das auf dem Papier Geschriebene (oder Gezeichnete?)
als erster visuell operierender Stimulus einer Selbstentfaltung der Monade zu
sehen ist - dann stelle ich mir die Frage, was denn die ersten Gedanken sind:
Sind es Bilder oder Zahlen, oder vielleicht Buchstaben?
Bredekamp hat zweifellos in diesem Buch die Bedeutung der sinnlichen
Anschauung und die des Bildes bei Leibniz sowohl analytisch als auch
historisch aufschlußreich erläutert. Die Fülle seiner Bezüge und bildhaften
Vergleiche konnte und sollte im Rahmen dieser Besprechung gar nicht
wiedergegeben werden. Auch diesmal beweist der Autor, daß ihm die formale
Bildanalyse und die historische Dimension gleich wichtig sind, und zwar im
Kontext der aktuellen Debatte um die Bedeutung und Rolle der Bilder in der
Kultur der Gegenwart. Dabei geht es Bredekamp nicht darum, eine Differenz
zwischen dem wissenschaftlichen und dem ästhetischen Wert eines Bildes oder
der Anschauung herauszukristallisieren, sondern allein um die Wirkungskraft
und den daraus resultierenden Erkenntniswert des Bildhaften. Er rückt Leibniz
zugleich in ein ganz neues Licht. Ob der Autor aber die Divergenz zwischen der
- wie er in seinem Buch herausstellen wollte - nur scheinbar geschlossenen
Monade und der äußeren Welt im Verständnis der Leibnizschen Philosophie
aufheben konnte, werden nachfolgende Untersuchungen, für die Bredekamps
Schrift richtungweisend wird, erst zeigen müssen.
Anmerkungen:
[1] Bredekamp, Horst: Antikensehnsucht und Maschinenglauben. Die Geschichte
der Kunstkammer und die Zukunft der Kunstgeschichte. Berlin 1993; Ders.:
Thomas Hobbes visuelle Strategien. Der Leviathan: Das Urbild des modernen Staates. Werkillustrationen und Portraits. Berlin 1999 (2003).
[2] Ihmig, Karl-Norbert: Cassirers Invariantentheorie der Erfahrung und seine
Rezeption des „Erlanger Programms“. Hamburg 1997. S. 126 f.
[3] Leibniz, Gottfried Wilhelm: Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie
II; Schriften zur Monadenlehre. Hamburg 1996. S. 333.
[4] Ihmig, Karl-Norbert, S. 128.
Redaktion: Rainer Donandt

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