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Matthew Hart: The Irish Game. A True Story of Crime and Art, London: Chatto & Windus 2004. 21 SW- und 4 Farbabb., 2 Karten, 2 Grafiken, 220 S., ISBN
0-701-17761-6; 16 Euro.
Nora und Stefan Koldehoff: Aktenzeichen Kunst. Die spektakulärsten
Kunstdiebstähle der Welt, Köln: Dumont 2004. ca. 88 SW-Abb., 257 S., ISBN
3-8321-7435-4, 29,90 Euro.
Kai Artinger
Kunst und Kriminalität - hier denkt man an spektakuläre Kunstdiebstähle und
meisterhafte Fälschungen, vor denen man sich durch die Überprüfung der
Authentizität zu schützen versucht; an die Sicherheitsanforderungen gegen
externe und interne Diebe, die beim Sammeln, Aufbewahren und Ausstellen von
wertvoller Kunst entstehen. Trotz solcher sich fast unwillkürlich
einstellender Assoziationen ist das Interesse des Fachs Kunstgeschichte an
der Kriminalität wohl eher als gering einzuschätzen.
Vor gut dreißig Jahren war diese Haltung auch noch nachvollziehbar, da der
Kunstraub ein Ereignis darstellte, das verhältnismäßig selten die
einschlägigen öffentlichen Kunstinstitutionen heimsuchte. Seit aber nach dem
Zweiten Weltkrieg sich der Kunstmarkt radikal gewandelt hat und die Werte
für Kunst in astronomische Höhen geschnellt sind, hat sich die beschauliche
Szenerie insbesondere für Museen mit wertvollen Sammlungen schlagartig
gewandelt. Die professionell ausgeführten Kunstdiebstähle steigen
kontinuierlich an und öffentliche und Privatsammlungen sind in den Fokus
international operierender krimineller Banden gerückt. Damit sind auch
Kunsthistoriker, die im Kunstmuseum oder auf dem Kunstmarkt arbeiten, mit
Fragen und Problemen konfrontiert, die man früher für reizvolle und
unterhaltsame Erfindungen einer intelligenten Kriminalliteratur hielt. Wer
immer aber die heutige Realität stark beschnittener Haushalte etwa in Museen
kennt, der weiß, was es heißt, angesichts der desolaten Kassenlage für den
ausreichenden Schutz der Sammlungen vor Diebstahl zu sorgen. Die schwierigen
Bedingungen der Museen und ihre Folgen sind neben anderen Dingen eine Seite
zum Verständnis des angestiegenen internationalen Kunstdiebstahls. Die
andere Seite sind die dieser Kriminalität inhärenten Strukturen. Kriminelle
Taten stellen immer die Kehrseite einer Gesellschaft dar und man erfährt
nicht zuletzt auch viel über diese, wenn man sich mit den Phänomenen des
Verbrechens beschäftigt.
Ein Paradebeispiel dafür liefert das Buch des kanadischen Journalisten
Matthew Hart, der sich eines in den Siebziger- und Achtzigerjahren für
internationale Schlagzeilen sorgenden Kunstraubs in Irland angenommen hat.
Seine Darstellung des Falles schildert im Kern die Transformation von
Kunstraub zu einer internationalen Form des Verbrechens, das eng mit dem
Drogenhandel verknüpft ist. Nicht von ungefähr geht Interpol nach eigenen
Schätzungen davon aus, dass heute der Kunstraub neben dem Drogen- und
Menschenhandel zu den lukrativsten kriminellen Delikten zählt. Hart zeigt an
seinem irischen Fallbeispiel, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte und
was sie für die internationale Museumswelt für Folgen hat.
In der Nähe Dublins befindet sich jenes Museum, das innerhalb von drei
Dezennien viermal ausgeraubt wurde: Russborough House, ein Landhaus im Stile
Palladios, das dem Milliardär Sir Alfred Beit und seiner Frau Lady
Clementine gehörte.
1952 kaufte das Ehepaar Beit den Landsitz Russborough House, um ihrer großen
und wertvollen Kunstsammlung das passende Gehäuse zu geben. Zu dieser
gehörte damals eines der letzten, nahzu unschätzbaren Bilder von Jan Vermeer
van Delft in Privatbesitz - das Gemälde „Briefschreibende Dame mit ihrer
Zofe“. Nach einer langen Phase beschaulicher Ruhe wurden die Beits 1974 das
erste Mal von Kunsträubern heimgesucht. Die IRA stahl 19 der wertvollsten
Gemälde: darunter drei Rubens, zwei Gainsboroughs, einen Goya und den „Irischen Vermeer“. Die erfolgreiche Fahndung der Polizei förderte die
Gemälde jedoch bald wieder zutage. Von größerer Bedeutung und Tragweite war
der zweite Kunstraub im Landsitz der Beits, deren Sammlung ab 1978 in ein öffentliches Museum umgewandelt worden war. Auf die minutiöse Darstellung
und Ausleuchtung seiner Zusammenhänge konzentriert sich Harts Buch. Denn
gerade bei diesem Fall wird die Veränderung anschaulich, die der Kunstraub
als Phänomen internationaler Kriminalität seit den Achtzigerjahren
durchlief.
Im Jahr 1986 wurden die wichtigsten Gemälde von Russborough House von Martin
Cahill, Dublins schillerndstem Verbrecher, und seiner 13-köpfigen Bande
gestohlen. Am Beispiel von Cahills Werdegangs zeichnet Hart nicht nur das
Profil einer außergewöhnlichen Verbrecherpersönlichkeit nach, sondern auch
die kriminelle Karriere eines Mannes aus der irischen Unterschicht. Cahills
glücklose Versuche, die weltberühmten Gemälde der Beit-Sammlung zu Geld zu
machen, sollten sich über viele Jahre hinziehen. Dabei mußte der Bandenchef
lernen, wie kompliziert der Markt für gestohlene Kunst ist und wie wenig er über seine Zusammenhänge zunächst verstand. Auf der Spur seines langwierigen
Falles entdeckte das Ermittlerteam der Polizei, dass gestohlene Kunst als
Zahlungsmittel oder als Mittel zur Geldwäsche im organisierten Verbrechen
eingesetzt wurde. Denn Cahill versuchte, mit einem Teil der Bilder in den
Drogenhandel einzusteigen, indem er sie in der Türkei und in Großbritannien
als Zahlungsmittel für Heroin einsetzen wollte. Diese Versuche wurden durch
die Polizei schließlich vereitelt und die Bilder konnten sichergestellt
werden. Sieben Jahre nach dem Einbruch in Russborough House erfolgte das
letzte große Manöver des Gangsters, mit dem er versuchte, doch noch die
Beit-Bilder zu Geld zu machen. Er ließ sich von einem Antwerpener
Diamantenhändler für die Gemälde, insbesondere den Vermeer, einen großen
Kredit geben, mit dem er eine Bank, d.h. eine Briefkastenfirma, mit Sitz auf
der Karibikinsel Antigua kaufen wollte. Diese Bank sollte dazu dienen, das
durch Verbrechen erwirtschaftete Geld zu waschen. Auch diese Transaktion
flog auf und im weiteren Verlauf der Ereignisse gelang es den international
operierenden irischen, britischen und belgischen Polizeispezialeinheiten, in
Antwerpen den Vermeer und die anderen drei herausragendsten Werke der
Beit-Sammlung sicherzustellen und die Tatbeteiligten festzunehmen.
Cahill versuchte also, die Raubkunst bei seinen Geschäften als „Sicherheit“
bzw. „Bürgschaft“ (collateral) einzusetzen. Das war für die Polizei neu. Bis
dahin hatte die Klassifikation von Kunstdiebstahl drei Täter-Kategorien
umfasst: 1. auf Kunst spezialisierte Diebe, die „wahren“ Kunstdiebe, die
ihre Ware auf dem legalen Kunstmarkt tatsächlich verkaufen konnten, weil sie
nur Kunst mit einem Hintergrund stahlen, der deren Rückführung in den Handel
ohne Komplikationen zuließ, 2. Auftragsräuber 3. finanzkräftige, skrupellose
Sammler, so genannte „verrückte Milliardäre“, die mit Kriminellen
zusammenarbeiten, um sich zu bereichern und ihre Sammlung zu erweitern.
Auf dem Sektor der Drogenkriminalität war nun eine weitere, vierte Variante
des Kunstraubs bedeutsam geworden, die dazu diente, mit Kunstwerken Drogen
zu kaufen oder sie, wie der Fall Cahill auch zeigte, als Sicherheit für
Kredite einzusetzen. Dabei spielt es keine Rolle, dass die gestohlenen, sehr
wertvollen Kunstwerke nur nach einem Bruchteil ihres geschätzten Marktwerts
bemessen werden, denn die Erwerbungskosten belaufen sich auf Null. Wenn ein
Vermeer dreihundert Millionen Dollar wert ist, dann beläuft sich sein
Schwarzmarktwert - der rund sieben Prozent davon ausmacht - immer noch auf
eine Summe von gut 20 Millionen Dollar. Darüber hinaus besteht der
entscheidende Vorteil, dass man die Summe nicht in Geld aufbringen muss,
sondern sie mit einem Objekt, dem Kunstwerk, bezahlen kann. Vor diesem
Hintergrund gelangte die Polizei zu der Einschätzung, dass außerordentlich
wertvolle Kunstwerke, die gestohlen werden, oft als Zahlungsmittel im
Drogenhandel benutzt werden.
Diese Erkenntnisse, die insbesondere bei der Ermittlungsarbeit des Falles
Russborough House gewonnen wurden, führten dazu, dass die Polizei ihre
Arbeit besser auf die neuen Verhältnisse einstellen und damit erfolgreicher
arbeiten konnte.
Im Aufzeigen dieser Details liegt die Spannung und die Stärke von Harts
Buch. Im Mangel solcher Details liegt dagegen die Schwäche des Buches „Aktenzeichen Kunst“ von Nora und Stefan Koldehoff, das unter anderem auch
auf die Einbrüche in Russborough House eingeht.
Stefan Koldehoff, früher freier Journalist, dann stellvertretender
Chefredakteur des Kunstmagazins ART, heute Kulturredakteur beim
Deutschlandfunk, ist es in seiner Arbeit gern um die Entzauberung von Mythen
zu tun. Zuletzt konnte man das in seinem Buch „Van Gogh. Mythos und
Wirklichkeit“ (Köln 2003) nachlesen. Bei seinem jüngsten Buch, das er mit
seiner Frau Nora zusammen verfasst hat, geht es daher nicht zufällig wieder
um ein Stück Entmythologisierung - diesmal der Legende vom verrückten
Milliardär, der nach aufsehenerregenden Kunstdiebstählen regelmäßig als
mutmaßlicher Auftraggeber herhalten und die Tat motivieren muss. Nach
Ansicht der Autoren ist dieser Sammlertypus eine Fantasiefigur, für die es
in der Geschichte des Kunstdiebstahls keinerlei Belege gebe.
Fünfzehn internationale Fälle von Kunstdiebstahl im Zeitraum vom Ende des
Zweiten Weltkriegs bis 2004 sollen diese These untermauern, und in der Regel
gelingt es den Autoren auch zu verdeutlichen, dass bei keinem ein
mysteriöser, finanzkräftiger Sammler die Hände im Spiel hatte. Doch damit
widerlegen sie weder die potentielle Existenz des „verrückten Milliardärs“,
noch erklären sie mit der Auflistung, warum Kunstraub für das organisierte
Verbrechen zu einem genauso einträglichen Geschäft mit weiter steigender
Tendenz werden konnte wie der Drogen- und Menschenhandel. Was sie allerdings
aufzeigen, ist, dass die Motive bei Kunstdiebstählen sehr variieren und dass
bei einer Aufklärungsquote von nur etwa 20 Prozent viel Raum für Spekulation
bleibt.
Der Darstellung der Fälle sind vier Interviews angehängt, in denen Experten
- ein Detektiv und ehemaliger Mitarbeiter Scotland Yards, der bei der
Aufklärung der ersten beiden Diebstähle in Russborough House eine
entscheidende Rolle spielte, ein deutscher Polizeifahnder, ein promovierter
Kunsthistoriker als Versicherer, eine promovierte Kunsthistorikerin als
Archivarin des „Art Loss Register“ - sich zum Thema äußern. Der
Kunstversicherer antwortet auf die Frage, ob der steinreiche Sammler, der
auf Bestellung stehlen lässt, eine Legende sei, bezeichnenderweise und eher
entgegen der These der Autoren: „Gibt es ihn in Bogota? Ich weiß es nicht.
Ich habe keine Anhaltspunkte dafür, dass den vor vierzehn Jahren in Boston
gestohlenen Vermeer seither jeden Abend ein kolumbianischer Drogenbaron
bekifft anglotzt. Aber an das, was wir nicht beweisen können, dürfen wir
trotzdem glauben.“ (S. 189) Hart sieht das ähnlich und führt die Meinung des
belgischen Kunstdetektivs Laurence Massy, einem studierten Kriminologen und
Kunsthistoriker, ins Feld: „Today there is a fashion among some art
detectives to sneer at the possibility that in Argentina, say, or perhaps
Taiwan, there dwells some twisted millionaire panting for illicit
masterpieces. ‚But the myth of the crooked collector is not a myth‘
according to Laurence Massy (...). ‚The theft confers status on the thief
and maybe on the collector too. It might even be better it is stolen.‘“ (S.
27).
Anders als Hart gelingt es den Koldehoffs nicht wirklich, über eine
interessante, durchaus spannend zu lesende Fallsammlung hinauszugelangen.
Redaktion: Rainer Donandt

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