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Andrea Fromm: Barlach und die Avantgarde. Eine Studie zur
Rezeptionsgeschichte und Avantgardeproblematik, (Diss.
Humboldt-Universität Berlin 2002) Frankfurt am Main: Peter Lang 2004.
ISBN 3-631-51858-7; 220 Seiten, Paperback, EUR 39,00.
Gudula Mayr
Andrea Fromm ist als Kennerin von Ernst Barlach bekannt, mit dem sie sich
seit nunmehr fast zwanzig Jahren auseinandersetzt. Ihre Dissertationsschrift
zum Thema „Barlach und die Avantgarde. Eine Studie zur
Rezeptionsgeschichte und Avantgardeproblematik“ kann schon allein daher
als eine interessante Neuerscheinung zu Ernst Barlach gelten. Ausgehend
von der Rezeptionsgeschichte des Künstlers sowie seiner Stellung
innerhalb der Berliner Secession und des Kunstmarktes beleuchtet Fromm
darin die Frage, inwieweit Barlach der künstlerischen Avantgarde
zuzurechnen ist.
Sehr aufschlußreich sind die Ausführungen Fromms zur frühen Rezeption des
Künstlers, insbesondere durch Karl Scheffler, den Chefredakteur der dem
Impressionismus und der Berliner Secession verpflichteten Zeitschrift „Kunst und Künstler“. Offenbar als erster Kunstkritiker stellte er
Barlach als menschenscheuen Sonderling dar und erklärte sein Schaffen aus
dieser - unterstellten - charakterlichen Disposition. Er verglich ihn
zudem mit Tilman Riemenschneider und mit der volkstümlichen
Holzbildhauerei des Barock und sah ihn als Vertreter eines „spezifischen
Deutschtum[s] in der modernen Kunst“ (S. 40). Damit legitimierte er nicht
nur Barlachs Schaffen, sondern grenzte ihn gleichzeitig aus der
avantgardistischen Bewegung aus. Auch die Verortung des Künstlers in
einer christlichen Tradition nahm ihren Anfang in den Texten Karl
Schefflers. Daß Barlach selbst eine völlig andere Aussage mit seinen
Werken verband und sich in den entsprechenden Deutungen nicht wiederfand,
kann Fromm anhand der Schriften des Künstlers zeigen. Hier schafft die
erstmalige ausführliche Darstellung der frühen Rezeption des Künstlers
die Grundlage für eine differenzierte Betrachtung und Revision des über
die Jahrzehnte festgeschriebenen Barlachbildes.
Neben derartigen frühen Barlach-Deutungen sieht Fromm in der engen
Bindung an den Galeristen Paul Cassirer eine Ursache dafür, daß der
Künstler in der öffentlichen Wahrnehmung in ein eher traditionelles Lager
gerückt wurde. Cassirers marktpolitische Interessen beeinflußten
möglicherweise Barlachs Teilnahme bzw. Nicht-Teilnahme an bestimmten
Ausstellungen wie sein Fernbleiben vom „Ersten Deutschen Herbstsalon“.
Auf die Loyalität zu Cassirer führt Fromm auch die Tatsache zurück, daß
Barlach sich im Zusammenhang mit den immer wieder auftretenden Querelen
innerhalb der Berliner Secession und später der Neuen Secession zumeist
auf die Seite der etablierten, traditionellen Kräfte stellte. Daß Paul
Cassirer und später der Kunsthändler Alfred Flechtheim, wie von Fromm
postuliert, aus Geschäftskalkül das traditionelle Bild von Barlachs Kunst
förderten, ist denkbar, läßt sich aber nicht eindeutig nachweisen.
Die Tendenz der Barlach-Rezeption folgt auch in späteren Jahren den früh
etablierten Mustern. Zu Recht verweist Fromm darauf, daß sowohl die vom
Lübecker Museumsleiter Carl Georg Heise erteilten Aufträge für
überlebensgroße Nischenfiguren für die Lübecker Katharinenkirche als auch
die im kirchlichen Kontext aufgestellten Denk- und Ehrenmale für Güstrow
und Kiel der Herausbildung eines christlich-mythisch verklärten
Barlachbildes schon in den zwanziger Jahren massiven Vorschub leisteten.
Nach der Verfemung durch den Nationalsozialismus wurde Barlach auch in
der Nachkriegszeit wieder für religiöse und harmonisierende Vorstellungen
vereinnahmt, wobei neben der allgemeinen Stimmung nach dem eben überstandenen Weltkrieg auch die Kirche eine wesentliche Rolle spielte.
Trotz der seither stark versachlichten und differenzierten Barlach-
Forschung kommt Fromm zu dem Schluß, daß „die Rezeption bis in die
Gegenwart von einem ideologisch verankerten Bild und dem Harmoniewillen
der 50er Jahre beeinflußt“ sei (S. 95).
Im zweiten Hauptteil der Arbeit geht die Autorin einerseits auf
ausgewählte Aspekte von Barlachs Werk sowie andererseits auf seine
intellektuellen Prägungen und seine psychische Befindlichkeit ein, um
einen engen Bezug des Künstlers zur Avantgarde zu belegen. Zunächst
widmet sich Fromm dem um 1900 verbreiteten Okkultismus und stellt
deutliche Parallelen dazu in Barlachs Vorstellungswelt heraus. Die
differenzierte Darlegung der entsprechenden Gedankengänge des Künstlers
gehört zu den Stärken der Untersuchung, ebenso wie der folgende Abschnitt über Barlachs Träume und Visionserlebnisse. Weiterhin werden als prägende
Erlebnisse, die sowohl für Barlachs persönliche Entwicklung als auch für
sein künstlerisches und literarisches Schaffen von großer Tragweite
waren, die Rußlandreise des Künstlers im Jahr 1906 sowie die Begegnung
mit dem Dichter und Kunstkritiker Theodor Däubler 1909 in Florenz
dargestellt. Diese Kapitel leisten eine Annäherung an die Persönlichkeit
Barlachs, die inhaltlich über die bislang erschienenen Biographien
hinausgeht und die für das Verständnis seines Schaffens insgesamt von
Bedeutung ist. Fromm ordnet Barlach in geistige Strömungen seiner Zeit
ein, die unter anderem auch die Vorstellung von Künstlern wie Oskar
Kokoschka, Piet Mondrian, Kasimir Malewitsch oder Frantisek Kupka
beeinflußt haben. Die Verarbeitung von okkultem Gedankengut sieht die
Autorin als Hinweis auf Barlachs Verortung innerhalb der künstlerischen
Avantgarde.
Mit Vorsicht zu bewerten sind die Versuche Fromms, Parallelen zur
Skulptur der Zeit nachzuweisen. Die Vorliebe Barlachs für die Kunst der
Etrusker, der Ägypter und der Gotik oder auch für die „Balabanows“
genannten steinernen Standbilder, die er in Südrußland entdeckte, stellt
fraglos eine Parallele zur Rezeption sogenannter „primitiver“ Kunst durch
die „Fauves“, die „Brücke“-Künstler oder auch Picasso dar. Postulierte
Bezüge zu Maurice de Vlaminck, André Derain oder Constantin Brancusi
können aufgrund der zu allgemeinen Vergleichskriterien jedoch letztlich
nicht überzeugen - so hebt Fromm auf die Merkmale von Kompaktheit und
Blockhaftigkeit ab, räumt aber auch selbst ein, daß die Blockform als „eines der aktuellsten plastischen Probleme zwischen 1906 und 1910“ [1]
erst 1937 ihre vollkommene Umsetzung durch Barlach erfuhr (S. 154). Auch
der ab 1912 spürbare Einfluß des Kubismus bleibt ein Stilelement unter
vielen in Barlachs Skulpturen. Als problematisch erweist sich in diesem
Zusammenhang die fehlende Bebilderung der Arbeit, die angesichts der
Schwierigkeiten bei der Finanzierung von Dissertationsdrucken zwar
nachvollziehbar ist, das Verfolgen von Fromms Argumentation aber deutlich
erschwert.
So erhellend Fromms Annäherungen an Barlachs Kunst sein mögen, so handelt
es sich bei ihnen doch hauptsächlich um Einzelaspekte - eine präzise,
gebündelte Charakterisierung der formalen Qualitäten des künstlerischen
Oeuvres, die eine genauere Bewertung der postulierten Zugehörigkeit zur
Avantgarde ermöglichen würde, bleibt jedoch aus. Zudem wäre zu fragen
gewesen, ob es nicht auch konkret beschreibbare Stilelemente von Barlachs
Schaffen waren, die ihn für die zeitgenössischen Betrachter im Vergleich
mit anderen Künstlern der Zeit als traditionsverbundenen, gemäßigt
modernen Künstler erscheinen ließen. So ist zu bedenken, daß sich die
Holzskulpturen des Künstlers nicht zuletzt durch einen handwerklich
fundierten Umgang mit dem Material auszeichnen und daß gerade hierin auch
ein Grund für die große Wertschätzung Barlachs durch Karl Scheffler zu
sehen ist, der dem Künstler „solide Handwerkstugenden“ bescheinigte (S.
39). Die stehen gelassenen Spuren des Hohleisens, die die Oberfläche von
Barlachs Skulpturen beleben, sind sauber und gleichmäßig gesetzt und im
Bereich der Gesichter oft deutlich feiner als an den Körpern ausgeführt.
Sie könnten als Reminiszenz an den rhythmisch bewegten Pinselduktus der
impressionistischen Malerei aufgefaßt werden und damit auf eine gewisse
Traditionsverhaftung von Barlachs Schaffen hindeuten; in jedem Fall
stehen sie in eklatantem Gegensatz zu den oft rohen, ungleichmäßig
behauenen Oberflächen der Holzskulpturen eines Ernst Ludwig Kirchner, die
bereits in ihrer materiellen Erscheinung ungezügelte Spontaneität und
Antiakademismus suggerieren. In diesem Punkt besteht somit ein deutlicher
Unterschied von Barlachs Skulpturen zu denen der „Brücke“-Künstler,[2]
ebenso in der Verarbeitung von Stilelementen der sogenannten „primitiven“
Kunst, die bei Barlach deutlich gemäßigter sind.
Wesentliches Verdienst von Andrea Fromm ist einerseits die Beleuchtung
der Verflechtungen Ernst Barlachs mit der Berliner Kunstszene und damit
auch mit den Künstlern der „Avantgarde“, andererseits die Darlegung der äußerlichen, in der Rezeptionsgeschichte verhafteten Gründe, die dazu
geführt haben, daß sein Werk als isoliert, traditionsverbunden und
mythisch-christlich geprägt begriffen wurde. Zudem hat die Autorin einen
wichtigen Beitrag zu einer Annäherung an die Persönlichkeit des Künstlers
geleistet. In ihrem zweiten Teil ist die Untersuchung eher heterogen und
teilweise unübersichtlich geraten; unter dem Thema von Barlachs
Verhältnis zur Avantgarde werden hier unterschiedlichste Aspekte
behandelt. Vollauf berechtigt ist das Anliegen, Ernst Barlachs Werk
deutlicher als bisher in die Nähe der Avantgarde zu rücken. Eine
regelrechte Zugehörigkeit des Künstler zur Avantgarde läßt sich jedoch
allenfalls dann nachvollziehen, wenn die von Fromm verwendete, sehr
allgemeine Begriffsdefinition akzeptiert wird. Die Autorin nennt als -
zeitlich nicht weiter fixierte - Merkmale der Avantgarde die Verarbeitung
von okkulten Ideen, die Verwendung von abstrakten Formelementen sowie die „Objektivierung von subjektiven Empfindungen“, also die Darstellung
innerer Vorgänge und Visionen in der Kunst (S. 27, 180f.). Bisherige,
teils deutlich engere Definitionen, etwa von Peter Bürger, Jean Clair
oder Gerhard Plumpe, [3] werden von Fromm zwar kurz referiert, ihre
eigene Begriffsbestimmung läßt jedoch kaum eine Auseinandersetzung mit
diesen Positionen erkennen. Zweifelhaft bleibt, ob ein derartig
unscharfer Avantgardebegriff noch ein sinnvolles Arbeitsinstrument
darstellt, beispielsweise auch zur Abgrenzung von Termini wie dem der „künstlerischen Moderne“.
Die Stärken der Arbeit liegen damit nicht in der Auseinandersetzung mit
der Avantgardeproblematik, sondern in der Einordnung Barlachs in
künstlerische Strömungen seiner Zeit, in der Beleuchtung seiner
Persönlichkeit sowie auch der Rezeptionsgeschichte seiner Werke. Nicht
zuletzt überzeugt die Untersuchung durch Fromms profunde Kenntnis von
Barlachs zahlreichen Schriften. Die Veröffentlichung, der ein
sorgfältigeres Lektorat zu wünschen gewesen wäre, wird durch ein
Literaturverzeichnis und mehrere Anhänge zur Rezeptionsgeschichte Ernst
Barlachs abgeschlossen.
Anmerkungen
[1] Manfred Schneckenburger: Der „Einsame“ in einigen Bezügen, in: Ernst
Barlach. Plastik, Zeichnungen, Druckgraphik, Ausst.-Kat. Kunsthalle Köln
1974, Wiederabdruck in: Ernst Barlach. Mehr als Ich, Ausst.-Kat.
Kunsthalle zu Kiel 1998, S.45.
[2] Zur Frage, inwieweit selbst die „Brücke“-Künstler überhaupt der
Avantgarde zuzuordnen sind, vgl. den unlängst erschienenen Beitrag von
Peter Bürger („Rebellion am Badesee“) in der ZEIT (23/2005).
[3] Peter Bürger: Theorie der Avantgarde, Frankfurt am Main 1974; Jean
Clair: Die Verantwortung des Künstlers. Avantgarde zwischen Terror und
Vernunft, Köln 1998 (zuerst Paris 1997); Gerhard Plumpe: Avantgarde.
Notizen zum historischen Ort ihrer Programme, in: Aufbruch im 20.
Jahrhundert. Über Avantgarden, Text und Kritik. Zeitschrift für
Literatur, Sonderband IX/01, hg. von Heinz Ludwig Arnold, München 2001.
Redaktion: Rainer Donandt

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