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Dieter Groh, Michael Kempe, Franz Mauelshagen (Hrsg.):
Naturkatastrophen. Beiträge zu ihrer Deutung, Wahrnehmung und Darstellung in
Text und Bild von der Antike bis ins 20. Jahrhundert.
Tübingen 2003
Jörg Trempler
Der DFG-Sonderforschungsbereich „Literatur und Anthropologie“ in Konstanz
hat im November 2000 eine Tagung zur historischen Wahrnehmung von
Naturkatastrophen abgehalten, dessen Beiträge nun schriftlich vorliegen. Die
insgesamt 19 Aufsätze stammen u.a. von Historikern, Literatur-, Kunst- und
Medienwissenschaftlern und bieten einen guten Einstieg in einen
Themenkomplex, der von den Geisteswissenschaften bisher kaum wahrgenommen
wurde. Denn obwohl ihre Existenz unbestritten ist und niemand daran zweifeln
könnte, daß Erklärung und Deutung von Naturkatastrophen fruchtbare
Forschungsgegenstände darstellten, sucht man die Lemmata „Katastrophe“ und „Naturkatastrophe“ im sonst so feinmaschig gewobenen Netz der Wissenschaft
bislang meist vergeblich.[1]
Stehen die repräsentativen Lexika im Gedankengebäude der
Geisteswissenschaften gewissermaßen für die Hauptportale der glanzvollen
Fassade, scheinen die Naturkatastrophen nach wie vor und wenn überhaupt nur
durch die Hintertür eingelassen zu werden. Im Unterschied zu den
Geisteswissenschaften findet man den Begriff in den Naturwissenschaften,
besonders der Geologie, vermehrt, doch fehlt für diesen Bereich ebenfalls
eine allgemeingültige Definition.[2] So selbstverständlich die Rede von der
Katastrophe in der Gegenwartssprache ist, so konturlos stellt sich der
Begriff auf dem Gebiet des reflektierten Denkens dar. Der zergliedernde
Blick auf ein Ereignis bleibt nicht an der Katastrophe hängen, sondern
analysiert die tiefer liegenden Details. So stellt sich die Frage, was
beispielsweise der Vesuvausbruch von 79 n.Chr., die mittelalterlichen
Pestwellen oder die Oderflut von 1997 gemeinsam haben. Findet man für diese
Ereignisse unter dem Dach der Naturkatastrophe mindestens genauso viele
Gemeinsamkeiten wie Unterschiede, liegt der Vorwurf der Beliebigkeit nahe
und der Begriff der „Naturkatastrophe“ läuft ins Leere.
Was sind und zu welchen Zwecke studieren wir also Naturkatastrophen? Heil
und Not liegt zunächst im Sprachgebrauch. Zwar gab es schon immer
Ereignisse, die wir heute als Naturkatastrophen bezeichnen würden, der
Begriff selbst stammt aber wie viele Komposita mit Natur - wie
Natursehnsucht, Naturgefühl oder Naturempfinden - aus dem 18. Jahrhundert.
Die ursprüngliche Bedeutung findet sich in den Erläuterungen in Diderots
Encyclopédie zu „catastrophé“. Hier wird mit keiner Silbe elementare Gewalt
erwähnt, sondern ausschließlich die Tragödientheorie behandelt, in der die
Katastrophe den Wendepunkt oder die Lösung des Knotens bezeichnet und somit
die verwickelte Handlung zum Ende hin auflöst. In diesem Sinne kommt der
Begriff in Johann Georg Sulzers „Allgemeine Theorie der Schönen Künste“ als Übersetzung vor und wird unter dem Eintrag „Auflösung“ beschrieben.[3] Diese
Bedeutung ist im Deutschen verblaßt, erhalten hat sich dagegen „Peripetie“
als Wendepunkt innerhalb der Tragödie. Daß die Katastrophe als Peripetie
aber durchaus eine Verbindung mit der Naturkatastrophe aufnehmen kann, zeigt
sich in den sogenannten Revolutionsopern, die häufig mit dem Ausbruch
elementarer Gewalt endeten.[4] Hier gingen Naturkatastrophe und Katastrophe
eine Symbiose ein.
Einen Beitrag über die Oper sucht man im besprochenen Band vergeblich, diese
Lücke werden künftige Tagungen sicher füllen. Erfrischend ist, daß die
Problematik der Naturkatastrophen-Definition in der instruktiven Einleitung
von den Herausgebern zwar angesprochen wird, ohne jedoch zu stark darauf
zu insistieren. Wichtiger erscheinen hier Vielfalt und Facettenreichtum
des Themas, die sich nach Anspruch und Breite schon im Untertitel äußert: „Beiträge zu ihrer Deutung, Wahrnehmung und Darstellung in Text und Bild von
der Antike bis ins 20. Jahrhundert“. Das klingt enzyklopädisch und setzt
sich in den fünf Abschnitten der Sammlung fort, die eine eher lockere
Einfassung des Materials anstreben. Ihre Titel sind: „Kognitive
Bewältigung - Deutungsmuster“, „Miasmen und Konstellationen“, „Bilder der
Erschütterung - erschütterte Bilder“, „‚Kampf“ mit der Natur -
Integrationsprozesse“ und schließlich „Chaos versus Ordnung“. Durch das
Namens-, Orts- und Sachregister ist der Band für den schnellen Zugriff
geeignet, obwohl er auch - dank seiner interdisziplinären Anlage -zum
traditionell linearen Lesen reizt.
Im folgenden werden v.a. die Beiträge zu Bildern näher besprochen. Die
Gruppe von vier Aufsätzen ist mit „Bilder der Erschütterung - erschütterte
Bilder“ überschrieben. Dies suggeriert feinsinnig, daß sowohl die Bilder ein
Ereignis abbilden als auch durch das Ereignis selbst angegriffen werden
können. Der letztere Fall ist jedoch mit einer zeitlichen Einschränkung
verbunden. „Das Moderne daran ist“, so grenzt Werner Busch in „Das
sentimentalische Bild“ allgemein die Gegenwart von den vergangenen Epochen
ab, „daß das Zerstörte oder der Zerstörungsakt im Bilde sichtbar aufgehoben
ist. Seit dem 18. Jahrhundert kann das Bild Ordnung offenbar nur über den
Aufweis der Erfahrung von Unordnung stiften.“ [5] Ohne expressis verbis
darauf einzugehen, liegen alle vier Beiträge zu den Katastrophenbildern im
Bereich der Moderne.
Peter Geimer erkennt in seinem Aufsatz „Messina 1783 - Das Beben der
Repräsentation“ einen Bruch in der Historisierung von Ruinen je nachdem wie
sich die Zerstörung der Gebäude vollzogen hat. Zunächst betont er die
Unwiederbringlichkeit der Antike und auch das Bewußtsein der Zeitgenossen
darum, was in einem gewissen Widerspruch zu den reichhaltigen
Antikensammlungen jener Zeit steht. „So machten sich im 18. Jahrhundert die
zahlreichen Reisenden der Voyages pittoresques auf den Weg, um an den
Stätten des Altertums für immer zu spät zu sein und genau diese
Nachträglichkeit zum Thema ihrer Zeichnungen, Berichte und Beschreibungen zu
machen“(190). Gängige Verbildlichung dieses Gedankens war die parallele
Präsentation der Ruine und der im Geiste vollzogenen Rekonstruktion. Die
Unterschriften nach dem Schema: ,damals der vollständige Bau und heute die
Ruine‘ belegen zweifelsfrei, daß keinesfalls an eine Rekonstruktion der
Ruine, wie heute etwa bei der Dresdner Frauenkirche, gedacht war. Die Ruine
repräsentierte vielmehr die verflossene Zeit. Das Moderne daran ist, daß der
Betrachter sie zwar zeichnend rekonstruieren kann, doch nur in der
Gewißheit, daß keine Rekonstruktion, die Antike jemals wieder lebendig
machen wird. Damit zeigen die Ruinenbilder des 18. Jahrhunderts nicht allein
die Überreste einer alten Kultur, sie repräsentieren auch diese unerfüllte
Sehnsucht.
Am Beispiel von Jean Houel und Abbé Richard de Saint-Non, die jeder eine
Voyage pittoresque von Sizilien in jeweils vier Bänden veröffentlichten,
zeigt Geimer, daß ein plötzlicher Zuwachs des Ruinenbestandes der Insel
durch die Zerstörung von Messina nach dem Erdbeben von 1783 dieses System
empfindlich aus dem Gleichgewicht bringt. Beide reagieren unterschiedlich
auf diese Störung. Saint-Non, der im selben Jahr den dritten Band seines
Werkes herausgab, hielt die fertig ausgeführten Zeichnungen des unzerstörten
Messina zurück und veröffentlichte statt dessen eine Vedute der Hafenstadt,
in die der Zeichner einen Riß einfügte, um die ,gestörte‘ Repräsentation zu
verdeutlichen. Houel reagierte im Jahr darauf anders: er nahm gewissermaßen
ein fiktives ,Livebild‘ (vgl. weiter unten) mit auf, indem er den Palast
während des Erdbebens zeigt, teilweise noch standhaltend, teilweise völlig
zerstört.
Eine interessante Frage wäre, ob man die einleuchtenden und schlüssigen
Gedanken über Antikenrezeption, die auf einer langsamen Erosion beruhte,
durch die Plötzlichkeit einer Naturkatastrophe nicht auch auf Erdbeben in
nichtantiken Gebieten übertragen könnte. Besonders bemerkenswert wäre in
diesem Zusammenhang die Stichfolge von Jacques Philippe LeBas, der zwei
Jahre nach dem Erdbeben von Lissabon in die Ruinen Gebäude imaginiert, die
zu diesem Zeitpunkt noch nicht dort standen, also die Zerstörung zum Anlaß von Zukunftsvisionen nimmt.[6]
Wie vielschichtig die Aspekte der Untersuchungen zu Naturkatastrophen sind,
zeigt der Vergleich mit dem Beitrag von Robert Felfe. „Ruinenbilder und
eruptive Naturgewalten um 1800“ behandelt ebenfalls die Voyage pittoresque
von Houel und Saint-Non, der Ausgangspunkt ist aber im Gegensatz zu Geimer
ein ganz anderer. Felfe stellt den Frontispitz von Charles Lyells Principles
of Geology, gestochen von T. Bradley, London 1830, ins Zentrum seiner
Betrachtung. Der Stich zeigt die Überreste eines Tempels des Jupiters
Serapis, unmittelbar am Meerufer in der Nähe von Pozzouli unweit von Neapel
gelegen. Seitdem die Ruine 1750 freigelegt wurde, werden die pittoresk in
der Landschaft verbliebenen drei Säulenschafte nicht nur gerne abgebildet,
es wird auch spekuliert, wie die markanten kleinen Löcher, die den glatten
Marmor in ca. 4 Meter Höhe aufrauhten, zustande kamen. „Wie bereits andere
Autoren vor ihm, sah Lyell in ihnen die Spuren sogenannter Pholaden, einer
Muschelart, die auch zu seiner Zeit im Meerwasser der Umgebung lebte, sich
auf steinernen Oberflächen festsetzt und bis zu einer beträchtlichen Tiefe
einfrisst.“ (207) Heute steht die Ruine oberhalb des Meeresspiegels, so daß
die Muscheln nur schwerlich ihr zerstörerisches Werk verrichten konnten. Die Überlegung, wie das Wasser an die Säulen gelangte, führt direkt zum nicht
minder erstaunlichen Umstand, wie die Tempelruine es auf das Titelblatt der
Principles of Geology schaffte. Lyell sah durch den Muschelbefall seine
Theorie von den langsamen und kontinuierlichen Hebungen und Senkungen der
Erdoberfläche gewissermaßen evident in den antiken Stein gehauen. Doch damit
nicht genug, mitreißend schildert Felfe, wie sich im 18. Jahrhundert Erd-
und Sintflutgeschichte mit Katastrophentheorien sowie Archäologie und
Geologie verschränken. Den Hintergrund für die Argumentation liefert ein
unveröffentlichtes Blatt von Scheuchzer, auf dem der Physikotheologe eine
römische Ruine mit Fossilien kombiniert. Damit war einerseits die
Versteinerung parallel zur Ruine zeitlich monumentaliert, andererseits die
Ruine parallel zur Sintflut mit Katastrophentheorien verbunden. Die
prominenteste Katastrophentheorie war der sog. Vulkanismus, dessen Vertreter
auch Houel war. So inszeniert er in seine „Voyage pittoresque“ Basaltblöcke
wie antike Fundstücke und vermittelt so dem Betrachter, daß alle
dargestellten Gegenstände Produkte eruptiver Naturgewalt sind. Dagegen macht
sich Lyell in seinem Frontispitz gewissermaßen die Argumente seiner Gegner
zu eigen, um sie im Bild zu widerlegen. Nicht mehr symbolisch sondern
konkret bezeugt die Ruine ca. 1400 Jahre Geschichte. In diesem Zeitraum hat
eine immense Erdkraft das Bauwerk um mehrere Meter sanft gehoben und
gesenkt, ohne es gänzlich zu zerstören. Da sich Lyells Theorie vehement
gegen geologische Katastrophentheorien richtete, war der intellektuelle Witz
perfekt. Gerade die Ruine, im Sinne Lyells oft als Zeugnis eruptiver Gewalt
mißverstanden, zeigt weithin sichtbar, jedem verständigen Menschen den
Gegenbeweis an.
Der Kunsthistoriker, Bibliothekar und ehem. Leiter der Graphischen Sammlung
der Zentralbibliothek Zürich, Bruno Weber, leistet mit seinem Aufsatz „Das
Elementarereignis im Denkbild“ eine detaillierte Darstellung zu den „sprechende[n] Bilddokumente[n]“ (239) zweier Bergstürze: Am 4. September
1618 in Piuro in Valchiavenna und am 2. September 1802 in Goldau im Kanton
Schwyz. In einen anonymen Schichtklappblatt mit dem Titel „Antica Piuro.
Fiktive Ansicht aus der Vogelschau von Norden“ von 1618 hat sich analog zu
den Steinmassen von 1,4 Quadratkilometern und einer Mächtigkeit von 20-30
Metern ein eingeklebter Papierlappen den unglücklichen Ort unter sich
begraben. „Das bewegliche Bild demonstiert Simultanität, Gleichzeitigkeit
von nicht zeitgleichen Phänomenen: Gegenwart und Vergangenheit werden mit
einem Blick im Nu wahrgenommen.“ (243) Es bleibt zu ergänzen, daß man damit
möglicherweise ein Anfangsdatum für einen Illusionismus gefunden hat, der
sich immer schon für Katastrophendarstellungen interessiert hat und der über
Gegenlichtdarstellungen, Panoramen bis hin zum Kino reicht.[7] In diesem
Sinne dürfte man in dem anonymen Klappbild von 1618 den Anfang einer
Entwicklung sehen, die kürzlich mit Roland Emmerichs Actionfilm „The day
after tomorrow“, in dem New York spektakulär unter einer Schneedecke
begraben wird, ihren vorläufigen Endpunkt erreichte. Der Beitrag von Weber
verzichtet auf diese spekulativen Gegenwartsbezüge zu Gunsten profunder
Ortskenntnisse, die auch beim zweiten Beispiel, dem Bergsturz von Goldau zur
Geltung kommen. Sein interessanter Beitrag endet in einer Kuriosität. Weber
stellt ein Relief vor, daß das Goldauer Tal vor dem Bergsturz rekonstruiert.
Ein Schneidermeister namens Baumann hat dieses Werk 1806 vollendet (heute im
Bergsturzmuseum Goldau). „Aus existenziellem Ursprung modelliert er mit
Holz- und Kohlestücken, Stoff und Papier, Sand und Moos, Leim und Farbe die
künstlerische Gestalt vormaligen Daseins, wie es in ihm weiterlebt und sich
zum überschaubaren Bild verdichtet.“ (257).
Kay Kirchmann widmet sich in seinem Beitrag „Erschütterungen - Beobachtungen
zur (Re-) Konstruktion von Erdeben in ausgesuchten TV-Formaten“ vor allem
dem interessanten Aspekt der Live-Übertragung. Einleitend macht Kirchmann
darauf aufmerksam, daß gerade Naturkatastrophen, die plötzlich und
unerwartet die Menschheit heimsuchen, im gewissen Gegensatz zur
Liveberichterstattung stehen, da die Nachrichtensender natürlich in diesem
Sinne nur zufällig vor Ort sein oder auf zufällig gefilmtes Laienmaterial
zurückgreifen können. Dies wäre nun nicht weiter bemerkenswert, wenn nicht
die Sender selbst, wie der Autor anhand einer Werbekampagne von n-tv überzeugend darlegt , genau das Gegenteil dem Zuschauer vorgaukeln. Durch
eine „Suggestion unentwegter Simultanität“ wird der Sender zum „Agenten der
Ommivision“ (261).
Es ist tatsächlich ein irritierendes Merkmal des Fernsehens, daß alles
Wichtige und Aktuelle bestenfalls zeitgleich gesendet werden sollte. Um
diesen Zwang zu ergründen, verweist Kirchmann im Fall der Naturkatastrophen
zunächst einerseits auf den Voyeurismus der Zuschauer und andererseits auf
die Attraktivität der Bilder und stützt sich dabei auf Siegfried Kracauer
als Zeugen.
Umfassend kategorisiert der Autor anschließend die verschiedenen
Möglichkeiten. Tritt einmal der seltene Fall ein, daß Live-Bilder vorhanden
sind, werden diese oft im einzelnen endlos wiederholt. In den meisten Fällen
erreicht jedoch die Kamera erst nach dem Ausnahmezustand den Ort der
Katastrophe und muß sich mit den Auswirkungen begnügen, die dann in aller
Regel in epischer Breite abgebildet werden. Der lustigste und gleichsam
bedenklichste Fall ist aber die dritte vorgestellte Möglichkeit, bei der ein
historisches Ereignis, von dem es keine Live-Bilddokumentation gibt, für das
Fernsehen bearbeitet wird. Kirchmann kann zeigen, daß sich in einem so
gelagerten Fall das ZDF nicht davor scheute, aus Ermangelung an Mitschnitten über das Erdbeben von San Francisco schlicht dieses nachzustellen. „Strikt
dem Ökonomiepostulat der öffentlich-rechtlichen Anstalten unterworfen, muß
dafür dann auch schon mal ein wackelndes und schließlich umkippendes
Kaffeeservice sowie ein gezielter Tritt gegen das Kamerastativ ausreichen,
wie auch die damals auf die Erdstöße folgenden Feuersbrünste hier im Studio
in Gestalt einer umfallenden Petroleumlampe kostengünstig nachinszeniert
worden ist.“ (273)
Nach der Lektüre von Kirchbaums Aufsatz zu den Mechanismen der
Live-Übertragung denkt man unweigerlich an den weltweit live gesendeten
Einsturz des zweiten Turms des WTC, dessen Filmreife ebenfalls viel
beschworen wurde. Die ruhig und sachlich vorgetragenen Argumente haben im
Gegensatz zu der hastig zusammengeschriebenen ersten Welle
medientheoretischer Arbeiten etwas Beruhigendes. Auf der anderen Seite steht
die beunruhigende Gewißheit, daß nicht allein die Naturkatastrophe weiterhin
aktuell bleibt. Die Geisteswissenschaft wird nicht umhin kommen, die von
Menschen gemachten Katastrophen stärker in den Fokus zu rücken. Der
besprochene Band liefert für diese Aufgabe ein erstes tragfähiges Fundament.
Anmerkungen:
[1] Vgl. Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, (Fotomechanischer
Nachdruck) Gütersloh 1991; Johann Heinrich Zedler, Großes vollständiges
Universal-Lexikon, Leipzig 1732 ff.; Joachim Ritter (Hrsg.) u.a.,
Historisches Wörterbuch der Philosophie, Basel 1971 ff.; Gert Ueding
(Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992 ff.; Karlheinz
Barck (Hrsg.), Ästhetische Grundbegriffe, Stuttgart 2000 ff..
[2] Eine Auswahl verschiedener Deutungen liefert J. Nussbaumer, Die Gewalt
der Natur. Eine Chronik der Naturkatastrophen von 1500 bis heute, Grünbach
1996. Der Autor kommt zu der Feststellung: „Eine einheitliche und allgemein
verbindliche Definition von Katastrophe existiert in der Literatur nicht“
(15). In der Geologie gilt die Katastrophentheorie zudem als überholt. Vgl.
Steven M. Stanley, Historische Geologie, Heidelberg und Berlin 2001 (2.
Aufl.), S. 669.
[3] Johann Georg Sulzer, Allgemeine Theorie der Schönen Künste, 4 Bde. (1792-99). Vergewissern kann sich Sulzer wiederum bei Scaliger, vgl. Julius
Caesar Scaliger, Poetices libri VII (1561), L.I.C.9. - vgl. auch Joachim
Heinrich Campe, Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer
Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke, Braunschweig 1801.
[4] Zwei Beispiele: Daniel François Espit Auber, La Muette de Portici, endet
mit dem Ausbruch des Vesuvs und wurde in Deutschland als „Die Stumme von
Portici“ unter Richard Wagner als Dirigent uraufgeführt. Gasparo Spontinis „Die Vestalin“ endet mit einem Blitzschlag, der die erloschene Feuerschale
im Tempel wieder entzündet.
[5] Werner Busch, Das sentimentalische Bild. Die Krise der Kunst im 18.
Jahrhundert und die Geburt der Moderne, München 1993, S. 10.
[6] Vgl. Dombois, in: Elementare Gewalt. Kulturelle Bewältigung. Aspekte der
Naturkatastrophe im 18. Jahrhundert, Hrsg. von F. Eybl u.a. (Jb. der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts, Bd.
14/15), Wien 2000, S. 197-216.
[7] Dewitz, Bodo von und Nekes, Werner (Hrsg.), Ich sehe was, was Du nicht
siehst. Sehmaschinen und Bildwelten, Köln 2002.
Redaktion: Philipp Zitzlsperger

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