Cesare De Seta: Hackert. Catalogo di Claudia Nordhoff. Neapel: Electa Napoli 2005. 240 Seiten. zahlr. Ill.; ISBN 88-510-0296-7. Euro 80.- Rezensiert für H-ArtHist von Jörg Garms Selten dürfte die „fortuna critica“ eines Künstlers - insbesondere eines, den man nicht zu den ganz großen rechnen kann - eine derart ausdrucksvolle Kurve von Ruhm bei Lebzeiten, Verachtung und Vergessen alsbald danach und neuerwachtem Interesse zu verzeichnen haben. Krönig war in einem weit gespannten Sinn Süditalien-Forscher und kam da als Deutscher nicht an Hackert vorbei. Dem italienischen Publikum galt dieser generell als detailselig, „trocken“ und damit als sehr „deutsch“; ersteres war aber schon implizit der Hauptvorwurf seiner frühen deutschen Kritiker Joseph Anton Koch und E.T.A. Hoffmann - Hackert war eben alles andere als ein „Originalgenie“. Italienischerseits unternahm der neapolitanische Soprintendente Raffaello Causa im enzyklopädischen Katalog der Ausstellung „Civiltà del 700 a Napoli 1734-1799“ (Neapel 1979) eine erste Aufwertung; Paolo Chiarini, der Initiator der römischen Ausstellung von 1994, ist Germanist und Goethe-Forscher (die Verbindung des Künstlers mit Goethe war schon immer der vordringlichste Grund gewesen, sich mit ihm zu beschäftigen). Bei dem in Neapel lehrenden, aber auch palermitanischen Wurzeln verpflichteten Cesare de Seta verbindet sich eine neue Erkenntnisse zeitigende Beschäftigung mit den konstruktiven Aspekten der Vedute mit einer passionierten Erforschung der literarischen und künstlerischen „Wiederentdeckung“ des südlichen Italien im Rahmen eines erweiterten Grand Tour im 18.Jahrhundert. Zu beiden Bereichen hat er zahlreiche Veröffentlichungen aufzuweisen. Im Fall von Jakob Philipp Hackert (1737-1807) steht also in der Forschungsgeschichte der Künstler an nachgeordneter Stelle, und seine großen künstlerischen Qualitäten wurden nur schrittweise und gleichsam widerstrebend anerkannt. Auch de Seta betont vordringlich dessen „analytische“ Einstellung, die er mit der Herkunft und dem Erlebnis der Landschaft Nordeuropas begründet. Hackert - und darauf insistiert der Autor zu Recht - informiert in außergewöhnlichem Maße nicht nur über die das Thema der jeweiligen Werke bildenden Kulturlandschaft, sondern auch über Geologie und Botanik, Kleidung (Volkstrachten und Uniformen) oder Schiffbau. Die frühen Lebensstationen - Berlin 1753-65, Paris 1765-68 und Rom 1769-85 - werden eher kurz abgehandelt, und dies entspricht sicher ihrer historischen Bedeutung. Zum Rom-Bild hat Hackert nichts Entscheidendes beigetragen (am bedeutendsten die Ansichten der Villen am Stadtrand in ihrer Landschaft), mehr durch seine Fahrten durch den Kirchenstaat und vor allem die „Zehn Aussichten von dem Landhaus des Horaz“ 1780 (Besuch in Licenza 1769). 1770 gelangt er erstmals nach Neapel, 1777 bereist er mit zwei Briten erstmals Sizilien, ab 1782 häufen sich sodann die Aufenthalte in Neapel, bis er sich dort 1786 niederlässt; 1799 durch Revolution und französische Besetzung vertrieben, verbringt er seine letzten Lebensjahre in der Toskana. Schon 1782 gelingt es Hackert, von König Ferdinand IV. „entdeckt“ zu werden, und bald nimmt er eine bedeutende Stellung in dessen Umgebung ein: Persönliche Neigungen und politische Absichten des Herrschers machen Hackerts Gemälde gleichermaßen zu einem wichtigen Teil der absolutistischen Repräsentation in der Reggia von Caserta, aber auch anderen Siti Reali; sein Einfluß erstreckt sich bald in große Bereiche der Kunstpolitik. De Seta gliedert die einschlägigen Werkgruppen in folgende Kapitel: Incontro con il re Ferdinando IV di Borbone - Le Quattro Stagioni nel Casino di Carlo Vanvitelli al lago Fusaro - Le cacce di re Ferdinando - La vita di Corte e il ruolo di Hackert come consulente - L‘ostentazione delle imprese della Corona - La commessa reale per i porti del Regno - Lo studiolo privato di re Ferdinando nella Reggia di Caserta. Der Autor behandelt in zeitlicher Abfolge Leben und Werk gemeinsam, kommt auf die wichtigen Fragen der künstlerischen und intellektuellen Ausbildung zu sprechen, auf Hackerts Verhältnis zu Claude Lorrain, dem großen und fernen Vorbild, von dem er sich nichtsdestoweniger bewusst absetzte, und auf Sulzer als ästhetischen Lehrmeister. Er handelt von Hackerts Streben und Fähigkeit, wichtige Kontakte zu knüpfen und zu pflegen - neben König Ferdinand auch Malerfreunde, Baron Reiffenstein und die russische Hofgesellschaft, aber auch Goethe -, ohne in eine Denunziation des Karrieristen zu verfallen. Den Abschluß bilden die auf Hackert bezügliche Malergeschichte aus den „Elixieren des Teufels“ von E.T.A. Hoffmann und als Appendix der Wiederabdruck eines Textes zu Goethes Malerfreundschaften in Italien. De Setas Text und der Katalog von Claudia Nordhoff halten sich annähernd die Waage und ergänzen sich vorzüglich. Auf dem Katalog ihres Buches von 1994 aufbauend geht Nordhoff ausführlich auf die Entstehungsgeschichte und das weitere Schicksal der Bilder ein, gibt aber auch ausgezeichnete Analysen von Details und Kompositionsmethoden der Bilder, die Cesare de Seta wirksam in großen Zügen charakterisiert hat. Redaktion: Rainer Donandt
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