|
Wittwer, Hans-Peter: Vom Leben der Kunst. Jacob Burckhardts Kategorien
Existenzbild und Existenzmalerei und ihre historischen Voraussetzungen.
Diss.Phil., Basel: Schwabe Verlag 2004. ISBN 3796520197, Gebunden, 391 Seiten,
47,50 EUR.
Martina Sitt
Jacob Burckhardt ging es mit so mancher Erkenntnis wie mit der Kunst generell:
Es handele sich dabei um ein Zentrum, um das man nur kreisen könne.[1] So mag
es auch den zahlreichen Burckhardt-Forschern erscheinen, die versuchen, in die überbordende Fülle seiner Überlegungen und Texte nachträglich (ihre) übergeordneten Strukturen hineinzudenken. Die einen vertrauen dabei auf
morphologische und die anderen auf systematische Kategorien. Die Systematiker
haben wiederum das Problem, dass wie Burckhardt selbst [2] insbesondere
Heinrich Wölfflin, der als einer der ersten das Material sichtete, auswertete
und nach seinen eigensten Kriterien sortierte, zunächst nicht uneigennützig
das Diktum von Burckhardts Unsystematik mehrfach kräftig wiederholte. Immerhin
hat er ein wesentliches Manuskript Burckhardts von 1863, die „Einleitung in
die Ästhetik der Bildenden Kunst“[3], in der Gesamtausgabe nicht
berücksichtigt und vielmehr daraus stillschweigend einige seiner prägnanten
Begrifflichkeiten entwickelt. Unschwer lassen sie sich oft als Zitate oder
Anlehnungen an gerade diesen Text Burckhardts erkennen. Denn allzu schnell
wurde vergessen, das Wölfflin trotz gewisser Ergebenheit an den Meister auch
ganz eigene Interessen zu verfolgen bemüht war. Der „ärmliche Mann mit dem
geistreichen Kopf“ [4] (d.i. J.B.) hatte nach Wölfflins Auffassung zu wenig
Interesse an einer psychologischen Entwicklungsgeschichte, also die Werke zu
sehen „wie sie ehemals gesehen worden sind“,[5] und beschäftigte sich zuviel
mit dem jeweiligen „Innewerden“ der Kunst durch den Betrachter. Dem wollte
Wölfflin durch sein Denken in präzisen Begriffen abhelfen. Gegen die „Vernachlässigung der formalen Betrachtung“ wollte Wölfflin eine
Kunstgeschichte setzen, die von Grundbegriffen spricht, en detail „von viel
elementareren Dingen (...) von Farben und Farbharmonien, von Linien und
Flächen mit Raumfüllung“.[6] Burckhardt habe „durch Darbietung von lauter
grandiosen Gesichtspunkten“ die Studenten etwas verdorben, befindet sein
Nachfolger auf dem Basler Kunstgeschichtslehrstuhl.[7]
In seiner Dissertation versucht Hans Peter Wittwer einen so frappierend
unscharfen Begriff Burckhardts wie Existenzmalerei durch sorgfältige Recherche
in nahezu allen seinen Texten zur Kunst einzugrenzen. Eine verheißungsvolle
Aussicht, verspricht sie doch Vergnügen an Burckhardts Charakterisierungen von
typischen Existenzbildern. Wer jetzt Bildbetrachtungen und ihre sorgfältige
Analyse erwartet hatte, wird bitter enttäuscht. Wittwer möchte vielmehr „Burckhardts Überzeugung den Lesern in Form von Definitionen bekannt [...]
geben. Sie (die Betrachter) müssen mehr erraten und das Zusammenziehen weit
auseinander liegender Äußerungen in jene Nähe gebracht werden, die das
Systematische an ihnen heraustreten lässt.“(S. 135). Um den Begriff der
Existenzmalerei zu klären, wird dafür etwas umständlich und methodisch
durchaus irreführend erst einmal der damit vermeintlich ausschließlich
verbundene Begriff des Lebens in seine Bestandteile zerlegt. Dabei ergibt sich
bereits die erste Unschärfe, indem „Leben“ oder wie Witwer an anderer Stelle
sagt, die „Metapher des Lebens“ auch in Form von lebendig und lebensvoll
hinzugerechnet wird. Das Problem ist, dass Burckhardt selbstverständlich alle
Schattierungen des Begriffsfeldes „Existenz“, wie sie in der Philosophie seit
Aristoteles oder später bei Thomas von Aquin verwendet wurden, vertraut sind.
Unzweifelhaft denkt er jedoch in diesem Moment der Verwendung seiner
Wortschöpfung „Existenzmalerei“ nicht im geringsten an die in der Tradition
implizierten Anklänge, sondern hat einen höchst verdichteten Moment des
uneingeschränkten Kunstgenusses im Blick.
Zu Recht versuchte Lionel Gossman 1999 die Frage nach der Bestimmung des
Begriffs „Existenzmalerei“ mit Burckhardts eigenster Vorgehensweise als
Kunsthistoriker zu verknüpfen.[8] So darf nicht übersehen werden, dass
Burckhardt stets auch den Aspekt der Rezeption im Auge hat. Die
Charakterisierung als „lebendig“ beschreibt weniger eine Eigenschaft eines
Kunstwerks als eine Empfindung des Betrachters: „Ist nicht manches nur viel
lebendiger, weil wir es als solches empfinden.“ Bei einigen Zitaten wird
Wittwer dann selbst bewusst, dass es hier auch um ein, so Burckhardt, „Gefühl
des Beschauers“ gehe, dass dieser mit „lebendiger Empfindung ausfüllen“ könne.
Ehe er sich versieht, endet Wittwer bei dem „Konzept einer lebendigen
Betrachtung“, da sich dort - insbesondere in Burckhardts Text über die
niederländische Genremalerei - ja wieder Begriffe wie Mitleben und
Mitlebenmachen finden, die Wittwer jedoch auch für die Beschreibung des
Begriffs Existenzbild unverzichtbar hält (S. 157). Es handle sich dabei um
eine „Bildwirkung“. Im Begriff des Mitlebens kommt der Moment der
Betrachteransprache ins Spiel. Es ist eine Teilnahme, die über ein
oberflächliches Anschauen weit hinaus geht. Missverständlich scheint, wenn
Wittwer versucht, das der Zeitlichkeit enthobene Leben der Kunst dann doch mit
Momenten einer historischen Darstellung in Zusammenhang zu bringen (S. 187).
Diese Vermischung der begrifflichen Ebenen der Empfindung eines Betrachters
(Rezeption): lebendig, lebensvoll, Mitlebenmachen etc. und der Inhaltlichkeit
der Kunst und ihrer Normativität im Sinne von „innerem Leben der Kunst und der
ihr eigenen Gesetze“ hilft nicht wirklich, um die Kategorie des Existenzbildes
weiter zu präzisieren. Die genauere Lektüre des „Cicerone“ zeigt Wittwer, dass
für Burckhardt die Kunst selbst nicht nur Leben „hat“, sie ist auch Leben; der
Ausdruck „Leben“ weist auf ihr Innerstes, er bezeichnet ihr Wesen und ihr
Vermögen. Ferner beinhalte der Begriff des Lebens das Zeitliche und das
Eigengesetzliche im Grund genommen zu gleichen Teilen. Wittwer belegt das
Systematische am Leben der Kunst, das in den Äußerungen zur Architektur
seitens Burckhardts besonders gut zum Ausdruck komme. Das Organische, sei nur
eine andere Formulierung für den Begriff des Lebens (S. 124).
Bewegt sich die Interpretation dieser Textstellen im Rahmen der bekannten
Sekundärliteratur, so kann dies über das grundsätzliche Verkennen der
eigentlichen Bandbreite des Burckhardtschen Wortes „Existenzmalerei“ nicht
hinwegtrösten. Dies auch dann, wenn Wittwer fortfährt, Burckhardt weise darauf
hin, dass es sich bei der künstlerischen Tätigkeit um einen Vorgang des Übersetzens handele, „über den das Leben der Kunst mit dem Leben der Natur
korrespondiert. Das in der Wirklichkeit gegebene Leben der Natur und das
aufgrund eigener Gesetze sich selbst (wieder-) herstellende Leben der Kunst
liefern Burckhardt auch die Kriterien, anhand deren die einzelnen Werke, durch
die diese ‚Leben‘ miteinander in Verbindung treten, zu beurteilen sind“ (S.
147). Der Prozess des Lebens von Kunst stelle sich also in Gestalt eines Übersetzungsprozesses dar. Dieser Übersetzungsprozess, und so entsteht für
Wittwer ein Missverständnis Burckhardts an dieser neuralgischen Stelle, hat
gerade nicht in erster Linie mit Wahrnehmung zu tun, sondern zunächst mit der
künstlerischen Tätigkeit und dient damit nicht der Präzisierung des Gesuchten.
Ein Hinweis auf Goethes Unterscheidung von Existenz und Effekt, die Wittwer
anhand eines Abrisses von Goethes Kategorien versucht, belegt dies noch einmal
nachdrücklich. Insbesondere die mehrfachen Verweise auf Wilhelm Heinses
Verwendung des Begriffes Existenz, der das höchste Gut der Welt und
gleichzeitig extrem mit dem Begriff des Genusses und der Glückseligkeit
verbunden ist, lassen die Idee der Zeitlosigkeit noch einmal in den
Vordergrund treten. Tatsächlich hat die Existenzmalerei in Burckhardts Sinn
etwas mit Zeitlosigkeit zu tun, jedoch z.B. im Sinne einer Ungebundenheit an
eine bestimmte Gattung und eine begrenzte historische Periode.
Mehrfach den Fluss der Argumentation störend, ist hier erneut die Angewohnheit
des Autors, wenn es um eine stringente Beweisführung geht, kurzerhand auf eine
weiter hinten angeordnete Ausführung zu verweisen. Blättert man vor, so
erfährt man dort dann meist gerade nicht, was man in diesem
Argumentationszusammenhang vielleicht erhofft hatte.
Ein großes Verdienst dieses Bandes ist es, ihn großzügig mit Jacob Burckhardts
Fotopappen als Illustration ausgestattet zu haben. Auch das detaillierte
Abbildungsverzeichnis des Buches gereicht zur Freude. „Kunstmorast“ nannte
Jacob Burckhardt seine annähernd 10.000 Photographien, die er aus den
wichtigen Kunstzentren Europas zusammen getragen hatte. Die großformatigen
Ansichten von Kunstwerken und Kirchen, Palästen und Plätzen halfen Burckhardt
nicht nur bei der Vorbereitung seiner Vorlesungen an der Basler Universität,
sondern er erhoffte sich von ihnen die „Verewigung des Vergänglichen“. „Seit
der Photographie glaube ich nicht mehr an ein mögliches Verschwinden und
Machtloswerden des Großen“. Als er 1870 vom Brand des Louvre hörte, fielen
sich Burckhardt und der Philosoph Friedrich Nietzsche in gemeinsamer Sorge um
die Gemälde weinend in die Arme: „Wir müssen alle Kunstwerke photographieren
lassen!“ Die Auswahl von 64 aus den um die 10.000 Vorlagen fiel weitgehend zu
Gunsten der Werke der italienischen Renaissance aus.
Gerade Burckhardts Abbildungen etwa der Werke der Maler von Existenzbildern
par excellence, also von Tizian, Giorgione und insbesondere Veronese, hätten
in Burckhardts Kommentierung deutlich machen können, dass man bei diesem
Begriff das Wesentliche übersieht, wenn man ihn nur ethymologisch in seinen
Schriften nachverfolgt und seziert: Diese Fotos bleiben jedoch im Wesentlichen
unkommentiert. Wittwer scheut Erörterungen genau dort, wo, so Burckhardt, man
sich an „Ausführung und Einzelnes halten“ müsse (S. 233). Dadurch nimmt sich
Wittwer einen entscheidenden Zugang zu den Gemälden, die in ihrer
Reichhaltigkeit und dem Facettenreichtum ihrer Malerei das charakterisieren,
was Burckhardt unter diesem Terminus erfahren hat. Existenzmalerei ist in
ihrer Konzeption komplex und soll im tiefsten Sinne von Burckhardts Terminus „Genuß“ in der Anschauung erfahren werden. Und was die Verquickung mit der
Chronologie angeht, so bleibt Burckhardt sich auch an dieser Stelle treu: das „eigene Leben“ der Kunst überwiegt in den Werken der Existenzmalerei, denn „tizianische Charaktere“ (...) gehen doch nicht leicht in irgendeine
geschichtliche Bedeutung auf“.
Wenn Wittwer endlich dem Leser „das Verstehen von Existenzmalerei“ nach
immerhin 250 Seiten ankündigt, müsste eigentlich eine Bildbetrachtung
erfolgen. Doch die farblose Ferne des Autors zum eigentlichen Gegenstand von
Burckhardts Interesse könnte nicht deutlicher werden als an jener Stelle. Es
wird zwar Burckhardts schwärmerisches, fast schon hymnisches Bekenntnis,
geäußert in einem Brief an seinen jüngeren Freund Ernst Stückelberg, zitiert,
aber dem eigentlich nicht hinreichend nachgegangen; zudem sich auch just dort
Burckhardt einer Analyse entzieht, da er sich selbst nahe des „Zentrums“ der
Erkenntnisse wähnt: „... an den alten Venezianern ... wird Sie [E. St.] bald
noch Anderes interessieren als Farbenharmonie und Formenschönheit; es ist noch
etwas von der Wonne einer idealen Existenz in ihnen, wozu Sie den Schlüssel
freilich erst finden werden“ (S. 245).
Wittwer droht gelegentlich von der Fülle seiner gesammelten Querverweise überwältigt zu werden, zudem seine oft völlig objektfernen Ausführungen den
Leser allenfalls auf die Suche nach dem schicken, was Burckhardt mit dem
Begriff der Existenzmalerei verbunden haben mag. Wilhelm Schlink hatte dies
bereits 1990 präziser und überzeugender auf wenigen Seiten zu umschreiben
vermocht: mit diesem Begriff der Existenzmalerei habe Burckhardt nur den
Betrachter erreicht und ihm in diesem Medium eine Augenlust angeboten, eine
glückliche Welt, wie sie sein sollte, eine Menschheit der Sorglosigkeit und
des Genusses. Auch hatte Schlink zu recht betont, dass die Existenzmalerei
nicht an eine Gattung gebunden sei, indem jede Gattung, ohne sich selbst
aufzugeben, zum „Vorwand der Darstellung einer bloßen Existenz“ werden könne.
Denn das Existenzbild stelle „nicht Möglichkeiten menschlicher Erfahrung dar,
sondern sinnerfülltes menschliches Dasein in der glaubhaften Illusion, es sei
wirklich.“[9]
Hätte Wittwer diese Dimension der Existenzmalerei an einer Stelle als
Betrachter an einem von Burckhardts Lieblingsbeispielen - insbesondere
Veronese - selbst nachvollzogen, so hätte er bestimmt nicht mehr die „anschauliche Basis“ Giorgione zum Beleg heranziehen müssen. Seitenlange
Fußnoten und ein ungelenkes Resumée der Forschungslage zu Giorgione belegen in
den letzten 50 Seiten der Arbeit die Kunstferne des Autors, der sein Thema,
die Existenzmalerei immer mehr aus dem Auge verliert. Schlink hatte
festgehalten: „In Burckhardts Konzept des Existenzbildes verbinden sich zwei
Positionen des Genusses: die Bildwelt eines genießenden Menschengeschlechts
und die sympathetische Teilhabe eines - für die Bildwelt - wie für die
Kunstform gleichermaßen aufgeschlossenen - genussfähigen Betrachters.“[10]
Burckhardts Modernität, die darin besteht, „Darstellungsform und
Rezeptionsform des Genusses in einem“ zu sehen, werden von Wittwer weder
wirklich erkannt noch anschaulich gemacht.
----
[1] Der Kontext dieser Überlegung in: Martina Sitt, Kriterien der Kunstkritik,
Jacob Burckhardts unveröffentlichte Ästhetik als Schlüssel seines Rangsystems,
Wien 1992, Kapitel „Die dualistische Struktur der Betrachtung, S. 79 und Anm.
285; Manuskriptbezeichnung: 207/158 Einleitung in die allgemeine
Kunstgeschichte von 1851, Blatt verso.
[2] Jacob Burckhardt Gesamtausgabe in 14 Bdn., hrsg. von H. Trog und E. Dürr
u.a., Basel 1919-1934, verkürzt BGA XIII, S. 23, ein Zitat allerdings aus
seiner ersten kunstgeschichtlichen Vorlesung 1874; dort grenzte er dann seine
Arbeit wesentlich ein: „Ganz besonders auszuschließen ist jede systematische Ästhetik“.
[3] Martina Sitt, Jacob Burckhardt und Heinrich Wölfflin, Vortrag gehalten im
Louvre im Rahmen eines Colloqiums zu Heinrich Wölfflin, Paris 6.12.1993,
unveröffentl. Manuskript.
[4] Wölfflin zitiert nach Joseph Gantner, Hg., Heinrich Wölfflin 1864-1945,
Autobiographie, Tagebücher, Briefe, Basel 1982, S. 19 (Tagebuch 8/79 r S. 23).
[5] Wölfflin, in: Gantner1982, S. 154 (Tagebuch 37, 46 v und 49 r)
[6] Wölfflin, in: Gantner1982, S. 90 sowie S. 87; Brief von Ende Dezember 1892.
[7] Wölfflin, in: Gantner1982, S. 94, Brief vom 13.Mai 1893.
[8] Lionel Gossman, The Existenzbild in Burckhardt‘s Art Historical Writing,
in: Modern Language Notes, No. 114, Baltimore 1999, S. 879-928, hier S. 880.
[9] Wilhelm Schlink, Paolo. Existenzmalerei bis zu ihren höchsten
Konsequenzen, in: Jürg Meyer zur Capellen, Hg., Paolo Veronese - Fortuna
Critica und künstlerisches Nachleben, Sigmaringen 1990, S. 7-15, hier S. 9.
[10] ebenda, S. 11.
Redaktion: Philipp Zitzlsperger

Copyright for all reviews © 2004 by H-ArtHist (H-NET) and the author, all
rights reserved. Works may be copied for non-profit educational use if proper
credit is given to the author and the list. For other permission please contact hah-redaktion@h-net.msu.edu.
|
 |