Barocke Sakralarchitektur in Wilna: Verfall und Erneuerung. Fotografien von Kęstutis Sto?kus. Eine Ausstellung des Herder-Instituts Marburg in Zusammenarbeit mit dem Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas Leipzig. Katalog, herausgegeben und bearbeitet von Andrea Langer und Dietmar Popp, Marburg: Herder-Institut, 2002, 209 S., ISBN 3-87969-304-8, 25,00 EUR Der Band ist zur Fotoausstellung des litauischen Fotokünstlers Kęstutis Ipolitas Stoškus in Marburg (Herder-Institut, 05.07.–13.09.2002) und in Leipzig (Galerie Barthels Hof, 27.09.–03.11.2002) erschienen. Die Ausstellung wanderte inzwischen auch nach Kiel (Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Sartori & Berger-Speicher, 18.05.–29.06.2003). Sie wurde vom Fotografen selbst zusammen mit der litauischen Kunsthistorikerin Birutė Rūta Vitkauskienė konzipiert und vom Herder-Institut Marburg in Zusammenarbeit mit dem Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas Leipzig organisiert. Litauische, polnische und deutsche Wissenschaftler behandeln das faszinierende Architekturerbe Vilnius’ im Kontext der gemeinsamen europäischen Geschichte. Neben den schwarz-weißen Fotografien von Stoškus wurden Fotos aus den Vorkriegszeiten von Jan Bułhak und Jerzy Langda (Warschauer Bildarchiv) und Aufnahmen aus dem Bildarchiv des Herder-Instituts Marburg ausgewählt. Im ersten Teil des Bandes wird ein chronologisch-historischer Überblick gegeben. Im zweiten, dem Katalogteil (S. 77–197) werden 20 ausgewählte Vilniusser Kirchen, die verschiedene Konfessionen des Barockzeitalters repräsentieren, abgebildet und von Birutė Rūta Vitkauskienė beschrieben. Der erste Beitrag des ersten Teils „Wilna und das Großfürstentum Litauen – eine Skizze der politischen und kulturgeschichtlichen Entwicklung“ (S. 11–22) von Andrea Langer stellt Litauen und dessen Hauptstadt Vilnius vor und blickt auf den Weg Litauens von der Christianisierung im 13.–14. Jahrhundert, auf die territoriale Struktur des multikonfessionellen Großfürstentums Litauen im 15.–16. Jahrhundert, auf die konfessionspolitischen Fragen in der 1569 mit dem Königreich Polen geschlossenen parlamentarischen Union von Lublin und auf das kulturelle Leben der Republik Zweier Nationen im 17.–18. Jahrhundert bis zur dritten Aufteilung 1795. Schon im Vorwort des Buches sagen die Herausgeber: „Einschneidende politische Veränderungen Litauens brachten einen oftmaligen Wechsel der Namen und ihrer Schreibweisen mit sich“ (S. 10). Die Schreibweise der Orts- und Personennamen, besonders für die Regionen, in denen verschiedene Kulturtraditionen wirkten (wie z. B. im Herzogtum Preußen und im Großfürstentum Litauen), sind zum Albtraum geworden und werden manchmal von der litauischen und der polnischen Seite mit übertriebener Ideologisierung betrachtet. Es hat jedoch mit der politischen Lage Litauens kaum etwas zu tun: Es ist nun einmal so, dass man die herkömmlichen und die für die litauische Kultur wichtigen Personen- wie auch Ortsnamen auf Litauisch lituanisiert schrieb und schreibt, und die gleichen Namen auf Polnisch polonisiert geschrieben werden. In der deutschsprachigen Tradition transkribiert man dieselben Namen wiederum anders. Idealerweise sollten die Namen zwei- oder sogar dreisprachig angeben werden, wenn möglich noch zusätzlich mit den lateinischen Formen. Eine interlinguale Liste solcher Namensvarianten, wie es sie für die Ortsnamen Ostpreußens gibt, wäre wünschenswert [3]. Das mehrförmige Personenregister dieses Kataloges kann man als einen begrüßenswerten Entwurf ansehen [4]. Der zweite Beitrag des Bandes von Jerzy Kowalczyk behandelt „Barocke Sakralbauten in Wilna“ (S. 23–41). Die barocke Architektur im 17. Jahrhundert prägten die vom königlichen Hof in Vilnius (unter der Wasa-Dynastie) berufenen italienischen Architekten Matteo Castello, Constante Tencalla und Giovanni Battista Gisleni. Spätbarock und Rokoko formten Künstler aus Deutschland und den habsburgischen Ländern: Abraham Würtzner, Joachim Herdegen, Franz Ignatius Hoffer und Jan Tobias de Dyderstein. Der Barock kam 1604 nach Vilnius als die Jesuitenkirche zu Ehren des Schutzpatrons Litauens St. Kasimir errichtet wurde (Bernardoni), deren zweitürmige Fassade auch für andere Barockkirchen in Vilnius charakteristisch wurde. Die Kirche diente als Vorbild für die orthodoxe Heilig-Geist-Kirche, die auf dem Grundriss eines lateinischen Kreuzes mit Kuppel 1633–1637 erbaut wurde. Eins der bedeutendsten der von der Wasa-Dynastie gestifteten Sakralgebäude in Vilnius ist die Kasimirkapelle in der Kathedrale (1623–1636). Nach dem Großbrand in Vilnius 1737 betrat der Architekt Glaubitz die Szene: Zuerst mit dem Wiederaufbau der 1566 errichteten evangelisch-lutherischen Kirche (1739–1743). Später gestaltete er die Gebäude im Geiste des Spätbarocks und Rokoko um: Er erhöhte die Türme und die Fassaden der Kirchen und bildete formenreiche Kuppeln. Die schlanken durchbrochenen Türme der Benediktinerinnenkirche St. Katharina von Alexandrien (1742–1743) und die noch schlankeren der Missionarskirche Christi Himmelfahrt (1750–1756 [nicht 1747, S. 31]) dominieren das Panorama von Vilnius. Malerisch gestaltete Kuppeln, deren Laterne mit einem Helm in Form einer Königskrone bekrönt sind, gehören zu den Besonderheiten des Vilniusser Barocks. Das markanteste Beispiel dafür ist St. Kasimir. Bühnenzeichnungen von Andrea Pozzo und Bernardo Vittone dienten für einige Kirchen als Vorbilder. Der Beitrag von Aleksandra Aleksandravičiūtė „Zur Ausstattung barocker Kirchen in Wilna“ (S. 43–60) beschreibt die Innenräume mehrerer Kirchen: Die kleineren Kunstwerke der Übergangsphase und des Frühbarocks und die größeren Objekte des Hochbarocks. Die Ausstattung der Kirchen fand am intensivsten in der Regierungszeit des Königs Wladislaw IV. Wasa (1595–1648) und auf Initiative der Adelsfamilie Pac statt. Unübertroffen ist die von dem Hetman des Großfürstentums Litauen und Woiwoden von Vilnius Michael Kasimir Pac (lit. Mykolas Kazimieras Pacas, pol. Michał Kazimierz Pac, 1624–1682) 1668–1675 gestiftete St. Peter und Paul Kirche. Die von Pietro Peretti und Giovanni Maria Galli geschaffenen Stuckdekorationen sind bis heute besser erhalten als andere später restaurierte Werke. Die Kirche stellt einen Höhepunkt der Meisterschaft von Comasken in Polen und Litauen dar. Als ein markantes Meisterwerk des reifen Barocks wird auch hier die Kasimirkapelle in der Kathedrale Vilnius detailliert vorgestellt. In den Jahren 1730–1765 entwickelte sich die eigenständige Vilniusser Barockschule, während bis 1790 der Rokokostil seinen Höhepunkt erreichte. Der Spätbarock Litauens wurde im 18. Jahrhundert u. a. von Künstlern aus Mitteleuropa und deren litauischen Schülern geprägt. Die durch Harmonie und leichte Proportionen gekennzeichneten farbenprächtigen Perspektivaltäre zählen zum Stolz der Vilniusser Kirchen (St. Johannes, St. Kasimir, St. Theresia, St. Katharina und Allerheiligen). Wie man mit dem reichen Kulturerbe Vilnius’ in den vergangenen zwei Jahrhunderten umgegangen ist, schildert der Beitrag von Maria Kałamajska-Saeed „Gemeinsames Kulturerbe – der Umgang mit den Monumenten des Wilnaer Barock im 19. und 20. Jahrhundert“ (S. 61–72). Beim Abriss der Stadtmauern 1799 blieb nur das Aušros Tor (Tor der Morgenröte; pol. Ostra Brama) stehen, dessen wundertätiges Muttergottesbild in einer Barockkapelle an der Torinnenseite jahrhundertelang als Nostalgiesymbol für die Polen und als Hoffnungsymbol für die Litauer diente. Der Ende des 18. Jahrhunderts an der Universität Vilnius eingerichtete Lehrstuhl für Malerei prägte den Klassizismus in der Stadt. Als Zeugnis der damaligen Änderungen blieb die Kathedrale bis heute als Beispiel eines monumentalen klassizistischen Umbaus stehen (in den Jahren bis 1798 vom Architekten Wawrzyniec Gucewicz, lit. Laurynas Stuoka-Gucevičius entworfen und realisiert). Im 19. Jahrhundert strahlte Vilnius die „Atmosphäre der besonderen Anerkennung und Bewahrung des kulturellen Erbes“ aus, was von litauischen und polnischen Adligen als patriotische Pflicht empfunden wurde. Die im 17. Jahrhundert entstandene Formulierung „gente polonus, natione lithuanus“, die auf den berühmten Ausspruch der Radzivilus Familie zurück geht „obwohl wir Litauer sind, sollen wir Polnisch sprechen“, deutet auf eine für beide Seiten fruchtbare Koexistenz des litauischen und des polnischen Volkes hin. Im 19. Jahrhundert hatten die politischen Ereignisse und besonders die nach dem Aufstand 1863 von dem zaristischen Regime unternommene Russifizierung und Verfolgung der katholischen Kirche das Problem der konfessionellen und dadurch unvermeidlich der ethnischen und sprachlichen Identität verstärkt. Das starke nationale Bewusstsein und die Pflege der litauischen Sprache war für die Litauer auch im 20. Jahrhundert absolut notwendig. Der Patriotismus konnte sich nach dem Verlust eines eigenen Staates nur auf Sprache und Ethnos stützen. Heutzutage kann eine von Litauern und Polen jeweils einseitig formulierte überidealisierte nationale Identität für die Bewertung des historischen Erbes nur schädlich sein. In diesem Kontext bedeutet der Teil des Titels der Ausstellung und des dazu erschienenen Bandes „Verfall und Erneuerung“ nicht nur den materiellen Verfall einiger Sakralgebäude, sondern viel mehr den nach Erneuerung rufenden Niedergang der von Toleranz geprägten menschlichen und wissenschaftlichen Beziehungen. Anmerkungen: [1] Der Name Litauens wurde zum ersten Mal in den lateinischen „Annales Quedlinburgenses“ 1009 erwähnt. [2] Irena Vaišvilaitė, „Bemerkungen zu einer vergessenen und wiedergefundenen Stadt“, in: „Fortsetzung folgt. Essays über Litauen und Europa“, Vilnius 2002, S. 57 (S. 54–61). [3] Ein Register der Ortsnamen Kleinlitauens (Litauisch, Deutsch und Russisch) ist unter folgender Adresse im Internet zugänglich: http://pirmojiknyga.mch.mii.lt/Leidiniai/Prusviet.de.htm [4]Im Register sind in manchen Fällen die Vornamen nicht richtig angegeben, z. B. der Vorname der Familie Radzivilus (lit. Radvila, pol. Radziwiłł) Nikolaus entspricht auf Litauisch Mikalojus und nicht Mykolas, denn letzteres heißt auf Deutsch Michael (S. 201). Abroamas Kulvietis (S. 13, 15) heißt wohl Abraomas (lat. Abrahamus Culvensis). Copyright for all reviews © 2004 by H-ArtHist (H-NET) and the author, all rights reserved. Works may be copied for non-profit educational use if proper credit is given to the author and the list. For other permission please contact hah-redaktion@h-net.msu.edu. 21-apr-05 |