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Bettina Uppenkamp: Judith und Holofernes in der italienischen Malerei des
Barock, Berlin: Reimer 2004. Kartoniert, 290 S. m. 8 Farb- u. 100 SW-Abb.
ISBN 3-496-01304-4. 49.00 EUR - 84.00 sFr
Brigitte Reineke
Die meisten kunsthistorischen Studien zu
Judith-und-Holofernes-Darstellungen konzentrieren sich auf die
dramatischen Gemälde des italienischen Barock. Das mag in der Drastik des
dargestellten Geschehens und manch deutlich erotischer Darstellung der
jüdischen Heroine begründet sein. Gemälde des frühen 16. Jahrhunderts
werden selten behandelt, eher noch finden Gemälde des Florentiner 15.
Jahrhunderts wie z.B. Botticellis kleinformatige Gemälde als Vorläufer der
ungleich eindrücklicheren Bilder des italienischen Barock Erwähnung.Auch Bettina Uppenkamp widmet sich den Darstellungen aus der Zeit des
Barock, als insbesondere in den Zentren der Gegenreformation eine
auffällig häufige Behandlung des Judith und Holofernes-Themas zu
beobachten ist. Die Autorin macht neben den berühmten Werken von
Caravaggio, Valentin de Boulogne und Artemisia Gentileschi auch mit
weniger prominenten Gemälden der Zeit bekannt.
Uppenkamp gliedert ihre Untersuchung nach den einzelnen Darstellungstypen,
die im Zusammenhang von politischer Ikonographie, dem
Geschlechterverhältnis und der zeitgenössischen Affektenlehre behandelt
werden. Diese Aufteilung bringt reiche Erkenntnisse über die
Funktionsweise der untersuchten Gemälde in ihrem zeitgenössischen Kontext.
Den Darstellungen der Artemisia Gentileschi widmet Uppenkamp ein eigenes
Kapitel, nicht etwa um die Heroisierung der Malerin als „Genossin im
Kampf“ gegen das Patriarchat (S. 181) fortzuschreiben, sondern um ihrer
künstlerischen Besonderheit den notwendigen Raum zu bieten.
Am Anfang der Arbeit steht eine Nacherzählung des apokryphen Buchs ‚Judith’ und seiner Überlieferung, die vor allem der Orientierung des
Lesers dienen soll und weniger eine kritische Auseinandersetzung mit der
biblischen Figur darstellt, die in der Vergangenheit oft als feministische
Identifikationsfigur benutzt worden ist - ungeachtet der Tatsache, daß
sich die Heldin selbst als abhängige Befehlsempfängerin bezeichnet. Die
Bibel, aus der Uppenkamp zitiert, bleibt dabei allerdings ungenannt, so
daß sich dem neugierigen Leser nicht erschließt, woher der Name der Magd
stammt, die im Text der Apokryphe namenlos bleibt.
Aus dem apokryphen Text ergeben sich die Eigenschaften, die die Heldin zur
Tugendpersonifikation insbesondere von Castitas, Fortitudo, Humilitas und
Justitia prädestinieren. In der Stadtrepublik Florenz, in der Judith als
Summe aller Tugenden als kommunales Freiheitssymbol diente, wird die
berühmte Bronzegruppe Donatellos 1495 durch Michelangelos Skulptur des
David, typologisches Pendant der Judith, ausgetauscht, um den neu
gegründeten kommunalen Milizen eine männliche Identifikationsfigur zu
bieten, wie Uppenkamp in einer schlüssigen These ausführt.
Im 17. Jahrhundert inszenieren Caravaggio und seine Nachfolger die Gewalt
der Szene deutlich drastischer. Der Heerführer wird bar jeder Macht im
blutigen Kampf gezeigt. Die Betrachtung im Rahmen der politischen
Ikonographie und gegenreformatorischen Programmatik lässt Erkenntnisse über die Funktionsweise der Bilder zu, wobei die Visualisierung von Gewalt
als Teil der zeitgenössischen Affektenlehre zu verstehen ist. Als weitere
und interessante Funktion der Bilder benennt Uppenkamp die Darstellung des
Rollenverständnisses und – verhältnisses zwischen den Geschlechtern.
Bereits hier zeigt sich die negative Besetzung der männlichen
Geschlechterrolle durch Holofernes.
Das Judith-Thema wird jedoch nicht erst im römischen 17. Jahrhundert,
sondern ist schon in den Jahrhunderten zuvor ein kommunales
Freiheitssymbol für die Stadtrepubliken Florenz (mit Verweis auf die
Bronzestatue Donatellos) und Venedig, woran Uppenkamp zumindest kurz
erinnert. In ihrem Kapitel zu den halbfigurigen Galeriebildern werden
jedoch die auffällig vielen venezianischen Einzeldarstellungen aus dem
frühen 16. Jahrhundert nicht behandelt. Eine eingehendere Beschäftigung
mit diesen im privaten Rahmen entstandenen Gemälden hätte zeigen können,
daß zumindest die barocken Galeriebilder mit ihrer erotischen Deutlichkeit
in Kontinuität zu den früheren Darstellungen gesehen werden sollten.
Uppenkamp unterscheidet auch kaum zwischen privaten und öffentlichen
Aufträgen, zwischen unterschiedlichen Bildformaten und –funktionen, die
sicherlich ebenfalls von entscheidender Bedeutung für die verschiedenen
Darstellungstypen sind.
Behandelt wird der Zusammenhang mit Darstellungen der Weibermachtzyklen,
in denen neben Delila auch Jael und Judith agieren. Dort dient „die Figur
Judiths als Exemplum für die Fatalität des weiblichen Geschlechts […]“ (S.
91). Die Darstellung der Judith als Galeriebild weist häufig Anklänge an
die negativ besetzte Figur der Salome auf, wie Uppenkamp an verschiedenen
Gemälden zeigen kann. Allerdings täuscht sie sich hier, wenn sie diese
Verbindung erst für das 17. Jahrhundert feststellt: nicht nur das
rätselhafte Bild Francesco Maffeis (Faenza, Pinacoteca, 1650), sondern
auch Bilder von Pordenone (Sarasota, The John and Mable Ringling Museum of
Art, um 1529) und Romanino (Berlin, Gemäldegalerie SMB, 1516/1517) zeigen
eine solche ikonographische Vermischung. In der Zusammengehörigkeit zweier
Bilder als Pendants, wie sie beispielsweise Tizian (Judith/ Detroit,
Institute of Arts; Salome/Zürich, Privatbesitz, beide um 1570) konzipiert
hatte, zeigt sich ebenfalls schon eine Verunglimpfung der Judith-Gestalt
zu einer Salome.
Besonders interessant wird die Untersuchung da, wo Bettina Uppenkamp über
die Fokussierung auf die weibliche Geschlechterrolle hinausgeht und
Darstellung und Funktion der männlichen Rolle nachspürt. Entgegen der
gängigen Behandlung des Themas tritt die negative männliche
Rollenbesetzung durch Holofernes in den Mittelpunkt der Gender-Diskussion.
Zuletzt werden die nachtridentinischen Bilder thematisiert, die als
kirchenpolitische Aussage zu verstehen sind, in denen die Frage nach der
Rechtmäßigkeit des Tyrannenmordes gestellt und beantwortet wird.
Insbesondere in den jesuitischen Bühnendramen wird die Frage nach dem
gerechten Mord gestellt. Das ‚Drama der Affekte’ ist von essentieller
Bedeutung in den Bühnenstücken wie auch in den zeitgleich entstehenden
Gemälden. Judith-Darstellungen wie auch Bühnenstücke entsprechen dem
gegenreformatorischen Bestreben, den Sieg der Tugend über das Laster bzw.
den Sieg der katholischen Kirche über die Häresie zu demonstrieren.
Das italienischen Barock brachte vielfältige Darstellungen des
Judith-Sujets hervor, wie der sich an die Untersuchung anschließende
Katalog eindrucksvoll aufweist. In den Gemälden mit ganz unterschiedlichen
Formaten und Funktionen erweisen sich die von Uppenkamp untersuchten
Verbindungen von Moral, Politik, Geschlechterrollen und Erotik als
spannend und aufschlussreich.
Redaktion: Claudia Sedlarz

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