|
Lorraine Daston (Hg.), Things That Talk. Object Lessons from Art and
Science, New York 2004. 447 Seiten, 82 Abb., ISBN 1-890951-43-9;
34,50 Dollar
Robert Felfe
„Speechless“ hat Lorraine Daston die Einführung zu dem von ihr
herausgegebenen Sammelband betitelt und sie beginnt mit einer wirklich
befremdenden Vision: „Imagine a world without things.“ Nicht dass diese
Welt schlichtweg leer wäre, sie wäre vielmehr eine verschwommene, breiige
Einheit: „porrigdy oneness“. - Die Anspielung ist deutlich. Eine Welt ohne
Dinge wäre jenem stofflichen Chaos gleich, das als uranfängliche,
undifferenzierte Masse den mythischen Schöpfungsakten vorausging. Anders
als im Mythos jedoch wird hier der Mensch als Einwohner und Zeuge dieser
konturlosen Umgebung vorgestellt. Seine Wahrnehmung und sein Denken fänden
keine Anhaltspunkte und keinen Widerstand. Es gäbe nichts, was zu
beschreiben, zu erklären oder zu deuten wäre. Wir würden aufhören zu
sprechen und stumm sein; so stumm, wie man es von den Dingen, die uns
umgeben, oft behauptet.
Vor dem Hintergrund dieser imaginären Situation skizziert die Herausgeberin
Thema bzw. Anliegen des Bandes. Die folgenden neun Essays von Kunst- und
Wissenschaftshistorikern sollen so etwas wie die Beredsamkeit von Dingen
(loquaciousness) exemplarisch freilegen und ihr somit Gehör verschaffen.
Dabei gelte es, so Daston, zu erkunden, auf welche Weise diese Beredsamkeit
mit dem Dasein der Dinge als solche zusammenhängt. Ein gewissermaßen
selbstständiges Sprechen der Dinge führt die Autorin historisch auf zwei
Typen zurück: Der eine ist das „Idol“, das heißt das sprechende Götterbild,
mit all dem Misstrauen, dass seiner Rede in jüdisch-christlicher Tradition
entgegengebracht wurde, bis hin zum Idol als Inbegriff oder Metapher für
Manipulation, Täuschung und Betrug. Der Andere Typus zeichnet sich aus
durch Selbstevidenz: „res ipsa loquitur“. Hier sprechen die Dinge für sich,
etwa indem sie vor Gericht vermeintlich unumstößlich einen bestimmten
Tathergang belegen. Wenn einem Ding diese Weise des Sprechens zuerkannt
wird, dann sagt es die Wahrheit, unfehlbar und über jeden Zweifel erhaben.
Beide Typen bilden die gegenüberliegenden Pole eines epistemologischen
Spektrums, in dem sich jenes Sprechen der Dinge platzieren lässt, dem die
einzelnen Essays nachgehen. Dabei ist die klare Trennung dieser Pole eher
heuristischer Art. Bereits hier wird angekündigt, dass eine historisch
keineswegs vergangene Ambivalenz dieser beiden Seiten, geradezu eine
spezielle Eigenschaft sprechender Dinge sein kann.
Eine eigene Kontur gewinnt jene Beredsamkeit, um die es hier geht, in
Anlehnung an Roland Barthes „mythische Objekte“. [1] Demnach beruhe dieses
Sprechen auf bestimmten Eigenschaften der Dinge selbst, auf der jeweiligen
Art und Weise wie sich in ihnen physische Existenz und verschiedene
Schichten des Zeichenhaften, Materialität und Bedeutung miteinander
verschränken. In diesem Sinne sei auch Heidegger zuzustimmen, wenn er das „Ding“ strikt vom „Objekt“ bei Kant, als bloßem Produkt der Vorstellung,
unterschied. [2] Als anschlussfähig erscheint zunächst auch die
Heideggersche Selbstgenügsamkeit des Dings, zumal dieses danach eben nicht
in sich verschlossen ist, sondern andere Elemente an sich zu ziehen und zu
versammeln vermag. Wie es jedoch zu diesen Aufladungen komme und warum die
Dinge gerade dieses und nicht jenes an sich ziehen, darüber sei Heidegger „stumm“ geblieben.
Aus der Vielzahl möglicher Perspektiven, die einleitend angerissen werden,
erweisen sich vor allem zwei Aspekte als leitend für das gesamt Buch. Die
Frage, was die Dinge (und ihre Sprache) eigentlich seien, wird eng
verbunden mit der Frage, wie diese Dinge gemacht werden. Schließlich geht
es immer um Artefakte, die aus konkreten Arbeitsprozessen hervorgehen. Ein
anderes Problem zieht sich eher unterschwellig durch die gesamte
Einführung; von der formlosen Masse einer Welt ohne Dinge bis zum Schluß,
wo es heißt, dass jedes Ding, das diesen Namen verdient, eine „Physiognomie „ haben müsse. Dabei wird dieses alte Konzept von Beredsamkeit -
ursprünglich der des Leibes - als jeweils spezifische Spannung zwischen
einer „chimerical composition“ aus disparaten oder gar widersprüchlichen
Elementen und einer dennoch bestehenden zusammenhängenden Gestalt (unified
gestalt) verstanden. Eben diese Spannung unterscheide die Dinge, die
sprechen, von denen, die sprachlos sind.
Es wäre vergeblich, die einzelnen Essays hier auch nur halbwegs angemessen
resümieren zu wollen. Sie sind ausnahmslos inhaltlich sehr dicht und lassen
konsequent an konkreten Beispielen wichtige Achsen einer ganz bestimmten
Kulturgeschichte der Dinge von der frühen Neuzeit bis in die jüngere
Vergangenheit deutlich werden. Unter dem Titel „Bosch‘s Equipment“
untersucht Joseph Leo Koerner im ersten Kapitel eine einzelne Handzeichnung
des Niederländers. Es handelt sich um den so genannten „Baummann“ in der
Albertina in Wien. Sprechende Dinge im Sinne des Idols begegnen in auch in
diesem Blatt in unzähligen Varianten. Viele der Gerätschaften und
fragwürdigen Wesen in seinen Bildern sind Instrumente und Dämonen einer
verkehrten, letztlich täuschenden Welt, in der ein Baum ein Mann ist, wobei
zugleich dessen hohler Körper zur Behausung für einige Zecher wird. Dabei
geht Koerner über die geläufige kunsthistorische Platzierung von Bosch an
der Grenze zwischen primär kultischen bzw. magischen Bildpraktiken und
einer modernen Kunstauffassung weit hinaus. Es sind die ästhetischen
Qualitäten der Zeichnung, die den Idolcharakter der physischen Welt umso überzeugender in Szene setzen, je detaillierter und präziser sie noch den
phantastischsten Geschöpfen mit den sinnlichen Qualitäten der Welt eine
gewisse Wahrscheinlichkeit verleihen. Die Verneinung der Welt im ästhetischen Spiel der Täuschung und die Reflexionen, die sich daran
knüpften, verliehen dabei der Handzeichnung als Ding eine zunehmend hohe
Wertschätzung, ja machten sie geradezu zum begehrten Objekt.
Eine der zahlreichen thematischen Querverbindungen, die der Band bietet,
würde direkt von Boschs Zeichnung zu einer Sammlung von Glasblumen am
Botanischen Museum der Harvard Universität führen, die Lorraine Daston im
6. Kapitel diskutiert. - Man überspringt dabei Not gedrungen einige Essays,
und etliche Dinge, die nicht weniger beredt sind. So beschreibt Antoine
Picon die freistehende Säule als architektonisches Faktum und theoretisches
Objekt in der französischen Sakralarchitektur des 18. Jahrhunderts. M.
Norton Wise und Elaine M. Wise zeigen, inwiefern die Pfaueninsel bei
Potsdam als Palimpsest von den aufeinander folgenden Inszenierungen
königlicher Herrschaft zwischen Sehnsüchten nach einer
paradisisch-exotischen Natur, Kolonialismus und Industrialisierung spricht.
In Kapitel 4 entwirft Simon Schaffer eine faszinierende Kulturgeschichte
der Seifenblase. Vor dem Hintergrund einer ökonomischen und symbolischen
Dimension der Seife als Ware im 19. Jahrhundert wurde das ephemere Phänomen
zum Schlüssel für einige ungelöste Probleme der Lichtbrechung. Dieses
wissenschaftliche Interesse entfachte wiederum einen Wettstreit virtuoser
Experimentalpraktiken und bildlicher Aufzeichnungsverfahren. Das sicher
bedeutendste neue Bildmedium dürfte im 19. Jahrhundert die Fotografie
gewesen sein, deren Status zwischen Kunst und einem rein dokumentarischern
Darstellungsverfahren noch jahrzehntelang umstritten war. Im Zentrum jenes
Diskurses den Joel Snyder in diesem Zusammenhang verfolgt, steht das
Kriterium des bloß mechanischen Abbildens bzw. dessen ambivalente
Bewertung. Dabei habe die Fotografie in juristischem Zusammenhang zwar -
gleichsam als paradigmatischer Fall von unumstößlicher Selbstevidenz -
einen hohen Wahrheitsgehalt zugesprochen bekommen, allerdings mit dem
Status eines wahren Textes und unter Verlust einer eigenen Stimme. Im
letzten Kapitel betrachtet Caroline A. Jones Kunstwerke von Jackson Pollock
und deren Interpretation durch den Kritiker Clement Greenberg, als ein
sprechendes Ding. Vor dem Hintergrund einer Segmentierung menschlicher
Motorik im Zusammenhang industrieller Produktionsverfahren sowie
verschiedenen Praktiken zur Visualisierung von Bewegung propagierte
Greenberg die Kunst von Pollock als ideale Verkörperung positiver
Rationalität und als Heilmittel für das Subjekt angesichts einer
allgemeinen gegenwärtigen Verwirrung.
Doch zurück zu Bosch und den Glasblumen von Harvard. Zwischen 1886 und 1936
schufen die bei Dresden ansässigen Glasbläser Leopold und Rudolph Blaschka
exklusiv für das Museum in Harvard eine Sammlung von 847 lebensgroßen,
farbigen Glasmodellen verschiedener Pflanzen. Daston stellt diese Modelle
einerseits in eine lange Handwerkstradition bildnerischer Glasbearbeitung
und andererseits in das wissenschaftliche Umfeld zeitgenössischer Methoden
und Dispute in der Botanik. In ihrer verblüffenden Detailgenauigkeit und
ihrem Illusionismus seien die Glasblumen, in der Funktion als
Lehrmaterialien, vollständig an die Stelle der natürlichen Blumen getreten.
Zugleich zeichne sich, losgelöst von dieser wissenschaftlich didaktischen
Funktion, ein Eigenwert der zerbrechlichen Werke ab, der darauf beruht,
dass sie als ununterscheidbare Kopien von Naturalien insofern authentischer
als die Originale gewesen seien, als sie selbst nicht angemessen
dargestellt werden konnten.[3]
Zugleich beschreibt Daston ein anderes Feld, auf dem - mit Heidegger - das
Ding selbst in markanter Weise etwas um sich „versammelt“. Folgt man dieser
Richtung, dann bilden die Glasblumen zusammen mit den Essays von Peter
Galison über die Farbflecken des Rorshach-Tests und von Anke te Heesen über
Sammlungen von Zeitungsausschnitten eines der thematischen Kerngebiete des
Buches. Die Glasblumen der Blaschkas wirkten gleichsam vergesellschaftend
auf den Menschen als soziales Wesen zurück. An ihnen bildeten sich, von den
Produzenten über Konservatoren bis zu den Botanikern Gemeinschaften heraus,
deren Mitglieder sich allein über die bewundernde und behutsame
Konzentration auf den individuellen Detailreichtum, die Schönheit und die
Zerbrechlichkeit der Gebilde rekrutierten. Indem diese Dinge somit
bestimmte Fertigkeiten, Erfahrungen und habituelle Formen produzieren,
prägen sie jene Personen, die mit ihnen in Berührung kommen.
Für die Farbflecke des Rorshach-Tests, der seit 1921 als eine
Diagnosemethode in der Psychologie weltweit Verbreitung fand, hebt Galison
eine durchaus ähnliche Macht des Dings im Sinne einer konkreten
Selbsttechnik hervor. Testbilder und Auswertungsverfahren weisen zum einen
den jeweiligen Probanten, aufgrund von deren Assoziationen zu den amorphen
Farbgebilden, eine bestimmte psychische Disposition zu, und zwar mit allen
möglichen sozialen Konsequenzen. Zum anderen habe die Arbeit mit diesem
experimentellen Verfahren zum Bruch mit Konzepten von „Selbst“ und „Persönlichkeit“ als stabilen Größen geführt und darüber hinaus das strikte
Objektivitätspostulat der Naturwissenschaften schlechthin untergraben.
Auch Sammlungen von Zeitungsausschnitten und die Technik der Kollage machen
bisweilen Personen. Zu diesem Schluß kommt Anke te Heesen angesichts der über Jahrzehnte collagierten Zeitungsschnipsel eines Zeitgenossen und
emsigen Gegners von Einsteins Relativitätstheorie. Vor dem
mediengeschichtlichen Hintergrund von Presse und Informationsverarbeitung
um 1900 zeigt dieser erfrischende Text, dass es dem obsessiven Sammeln
natürlich nicht gelang, brauchbares Material gegen Einsteins
Relativitätstheorie aufzustellen. Wohl wissend, dass er sich eine eigene
Person seines Kontrahenten quasi aus Papier schuf, setzte er genau jenen
Einstein als reines Medienphänomen fort, dessen Weltgewandtheit und öffentliche Präsenz er demaskieren wollte.
Angesichts der sehr heterogenen Beispiele wird überzeugend deutlich, auf
welche Weise Dinge sprechen können und zugleich ahnt man, dass dieses
Sprechen wahrscheinlich nur in der jeweiligen Fixierung auf ein einzelnes
Ding oder im Plural irreduzibler Vielstimmigkeit zu vernehmen ist. Unter diesem Gesichtpunkt ist das Buch ein beeindruckendes Beispiel für das
Gelingen interdisziplinärer Arbeit. In Hinblick auf die
Wissenschaftsgeschichte sind Dinge, die sprechen, möglicherweise so etwas
wie das alter ego jener „epistemischen Dinge“, die Hans-Jörg Rheinberger
als bewegliche Gegenstände des Wissens beschrieben hat. [4] Diese Dinge
sind Objekte, und werden genau dadurch zu „epistemischen Dingen“, dass sie
im Fokus und Zugriff der Instrumente insofern schweigen, als sie eben das
verkörpern, was man noch nicht weiß. Von der Kunstgeschichte her gesehen,
bietet die Beredsamkeit der Dinge nicht zuletzt unzählige Auswege aus jenen
Diskursen ums Bild, deren Grabenkämpfe zum Teil noch immer im Inneren von
Platons Höhle ausgetragen werden.
Anmerkungen:
[1] Barthes, Roland, Mythen des Alltags, (1957) Frankfurt 1964.
[2] Heidegger, Martin, Das Ding, in: ders. Vorträge und Aufsätze,
Pfullingen 1954, S. 157-175.
[3] Diese Glasblumen stellen somit einen späten Grenzfall jener „artisanal
epistemology“ dar, die Pamela Smith ausgehend von den Malerwerkstätten der
,frühen Niederländer‘, als eine Grundlage des Modernen Naturwissens
beschrieben hat: Smith, Pamela H., The body of the artisan. Art and
experience in the scientific Revolution, Chicago 2004.
[4] Rheinberger, Hans-Jörg, Das epistemische Ding und seine technischen
Bedingungen, in: ders. Experiment - Differenz - Schrift. Zur Geschichte
epistemischer Dinge, Mahrburg 1992, S. 67-88.
Redaktion: Philipp Zitzlsperger

Copyright for all reviews © 2004 by H-ArtHist (H-NET) and the author, all
rights reserved. Works may be copied for non-profit educational use if proper
credit is given to the author and the list. For other permission please contact hah-redaktion@h-net.msu.edu.
11-apr-05
|
 |