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Jake Morrissey, Göttliches Design, oder: die Rivalen von Rom. Bernini
und Borromini im Kampf um die Architektur in der Ewigen Stadt, Europa
Verlag Hamburg u. a. 2005, ISBN 3-203-80014-4, 280 S., Euro 19,90
Arne Karsten
Die Feindschaft zwischen den beiden bedeutendsten Architekten des
römischen Barock, Gianlorenzo Bernini und Francesco Borromini, sie
liefert den Stoff, aus dem Romane sind. So ist denn auch vor nicht
langer Zeit ein veritabler Bestseller erschienen, der sich dieses
Gegenstandes annimmt. Peter Pranges „Die Principessa“[1] bietet
freilich nicht mehr als ein historisierendes Kostümfestival. Dem
amerikanischen Journalisten und Schrifsteller Jake Morrisey geht es
demgegenüber um mehr: nämlich um eine wohl lesbare und auch
unterhaltsame, jedoch nicht simplifizierende und modernisierende
Darstellung des Konfliktes zwischen den beiden Protagonisten. Ein Buch
mithin, dass durchaus wissenschaftlichen Anspruch erhebt, und ihn in
gewissen Grenzen auch einlöst. Der Autor hat die einschlägige
Fachliteratur gründlich gelesen. Dass er sich bei der Rezeption fast
ausschließlich auf englischsprachige Studien beschränkt, ist zwar
bedauerlich, am Ende aber beinahe schon normal. Auch in streng
wissenschaftlichen Abhandlungen angloamerikanischer Autoren läßt sich
dieses Phänomen häufig genug beobachten.
Morrisseys Studie zeichnet aus, dass sie dem Anspruch der
Wissenschaftsvermittlung für ein breiteres Publikum weitgehend gerecht
wird. Der Aufbau folgt dem ebenso simplen wie leserfreundlichen Prinzip
der chronologischen Erzählung. Das Buch ist in kurze Kapitel
unterteilt, die Sprache unprätentiös, klar und anschaulich, auch im
Bereich der keineswegs immer leichten Architekturbeschreibungen; zudem
schreckt der Autor nicht vor deutlichen Stellungnahmen zurück. Hier
jedoch beginnen auch die Probleme. Dass das Buch eine Reihe von
kleineren Fehlern und Ungenauigkeiten enthält (etwa, S. Bibiana sei die „erste religiöse Skulptur Berninis“ gewesen, S. 85; bei Virgilio Spada
habe es sich um den „Sohn eines Architekten“ gehandelt, S. 123), fällt
nicht weiter ins Gewicht. Störender ist hingegen die Neigung des
Verfassers zu längeren Exkursen, deren Zusammenhang mit dem Hauptthema
nur oberflächlich bleibt. So wird der Leser über die Baugeschichte der
Peterskirche seit der Spätantike informiert, was zur Erklärung der
Arbeit Berninis und Borrominis am Baldachin von Neu-St. Peter nun
wahrlich nichts Wesentliches beiträgt. An anderen Stellen bleiben die
Ausführungen blaß und oberflächlich: zu den revolutionären
Borghese-Skulpturen Berninis, die im Lebenswerk des Künstlers eine
zentrale Stellung einnehmen und sich als überaus folgenreich für die
Entwicklung der barocken Skulpturauffassung erweisen sollten, fällt ihm
nicht mehr ein als eine ebenso kurze wie völlig unselbständige
Beschreibung, die zudem jedweder Einbindung in kunsttheoretische,
gesellschaftliche oder politische Kontexte entbehrt. Nicht anders steht
es mit Berninis Papst- und Herrscherporträts, deren herausragende
Bedeutung im Hinblick auf die verdichtete Visualisierung des
absolutistischen Staatsideals nicht einmal angesprochen wird.
Überhaupt fällt die Auseinandersetzungen mit den Werken Berninis in
aller Regel weniger profund aus, als diejenige mit den
architektonischen Arbeiten seines Konkurrenten. Und hier liegt das
Hauptproblem des Buches: bei allem Bemühen darum, beiden Protagonisten
gerecht zu werden, scheitert Morrissey an seiner nicht offen
eingestandenen, aber gerade deswegen um so wirksameren Sympathie für
den „underdog“ Borromini. Die Geschichte der beiden Künstler von den
Anfängen ihrer zunächst ungetrübten Zusammenarbeit bei der
Innenausstattung von St. Peter, über den langsamen Entfremdungsprozess
bis hin zur offenen Feindschaft, ja dem unversöhnlichen Haß, der sich
in den Auseinandersetzungen um den Abriß der nach Berninis Plänen
errichteten Glockentürme von St. Peter entlädt, diese Geschichte
scheint „fair“ dargestellt zu werden, doch ist dem nicht so. Nur an
wenigen Stellen tritt die Parteinnahme des Verfassers deutlich zur
Tage, etwa, wenn er implizit unterstellt, Bernini habe bei seinen
Entwürfen für den Umbau der „Scala Regia“ im Vatikan die Planungen
seines Widersachers für die „Prospettiva“ plagiiert, was schon deswegen
absurd ist, weil es sich um Aufgaben handelte, die genau
entgegengesetzte Schwierigkeiten zu lösen hatten. Vor allem jedoch
führt die Fixierung auf die psychologische Deutung der Gegensätze
zwischen Bernini und Borromini, der Versuch, ihre unterschiedlichen
Kunstauffassungen in letzter Konsequenz fast ausschließlich aus
charakterlichen Unterschieden zu erklären, am Ende notwendigerweise zu
Deutungsmustern, deren Suggestivität um den hohen Preis einer
holzschnittartigen Vereinfachung erkauft wird.
Kurz: ein durchaus anregendes und, wie gesagt, erfreulich angenehm zu
lesendes Buch, bei dessen Lektüre freilich ein gehöriges Maß an
Vorsicht geboten ist. Und das, ein abschließender Hinweis an die
Adresse des Verlages, bedauerlicherweise unter einer all zu sparsamen
Ausstattung mit Abbildungen leidet.
[1] Peter Prange: Die Principessa. München 2003
Redaktion: Philipp Zitzlsperger

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