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John Onians (Hg.): Dumont Weltatlas der Kunst. Köln: DuMont Literatur und
Kunst Verlag, 2004, 350 S., ISBN: 3-8321-5333-0, 49,90 Euro
Christoph Otterbeck
Was alles fällt in den Zuständigkeitsbereich der Kunstgeschichte? Auch wenn
sich die Praxis dieser akademischen Disziplin meist auf eine handvoll mehr
oder minder kleiner Kulturregionen beschränkt, so ist diese Frage in Zeiten
der fortschreitenden Globalisierung höchst umstritten. Im vergangenen Jahr
erschien nun der gewichtige „Atlas of World Art“ von John Onians als
Plädoyer für einen universalen Blick auf die Kunst und ihre Geschichte. Eine
deutsche Übersetzung dieses groß angelegten Werks liegt unter dem Titel „DuMont Weltatlas der Kunst“ vor und bietet dem hiesigen Kunstpublikum einen
neuartigen Überblick, bei dem die geographischen Dimensionen der
Kunstgeschichte im Vordergrund stehen. Einbezogen wurde vom Herausgeber und
seinen zahlreichen Autorinnen und Autoren das weite Spektrum der Kunst aller
Kontinente, von den frühesten Spuren künstlerischer Gestaltung in der
Steinzeit bis zu den Auktionshäusern der Gegenwart.
Der Kunsthistoriker John Onians leitet die „World Art Studies“ an der
englischen University of East Anglia in Norwich und verspricht im Hinblick
auf seinen Atlas, dass dieser es ermögliche, „jeden beliebigen Ort der Welt
unter kunstgeschichtlichen Gesichtspunkten in den Blick zu nehmen“.
Präsentiert wird die Kunstgeschichte in sieben Zeitabschnitten: 40000-5000
v. Chr., 5000-500 v. Chr., 500 v. Chr. - 600 n. Chr., 600-1500, 1500-1800,
1800-1900 und die Jahre 1900-2000. Zur Darstellung jeder dieser Epochen der
Kunst wird eine Art imaginäre Erdumrundung vorgenommen, einer festgelegten
geographischen Orientierung folgend: Nordamerika, Südamerika, Europa,
Afrika, Asien, Australien und Ozeanien. Erklärtes Ziel dieser zunächst
schematischen Zeit- und Raumaufteilung ist die gleichberechtigte
Repräsentation der Kunst aller Völker. Mit Nachdruck wird betont, dass „keine Population, Gesellschaft oder Kultur (...) irgend bevorzugt
behandelt“ wird. Dieses selbst gesteckte Ziel wird allerdings nicht
erreicht, wie die weitere Unterteilung der geographischen Räume unschwer
erkennen lässt. Einmal ist die kleinste behandelte Einheit ein ganzer
Kontinent (Südamerika, Australien), dann handelt es sich um kulturelle
Großregionen (Südostasien), oder aber es sind einzelne Länder (Niederlande).
Insgesamt kommt dem kleinsten Erdteil Europa in allen sieben Kapiteln die
deutlich größte Aufmerksamkeit zu.
Trotz dieser Arbeit mit sehr verschiedenen räumlichen Maßstäben werden in
dem neuen Weltatlas der Kunst die außereuropäischen Kontinente erheblich
stärker berücksichtigt als in allen bisherigen kunsthistorischen Überblickswerken, die mit einem Band auskommen. Zudem werden die Kulturen,
beispielsweise Indiens oder Chinas, nicht nur mit ihrer Kunst der
Vergangenheit vorgestellt, sondern immer auch bis ins 20. Jahrhundert
hinein.
Insgesamt präsentiert das großformatige Buch also 149 Raum/Zeit-Einheiten
auf ebenso vielen Doppelseiten, an deren Erarbeitung annähernd 70
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beteiligt waren. Die thematisierten
Einheiten heißen beispielsweise „Japan und Korea 600-1500“, „Südamerika
1500-1800“ oder „Nordafrika 1800-1900“ und „Italien 1900-2000“. Der
Vorstellung dieser Kunstregionen dienen jeweils zwei Landkarten, zwei
Abbildungen von Kunstwerken (in jedem Falle mit einigen Sätzen der
Erläuterung) und ein Text, der die verbleibende Fläche füllt. Der Atlas ist
also kein reines Kartenwerk. Die Texte und Abbildungen lassen den Atlas
durchaus in der Tradition der kunsthistorischen Gesamtdarstellungen
erscheinen. So hatte zum Beispiel Ernst Gombrich 1950 mit „The Story of
Art“, eine meisterlich erzählte Geschichte vorgelegt, die allerdings nach
den ersten Kapiteln sich weitgehend auf die europäische Kunstgeschichte
beschränkt, mit Ausnahme des siebten Kapitels, das treffend den Titel „Blick
nach Osten“ trägt und der Kunst der islamischen Länder und Chinas gewidmet
ist. Hugh Honour und John Fleming legten 1982 „A World History of Art“ in
einem Band vor, in dem sich in jedem der fünf großen Teile Seitenblicke auf
außereuropäischen Kunst finden. Der „Atlas of World Art“ nimmt nun noch
einmal eine Erweiterung vor, führt zu einer Vielzahl von bisher wenig
beachteten Schauplätzen der Kunst, gibt aber die einheitliche
Erzählperspektive auf.
John Onians selbst erläutert in der Einleitung die Perspektive seines
Projekts. Dargestellt werden sollen mit der Kunst: Topographie und
Rohstoffvorkommen, die Herstellung der Kunst, die Entwicklung von
Traditionen und Stilrichtungen, zusätzlich die Beziehungen zu ethnischen,
sprachlichen und religiösen Gemeinschaften sowie zu sozialen Einrichtungen.
Diese Forderungen an die Mitarbeiter sind so umfassend wie unerfüllbar. Es
wundert also kaum, dass die Beiträge jeweils nur einen Teil des Programms
berücksichtigen, und selbst dabei bleibt kaum Raum für eine gründliche
Vorstellung.
Verzeichnet werden auf den Landkarten zum einen Orte der Kunst im weitesten
Sinne (wie Abbaustätten von Rohstoffen, archäologische Fundstätten,
Bauwerke, Institutionen des Kunstbetrieb), zum anderen Bewegungen in der
Kunstwelt (wie Handelswege, Künstlerreisen, „Einflüsse“ der
Kunstgeschichte). Auf die Dynamik dieser künstlerischen Prozesse verweisen
die großen bunten Pfeile im Kartenbild, deren Vorbilder offensichtlich die
graphische Visualisierung von Feldzügen und Schlachten in alten
Geschichtsatlanten oder Büchern über die Fahrten der Eroberer und Entdecker
waren.
Für die Landkarten wird in diesem Atlas leider nie der zur Verfügung
stehende Raum des großformatigen Buches genutzt. Die Karten müssen sich
meist mit einem Viertel der Doppelseite begnügen, wenn sie nicht sogar noch
kleiner sind. Dementsprechend ist die Darstellung auf den Karten bisweilen
sehr gedrängt, die verwendeten Zeichen sind oft nicht dort eingetragen, wo
das von ihnen Bezeichnete geographisch zu finden wäre. Dünne Linien oder
Zahlen verweisen an den gemeinten Ort, und für einen Überblick über die
geographische Verbreitung des Eingezeichneten sind diese Karten dann schwer
brauchbar.
Es gibt Karten, auf denen nur sehr wenig eingetragen ist (Architektur und
Denkmalkunst in Spanien und Portugal 1900-2000) und andere, die sich wegen
ihrer Überfülle nur schwer entschlüsseln lassen (Italien 1500-1600). Einige
Zeichen werden in dem Buch an vielen Stellen verwendet, andere beziehen sich
nur auf eine einzige Karte. Verwirrend wird es dann, wenn das gleiche
Zeichen in unterschiedlichen Karten mit verschiedener Bedeutung gebraucht
wird. Ein kleiner Pinsel mit Farbspur etwa soll einmal ein „Zentrum
künstlerischer Ausbildung“ anzeigen und wenige Seiten später meint er „Künstlerwohnhaus/Rückzugsort“. Insgesamt fehlte es an Anstrengung und
Phantasie zu einer überzeugenden, einheitlichen graphischen Gestaltung.
Verwunderlich ist, dass der Weltatlas der Kunst die Grenzen der Kontinente
als Grenzen der Darstellbarkeit der Kunst verwendet. In den Texten wird zwar
auf Beziehungen hingewiesen, die es zwischen dem Orient und Europa, oder
zwischen Europa und Amerika gab, die Karten aber zeigen das nicht. Es fehlen
also Karten, welche die weite Ausstrahlung etwa des Islam oder des
Habsburgerreiches deutlich machen könnten. Weltkarten wurden nur in Bezug
auf steinzeitliche Funde und der von der UNESCO als gefährdet eingeschätzten
Kunststätten der Gegenwart gezeichnet. Interkulturelle Austauschprozesse
zwischen den Ländern und Kontinenten konnten so nur unzureichend angedeutet
werden. Zwar appelliert Onians in seiner Einleitung an die Nutzer, sich
stets zu vergegenwärtigen, „dass die Erde in Wirklichkeit nahezu kugelförmig
ist“. Die Karten aber bringen ausschließlich streng genordete, rechteckige
Flächen auf der Basis der Zylinderprojektion, die wegen ihrer starken
Verzerrungen seit langem in der Kritik steht, besonders weil Europa und der
Norden überproportional groß erscheinen gegenüber den Ländern der südlichen
Hemisphäre. Dass es auch anders geht, zeigen einige Karten des schon 1988
von Chris Scarre herausgegebenen „Past Worlds, The Times Atlas of
Archaeology“ (eine deutsche Ausgabe erschien 1990 unter dem Titel „Weltatlas
der Archäologie“), die eine konkrete räumliche Vorstellung ermöglichen und
ungewohnte Perspektiven bieten. Ähnliche Möglichkeiten werden in Onians
Kartenwerk nicht genutzt, trotz seines erklärten Zieles, neue Blickwinkel zu
ermöglichen und gegenüber überkommenen Konventionen in Distanz zu gehen. Die
jeweiligen Leistungen der einzelnen Beiträge im Weltatlas der Kunst sind
sehr verschieden. Zum Teil wird eine Art Einführung in die genannte Epoche
gegeben, in anderen Fällen sind die Texte ohne Vorwissen kaum verständlich.
In einigen Texten wird versucht, auch der Perspektive von Minderheiten
gerecht zu werden, und es finden sich kritische Anmerkungen zu den
Aneignungspraktiken, deren sich die Dominanzkulturen bedienten. Sicherlich
enthält der Atlas in großer Zahl Hinweise auf nicht allgemein bekannte
Sachverhalte der Kunst, oft aber kommt man mit den gelieferten Informationen
nicht sehr weit und muss bereit sein, selbst an anderer Stelle
weiterzusuchen. Das ist vielleicht der Preis, den man beim Versuch eines
Blicks auf das Ganze zu zahlen hat.
Die schwierigste Frage für jeden Bearbeiter von Karten ist sicherlich
diejenige, was im Kartenbild gezeigt wird und was weggelassen werden muss.
Auf der Europakarte zum 20. Jahrhundert findet sich in Spanien, Italien und
Deutschland jeweils nur ein Museum mit moderner Kunst eingetragen. Es trägt
in jedem Falle den Namen „Guggenheim“ und befindet sich in Bilbao, Venedig
bzw. Berlin. Die Deutschlandkarten zum 20. Jahrhundert bieten kaum einen
brauchbaren Überblick über die darin thematisierte Kunst. Dresden gilt als
Zentrum des Dadaismus, Murnau liegt im Norden von München, und zwischen
Murnau und Köln - mit einem Hinweis auf Max Ernst - bleibt der Raum ganz
leer. Eingezeichnet sind als einzige Ausstellungen im deutschsprachigen Raum
nicht etwa – um einige mögliche Beispiele zu nennen - „Der Blaue Reiter“,
„Neue Sachlichkeit“ oder die „documenta“, sondern allein die einzelnen
Stationen der nationalsozialistischen Propagandaschau „Entartete Kunst“, die
nach Informationen des Atlas auch in der Schweizer Gemeinde Waldenburg
(Kanton Basel Landschaft) gezeigt worden sein soll -– ein peinlicher Fehler,
denn sie war tatsächlich 1941 im schlesischen Waldenburg (dem heute
polnischen Walbrzych) zu sehen. Nach solch zugegebenermaßen enttäuschenden
Blicken auf einen im wörtlichen Sinne nahe liegenden Kulturraum bleibt nur
die Hoffnung, dass die Experten in Bezug auf andere Gebiete sorgsamer
gearbeitet haben, denn einzeln überprüfen kann der Nutzer diese Karten
schließlich nicht.
Für viele Sachverhalte der Kunst gibt es sicherlich bessere Karten als in
diesem Weltatlas der Kunst. Das betrifft nicht nur die alten Kernbereiche
der Kunstgeschichte, zum Beispiel karolingische Pfalzen, die Pilgerwege nach
Santiago de Compostela, die Ausbreitung der Zisterzienser oder
Renaissance-Villen, sondern auch Kunststätten am Nil, Heiligtümer Japans
oder die Felsbilder Australiens. Mit dem hier besprochenen Atlas liegt nun
ein Versuch der Zusammenfassung zu einem Buch vor, aber leider wurden die
bisher von vielen Forscherinnen und Forschern erbrachten kartographischen
Leistungen nicht in genügendem Maße berücksichtigt. Insgesamt leuchtet in
diesem Atlas das alte enzyklopädische Verlangen nach einer umfassenden
Abbildung der Welt auf. Wenn die Geschlossenheit der graphischen Oberfläche
auf den ersten Blick auch vielleicht eine Art Versprechen der
Vollständigkeit suggeriert, so kann dieses niemals eingelöst werden. Es
bleibt notwendigerweise bei einem Blick aus der Distanz. Das mag für eine
erste Orientierung genügen, mehr aber nicht.
Redaktion: Philipp Zitzlsperger

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