Markus Schmitz Seit den 1990er Jahre erscheinen zahlreiche Monografien, in denen auch die im Exil entstandenen Arbeiten der Vertreter der deutschsprachigen Architekturmoderne mitberücksichtigt werden.[1] Auf den ersten Blick scheint Regina Göckedes Studie zum Exil des Endell-Schülers, Scharoun-Partners und Breslauer Akademieprofessors Adolf Rading nahtlos an diese auf die (Wieder-)Herstellung des geschichtlichen Kontinuums zielende historiografische Praxis anzuschließen. Die überarbeitete Fassung der 2003 mit dem Theodor Fischer Preis ausgezeichneten Dissertationsschrift will aber deutlich mehr leisten, als nur eine weitere autonom-stilgeschichtliche Erwiderung des vorherrschenden Geschichtsbildes von einer sich erfolgreich internationalisierenden heroischen Architekturmoderne am Einzelbeispiel. Das wird bereits an dem großen Umfang deutlich, den Regina Göckede ihrer rezeptionskritisch fundierten, einleitenden Methodendiskussion einräumt. Teil I der Untersuchung bietet eine enorm quellenreiche und häufig schonungslose Kritik der bisherigen architekturhistorischen Exilforschung, ihrer ideologischen Vorgefasstheit und blinden Stellen. Die Autorin zeigt, „daß die Begriffe, Kategorien, Formalisierungs- und Interpretationstechniken, mit denen man die Exilarchitektur in der Geschichte zu begreifen sucht, den übergeordneten Formationsregeln einer allgemeinen Historie modernen Bauens untergeordnet sind“ (S. 69), die dem linearen Modell des transatlantischen Architekturtransfers innerhalb einer allgemeinen Universalisierung der europäischen Moderne folgen. Während in diesem evolutionären Konzept die prominenten Amerikaemigranten Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius zu prototypischen Repräsentanten avancieren, bleiben viele abweichende Exilphänomene (das weniger prominente Architektenexil im allgemeinen sowie das von Architektinnen im besonderen oder das geografisch am Rande des euroamerikanischen Fokus gelegene Exil) entweder ganz unberücksichtigt oder werden trotz ihrer offensichtlichen Inkompatibilität in das allgemeine Geschichtsmuster gepresst. Um ihren eigenen Untersuchungsgegenstand nicht dasselbe antun zu müssen, entwickelt Regina Göckede im Folgenden unter Rückgriff auf Theodor W. Adorno, Edward Said und Michel Foucault einen theoretischen Zugang, der anstatt die vielfältigen Unterbrechungen und inneren Ungereimtheiten des Radingschen Oeuvres zu leugnen, dieselben zum Ausgangspunktpunkt für die Formulierung einer alternativen, dem Exil angemessenen Verfahrensweise macht: Eine historische Soziologie des Architektenexils, eine quasi-archäologische Analyse historischer Einschnitte durch die Rekonstruktion der wechselnden diskursiven Bedingungen und politisch-ökonomischen oder institutionellen Kontexte für die Entstehung konkreter Werkfragmente. Anstelle der zwanghaften Orientierung an einem geschlossenen Traditionsganzen, an einer Epoche oder einer homogenen Gruppenbewegungen zielt dieses Verfahren darauf, „die Diskontinuitäten in ihrer eigenen historischen Ereignishaftigkeit zu beschreiben“ (S. 95f). Der zweite Teil des Buches besticht durch die Einlösung eben dieser methodologischen Vorgabe. Nachdem in dem gleichnamigen Kapitel das „Vorleben des Exilanten“ (103ff) dargestellt wird, Radings institutionelle und publizistische Einbindung in den Diskurs des Neuen Bauens, aber auch die zunehmenden kulturpolitischen Widerstände auf die sein Engagement trifft, begleitet der eigentliche monografische Hauptteil den Weimarer Architekten in das französische, palästinensisch-israelische und englische Exil. Dieser „permanente Übergangs- und Ausnahmezustand“ beginnt 1936 mit dem vollständigen „Verlust der Architektur“ (S. 171) bevor sich Rading seit 1939 als Privatarchitekt und Städteplaner in der von Krieg und innenpolitischen Kämpfen destabilisierten Hafenstadt Haifa etablieren kann. Als sich mit der israelischen Staatsgründung zum wiederholten Male die baupolitischen Rahmenbedingungen verändern und ein ernsthaftes Angebot zur Rückkehr nach Deutschland ebenfalls ausbleibt, geht der Architekt 1950 nach England, wo er versucht im Schatten öffentlicher Wideraufbauprogramme beruflich zu überleben. Beeindruckend erarbeitet die Autorin häufig gegen konkurrierende Architekturgeschichten die unmittelbaren Voraussetzungen konkreter Bauten und Projekte, ohne dass die präzise Analyse konstruktiver Verfahren sowie die Darstellung von Grund- und Aufrisslösungen zu kurz kämen. Gleichzeitig wird das Exilwerk quellenkundlich gedeutet, indem Radings literarische Arbeiten und theoretische Schriften einbezogen und deren inter-textuelle Referenzen benannt werden. In der Summe entsteht das mosaikhafte Gebilde einer architektonischen Karriere, die sich keineswegs im Verweis auf ihren Weimarer Hintergrund erschöpft oder sich mit dem International Style-Begriff fassen lässt. Ein neuer Rading erscheint hier: Ein Architekt, der die Unordnungserfahrung des Exils in den eigenen Arbeitsmodus integriert, eine Baukunst, die sich rigoros gegen die rationalistische Orthodoxie der Moderne und den Formalismus ihrer kodifizierten Architektursprachen wendet, eine Urbanistik, die sich jenseits des dominanten CIAM-Funktionalismus als koordinierendes Medium demokratischer Partizipation begreift. In ihrem Resümee misst die Autorin diesem nicht leicht in das bestehende System der Architekturgeschichtsschreibung einzuordnenden Exilphänomen das Attribut „transversal“ bei. Der Wolfgang Welschs Vernunftskritik entliehene Begriff erklärt Radings Exil-Arbeiten als „Architektur der Überschreitung, des Bruchs und der Pluralität“ (S. 470) die, anstatt Diskontinuitäten zu leugnen oder zu synthetisieren, dieselben ausdrücklich hervorhebt. Das uneinheitliche Exilwerk wird hier nicht auf einen kontextfreien modernen Prinzipiensatz oder auf ein konsistentes Formengesetz zurückgeführt. Was die Untersuchung der Bauten, Projekte und Schriften stattdessen sichtbar macht, ist eine andere Regelhaftigkeit der Exilarchitektur: „Die Kontinuität des Wandels“ (ebd.). Die Studie ist deutlich mehr als eine herkömmliche Monografie. Der Autorin gelingt nicht nur für die Person Radings, sondern für die Beschreibung der Exilarchitektur insgesamt eine Revision unilinearer Erzählmuster. Ihre differenzierte Rezeptionskritik, aber vor allem ihre interdisziplinäre Herleitung einer poststrukturalistischen Methode bietet endlich jene konzeptionelle bzw. theoretische Grundlage für eine breit angelegte und koordinierte Erforschung des Architekturexils, deren Abwesenheit immer wieder von Fachwissenschaftlern beklagt wird.[2] Durch den fortschreitend vergleichenden Blick auf die Konfigurationen anderer Exilschicksale wird außerdem die zersplitterte Struktur eines 1933 unwiderruflich zerstörten Netzwerkes modernen Bauens dargestellt, die nichts desto weniger entscheidenden Anteil an der keineswegs gleichgerichteten Transformation der Moderne in den 30er, 40er und 50er Jahren des 20. Jahrhunderts hatte. Die Arbeit bietet damit eine wichtige Vorarbeit für die noch ausstehende Abfassung einer komparativen Wirkungsgeschichte des deutschsprachigen Architektenexils. Dank des Namensregisters kann die Studie durchaus als Nachschlagewerk genutzt werden. Über die spezifische Fachdiskussion hinaus enthält das Buch auch für eine breitere, an der architektonischen und städtebaulichen Moderne interessierte Leserschaft (nicht zuletzt mit Blick auf die Baugeschichte Palästina-Israels oder hinsichtlich des britischen Architekturdiskurses des Wiederaufbaus) kenntnisreiche Einführungen, neue Fragestellungen und weiterführende Hinweise. Die Autorin verschafft nicht nur mit Adolf Rading einem so genannten ‚major
minor master’ als kontrapunktische Stimme im Konzert der kanonisierten
modernen Baumeister Gehör, sondern setzt mit ihrer Studie ihrerseits einen
ebenso streng argumentierten wie erfrischend vorgetragenen Kontrapunkt zu
dem professionellen Konsens und der dominanten Lesart des Architektenexils
sowie zu der transhistorischen Ideologie des International Style. Auch wenn
man sich an der einen oder anderen Stelle mehr und vor allem großformatigere
Abbildungen gewünscht hätte und angesichts der theoretischen und
inhaltlichen Komplexität sowie mit Blick auf das zum Teil äußerst akribische
Bemühen um die Herstellung intertextueller Bezüge ein thematischer Index
sinnvoll wäre, darf man auf das Echo gespannt sein. Anmerkungen: [1] So z.B. Speidel, Manfred (Hg.): Bruno Taut. Natur und Fantasie,
1880-1938, Berlin 1995; Stephan, Regina (Hg.): Erich Mendelsohn - Architekt
1887-1953 - gebaute Welten: Arbeiten für Europa, Palästina und Amerika,
Ostfildern-Ruit: 1998; Herrel, Eckhard: Ernst May. Architekt und Stadtplaner
in Afrika 1934-1953 (Schriftenreihe zur Plan- und Modellsammlung des
Deutschen Architektur-Museums, hg. v. Evelyn Hils-Brockhoff, Wolfgang
Voigt), Frankfurt/M. 2001; Nerdinger Winfried (Hg.): Bruno Taut : 1880 -
1938; Architekt zwischen Tradition und Avantgarde, Stuttgart 2001. Redaktion: Claudia Sedlarz
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